Frem­de neue Hei­mat

Sy­rer tref­fen Sach­sen: „Fort­schritt im Tal der Ah­nungs­lo­sen“von Flo­ri­an Ku­nert im

Der Tagesspiegel - - BERLINALE/KULTUR - Pa­trick Wil­der­mann

Der ehe­ma­li­ge Agrar-In­ge­nieur aus Neu­stadt, der 1975 zum ers­ten Mal Sy­ri­en be­sucht hat und schö­ne Di­as von sei­nen Rei­sen zei­gen kann, frischt sein Ara­bisch noch mal auf. Zu­sam­men mit sei­ner Frau trifft er auf ei­ne Grup­pe jun­ger Sy­rer, die als Ge­flüch­te­te in Sach­sen le­ben und auf An­er­ken­nung ih­res Asyl­an­trags war­ten. Was sie in ih­rer Hei­mat ge­macht ha­ben, möch­te er wis­sen. Stu­diert, er­zäh­len sie in ih­rer Lan­des­spra­che, Bau­we­sen oder Phar­ma­zie. „Die ha­ben al­le or­dent­li­che Be­ru­fe“, nickt der Mann an­er­ken­nend. „War­um sind sie dann hier­her­ge­kom­men?“, fragt sei­ne Frau. „Das wol­len wir jetzt nicht an­spre­chen“, be­stimmt er un­wirsch. „Das ist kein gu­tes The­ma“.

Ja, sie ste­hen sich fremd ge­gen­über, die Schutz­su­chen­den und die Ein­hei­mi­schen im „Tal der Ah­nungs­lo­sen“, wie man zu DDR-Zei­ten die Ge­bie­te nann­te, in de­nen kein West­fern­se­hen zu emp­fan­gen war. In Neu­stadt, auf dem Ge­län­de des vor­mals stol­zen Kom­bi­nats „Fort­schritt“, wo­land­wirt­schaft­li­ches Groß­ge­rät pro­du­ziert wur­de und das heu­te größ­ten­teils in Rui­nen liegt, wur­den ab 2014 vor al­lem Asyl­be­wer­ber aus Sy­ri­en un­ter­ge­bracht, in den ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter- wohn­stät­ten. Je­ne Men­schen al­so, de­nen heu­te ge­ra­de in Ost­deutsch­land so hef­ti­ge Res­sen­ti­ments ent­ge­gen­schla­gen. Ob­schon, bi­zar­re Po­in­te der Ge­schich­te, das Trüm­mer-Am­bi­en­te bei­den ver­traut ist. Ge­flüch­te­te tref­fen Ab­ge­wi­ckel­te.

Die­se Si­tua­ti­on nimmt der jun­ge Re­gis­seur Flo­ri­an Ku­nert, selbst im Jahr des Mau­er­falls in der Nä­he von Dres­den ge­bo­ren, zum Aus­gangs­punkt sei­ner Do­ku­men­ta­ti­on „Fort­schritt im Tal der Ah­nungs­lo­sen“. Die han­delt we­ni­ger von Frem­den­feind­lich­keit (ob­wohl die La­serPo­in­ter, die ins Asyl­be­wer­ber­heim leuch­ten, oder das Schwei­ne­fleisch im Brief­kas­ten nicht un­er­wähnt blei­ben), son­dern zeigt Be­geg­nun­gen zwi­schen sy­ri­schen Ge­flüch­te­ten und durch­aus wohl­mei­nen­den Men­schen, die ih­re ei­ge­ne DDR wie­der auf­le­ben las­sen. Die mit den Sy­rern Drill-Ri­tua­le der „Ge­sell­schaft für

FO­RUM

Sport und Tech­nik (GTS)“per­for­men oder ih­nen Hals­tü­cher der Thäl­man­nPio­nie­re um­bin­den. Gar nicht als Ewig­gest­ri­ge. Aber mit dem Ges­tus des Be­dau­erns, weil „da­mals nicht al­les ver­kehrt war“. Ku­nert, dem ein groß­ar­ti­ger Film ge­glückt ist, hat un­ter an­de­rem Ar­chiv­ma­te­ri­al aus­ge­gra­ben, das den be­ju­bel­ten Staats­be­such von Ha­fiz al As­sad zeigt, Va­ter des heu­ti­gen Dik­ta­tors. Dass es zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges, in der Op­po­si­ti­on ge­gen Is­ra­el und die USA, ei­ne so­zia­lis­ti­sche Freund­schaft zwi­schen Sy­ri­en und der DDRgab, zählt zu den ver­ges­se­nen Fuß­no­ten der Ge­schich­te.

Ha­san Jam­joom ist ei­ner der sy­ri­schen Prot­ago­nis­ten, die zur Pre­mie­re nach Ber­lin ge­reist sind. Er lebt jetzt in Aa­chen, hat ei­nen Job in der Fast-Food-Gas­tro­no­mie, be­legt Deutsch­kur­se. „Ich muss ge­ste­hen, dass ich beim ers­ten Se­hen nicht ver­stan­den ha­be, was der Film ei­gent­lich will“, sagt er. Mitt­ler­wei­le sei ihm das kla­rer. „Die Men­schen in der DDR ha­ben sich et­was auf­ge­baut, aber auf dem fal­schen Fun­da­ment. Von ei­nem Tag auf den an­de­ren gab es ‚Fort­schritt‘ nicht mehr, der Ver­lust schmerzt die Leu­te.“Sich vor der Ka­me­ra in die DDR zu­rück­ver­set­zen zu las­sen und in GST- Uni­form zu mar­schie­ren, sei ihm wie­der­um gar nicht schwer­ge­fal­len. „Wir ha­ben auch in der Schu­le Mi­li­tär­uni­for­men ge­tra­gen. Die Ge­bäu­de, der All­tag, da gibt es vie­le Par­al­le­len zwi­schen DDR und Sy­ri­en.“Und, das ist ihm wich­tig, er ha­be vie­les über West­deutsch­land ge­wusst, wo­hin sein Va­ter 1989 als Sa­les Ma­na­ger ei­nes sy­ri­schen Un­ter­neh­mens ge­reist war, um ein Ge­schäft mit Dr. Oet­ker ab­zu­schlie­ßen. „Er hat mir er­zählt, wie die Men­schen le­ben. Wir ha­ben Ah­nung von Eu­ro­pa. Nur um­ge­kehrt ha­ben die Leu­te im Wes­ten lei­der kei­ne Ah­nung von uns.“

Ost­deut­sche, wird heu­te so­zio­lo­gisch gern in­ter­pre­tiert, ha­ben ei­ne „Mi­gra­ti­on oh­ne Be­we­gung“hin­ter sich. Ha­ben sich über Nacht in ei­nem an­de­ren Land wie­der­ge­fun­den. Soll­te das nicht an­de­re Al­li­an­zen, So­li­da­ri­tä­ten zei­ti­gen? Die Fra­ge hängt un­aus­ge­spro­chen über dem Film. Es gibt ei­ne Sze­ne, die es nicht in den fi­na­len Schnitt ge­schafft hat, mit ei­ge­ner Aus­sa­ge­kraft. Ma­jed, Ba­sil und Ha­san ste­hen am Fens­ter ei­nes Plat­ten­baus, re­flek­tie­ren über die selt­sa­me Prä­senz der Ver­gan­gen­heit in die­sem Ost­deutsch­land, das ih­re Tran­sit­hei­mat ist. „30 Jah­re seit dem En­de der DDR“, fin­det Ma­jed, „hät­ten doch ge­nug Zeit sein müs­sen, um­An­sich­ten zu än­dern.“„Ich glau­be“, wen­det Ba­sil ein, „wir wer­den nach dem Sy­ri­en­krieg auch über 30 Jah­re brau­chen, um neu zu den­ken.“

— 13.2., 12.30 Uhr (Ar­senal 1), 15.2.,

19.30 Uhr (Ci­ne­ma­xX 6), 17.2., 19.30 Uhr (Del­phi)

Hoch­ge­hängt. Ein­woh­ner von Neu­stadt in Sach­sen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.