Kommt ih­nen bloß mo­ra­lisch!

„Un­ser ge­mein­sa­mer, frei­er Rund­funk ARD“: Fra­ming für Füh­rungs­kräf­te

Der Tagesspiegel - - MEDIEN - Von Joa­chim Huber

„Die ARD ist der ver­län­ger­te Arm des Bür­gers.“Star­ker Satz, oder? Könn­te sein, dass er von ei­ner ARD-Füh­rungs­kraft wäh­rend ei­ner Dis­kus­si­on um den öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funks fal­len ge­las­sen wird. Folgt dann der Slo­gan „De­mo­kra­tie statt re­chen­schafts­frei­er Echo­kam­mern“, ist Ge­wiss­heit ge­ge­ben: Die ARD-Hier­ar­chin, der ARD-Hier­arch hat das ak­tu­el­le „Fra­ming-Ma­nu­al“nicht nur ge­le­sen, son­dern dar­aus ge­lernt. Die 89 Sei­ten des Ber­ke­ley In­ter­na­tio­nal Fra­ming In­sti­tu­te von Eli­sa­beth Wehling zei­gen schon im Ti­tel das Ziel an: „Un­ser ge­mein­sa­mer, frei­er Rund­funk ARD“. Mit dem Stra­te­gie­pa­pier soll in der öf­fent­li­chen De­bat­te end­lich (wie­der) die Ober­hand ge­won­nen wer­den.

Der me­tho­di­sche An­satz – Se­lek­tie­ren, Struk­tu­rie­ren und Deu­ten von Be­grif­fen zu ei­nem be­stimm­ten Wir­kungs­zweck – wird von den Ma­nu­al-Au­to­ren ins „mora­li­sche Fra­ming“über­setzt. Fak­ten und De­tails sind da nicht pri­mär, über al­lem muss die Über­zeu­gung ste­hen, die Ar­beit der ARD sei von mo­ra­li­schen Prin­zi­pi­en ge­tra­gen. Da­mit ist gleich zu Be­ginn der ho­he Ton ge­setzt, der sich wie ein stren­ger Ge­ruch durchs Pa­pier zieht. Und der Ton muss in der Kom­mu­ni­ka­ti­on durch­ge­hal­ten wer­den, von In­ter­view zu In­ter­view, von De­bat­te zu De­bat­te, nur die stän­di­ge Wie­der­ho­lung ent­fal­tet Wir­kung, kann der „mora­li­sche Fra­me“ei­ne „rea­lis­ti­sche Wahr­neh­mungs­al­ter­na­ti­ve“wer­den. Ganz wich­tig für die Füh­rungs­kraft: „Nut­zen Sie nie, aber auch wirk­lich nie, den Fra­me Ih­rer Geg­ner.“

Die mo­ra­lisch-stra­te­gi­schen Zie­le der ARD wer­den über vier Fra­ming-Ka­pi­tel ge­spielt: „Un­ser Rund­funk ARD“, „Frei­heit“, „Be­tei­li­gung“, „Zu­ver­läs­sig­keit“. „Un­ser Rund­funk ARD“heißt dann, dass die ARD ein „von Bür­gern er­mög­lich­tes Rund­funk­sys­tem“ist. Der via Rund­funk­bei­trag kei­ne Ein­nah­men er­zielt, son­dern schlicht­weg das Rund­funk­ka­pi­tal der Bür­ger ver­wal­tet, „die sich in Deutsch­land seit je­her auf die­se Wei­se ih­ren ge­mein­sa­men, frei­en Rund­funk ARD er­mög­li­chen“. Der mo­nat­li­che Rund­funk­bei­trag von 17,50 Eu­ro ist auch kein Rund­funk­bei­trag, im Fra­ming der Geg­ner auch „Zwangs­ab­ga­be“oder „Zwangs­ge­bühr“ge­nannt, son­dern „ei­ne pro­ak­ti­ve, selbst­be­stimm­te (da de­mo­kra­tisch ent­schie­de­ne) Be­tei­li­gung der Bür­ger am ge­mein­sa­men Rund­funk ARD“. Die­ses Nar­ra­tiv gilt, und es muss wie­der und wie­der be­tont wer­den: Die ARD ist gut, sie ist wich­tig und sie ist rich­tig. Das Ma­nu­al ar­gu­men­tiert nicht, es de­kli­niert nicht Für und Wi­der, es will den Über­brin­gern fol­gen­der Bot­schaft Kraft und Über­zeu­gung ein­flö­ßen: „Die ARD ist die Ge­sell­schaft: Wir sind Ihr!“Rund­funk­sys­tem und Bür­ger ge­hö­ren un­trenn­bar zu­sam­men. „Spre­chen Sie al­so von der Gleich­wer­tig­keit der Re­gio­nen oder dem gleich­wer­ti­gen An­spruch al­ler Bür­ger und Re­gio­nen, sich und ih­re An­lie­gen in der me­dia­len ARD wie­der­zu­fin­den“, heißt es in der Hand­lungs­an­wei­sung. Frei­lich reicht der Tun­nel­blick nicht im­mer. Beim pri­va­ten Rund­funk ver­sam­meln sich dann nicht­de­mo­kra­ti­sche Sen­der, die aus­gren­zen, oder das ver­ti­kal auf­ge­stell­te ZDF kann an­ders als die ARD die „Ho­ri­zon­ta­li­tät im Mit­ein­an­der“nicht ga­ran­tie­ren.

Die Au­to­ren des „Fra­ming-Ma­nu­als“las­sen auch über die fol­gen­den Ab­schnit­te nicht lo­cker. „Un­ser ge­mein­sa­mer Rund­funk ARD“si­chert wirt­schaft­li­che, kul­tu­rel­le und po­li­ti­sche Kom­pe­tenz, die Bür­ger über­neh­men da­mit Ver­ant­wor­tung für ihr ei­ge­nes Wohl­er­ge­hen, mit­ein­an­der, ge­mein­sam, Hand in Hand.

Mit wach­sen­der Lek­tü­re set­zen bei der Nicht-ARD-Füh­rungs­kraft Er­mü­dung und Er­schöp­fung ein. Un­ter dem Ein­druck ei­ner Sek­ten­schrift, ei­nes Par­tei­pro­gramms, ja der Ge­hirn­wä­sche müs­sen der ein­gangs for­mu­lier­ten Fest­stel­lung – „Auf der Ebe­ne des mo­ra­li­schen Fra­mings ge­ne­rie­ren Bot­schaf­ten, so zeigt es die em­pi­ri­sche For­schung, die größ­te Über­zeu­gungs­kraft“– ein, ja ei­ni­ge Fra­ge­zei­chen an­ge­fügt wer­den.

Fak­ten zäh­len nicht, Zah­len wer­den fak­tisch nicht auf­ge­bo­ten. Es gilt zu­vor­derst und un­be­dingt das so­ge­nann­te Wor­ding: Wir sind, was wir sa­gen. Ein wei­te­res Bei­spiel: „Der ge­mein­sa­me Rund­funk ARD gibt uns die Frei­heit, uns weit­flä­chig voll­kom­men selbst­be­stimmt und mün­dig zu be­we­gen – ab­seits von Bar­rie­ren und ver­schlos­se­nen Tü­ren der Kom­merz­me­di­en, jen­seits vom Zu­griff auf un­se­re Da­ten durch In­ter­ne­trie­sen“– und da­mit ist der Satz längst nicht an sein En­de an­ge­langt. In der ARD, das steht fest, hat der lie­be Gott ein Rund­funk-Pa­ra­dies er­rich­tet.

Was das „Fra­ming-Ma­nu­al“ge­kos­tet hat, sagt die ARD nicht. Ob es die künf­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on be­stim­men wird, ist un­ge­wiss. Auf den Schluss­sei­ten wer­den „bei­spiel­haf­te lin­gu­is­ti­sche Über­set­zun­gen der mo­ra­li­schen Fra­mings in kur­zen Sät­zen und Slo­gans“an­ge­bo­ten. Der viel­leicht schöns­te: „Wir neh­men je­den ernst – auch Dei­ne Oma.“

Die ARD ist gut, rich­tig und wich­tig – Zwei­fel gibt es kei­ne

Fo­to: WDR

Es bleibt bei 17,50 Eu­ro, aber im „Fra­ming-Ma­nu­al“heißt der mo­nat­li­che Rund­funk­bei­trag nicht mehr Rund­funk­bei­trag, son­dern „Rund­funk­be­tei­li­gung“.

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