E FIR­MA DER WO­CHE F

„Jun­gen Grün­dern fehlt es oft an Füh­rungs­er­fah­rung“

Der Tagesspiegel - - BERLINER WIRTSCHAFT - Har­tung Von Ma­ria-Mer­ce­des He­ring Was kön­nen jun­ge Grün­der von äl­te­ren Grün­dern ler­nen?

Hier kommt die Of­fice-Tee­kü­che hin, dort ein Zim­mer mit Ar­beits­plät­zen, ein paar Me­ter wei­ter ein Kon­fe­renz­raum: Wenn Syl­via Har­tung über Ma­ler­pla­nen läuft und die Tü­ren zu – hof­fent­lich bald be­völ­ker­ten – Bü­ro­räu­men öff­net, ist ihr die Be­geis­te­rung für ihr ers­tes Start-up an­zu­mer­ken. Wo frü­her der Fern­seh­dienst Jä­ger sei­nen Fir­men­sitz hat­te, wer­den bald in ei­nem Co­wor­king Space am Tem­pel­ho­fer Feld rund 100 Men­schen ar­bei­ten. Har­tungs Start-up In­ter­tem­pi macht aus leer­ste­hen­den Ge­bäu­de­flä­chen tem­po­rä­re Ar­beits­plät­ze. Har­tungs Job ist viel­fäl­tig: Sie hat die Im­mo­bi­lie in der Ring­bahn­stra­ße 34 ent­deckt, küm­mert sich um die Re­no­vie­rung, die Mö­bel, die Fens­ter – „je­den Tag was Neu­es“, freut sich die 57-jäh­ri­ge Start-up-Grün­de­rin.

Es ist mehr als nur ein Kli­schee, dass Grün­der in der Re­gel Jungspun­de sind, das be­weist ein Blick in die Sta­tis­tik. Laut dem „Deut­schen Star­t­up Mo­ni­tor“lag ihr Durch­schnitts­al­ter im ver­gan­ge­nen Jahr bei 35 Jah­ren. Mehr als je­der zwei­te Grün­der ist dem­nach jün­ger als 34 Jah­re, in Syl­via Har­tungs Al­ters­klas­se hin­ge­gen trau­en nur noch we­ni­ge den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit: Äl­ter als 54 Jah­re sind bei Grün­dung we­ni­ger als fünf Pro­zent.

Woran das liegt? Ju­li­an Ka­wohl ist Pro­fes­sor an der Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft (HTW) in Ber­lin und hat meh­re­re Ant­wor­ten. Ei­ner­seits wä­re da das Ri­si­ko, das mit je­der Un­ter­neh­mens­grün­dung ein­her­geht und das Men­schen im fort­ge­schrit­te­nen Be­rufs­le­ben scheu­en: „Man­che Kon­zern­an­ge­stell­ten wür­den an sich ger­ne grün­den, ha­ben aber Angst vor dem Schei­tern und da­vor, dann kei­ne Stel­le mehr zu fin­den“, sagt er.

Ka­wohl wünscht sich da­her ins­be­son­de­re von In­ves­to­ren mehr Mut, auch auf äl­te­re Grün­der be­zie­hungs­wei­se Grün­der­teams ge­misch­ten Al­ters zu set­zen. Auch wür­de es hel­fen, wenn die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Groß­kon­zer­nen und Start-ups noch aus­ge­baut wer­de, glaubt Ka­wohl. „Wenn die Rah­men­be­din­gun­gen bes­ser or­ga­ni­siert wä­ren und das Ri­si­ko bes­ser ab­ge­fe­dert wür­de, dann wür­den sich die Leu­te mehr trau­en.“

Ge­gen­über dem Nach­wuchs ha­ben äl­te­re Grün­der aber auch Vor­tei­le. Da­von je­den­falls ist To­bi­as Koll­mann über­zeugt, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen. Denn die äl­te- Äl­te­re Grün­der brin­gen häu­fig Füh­rungs­er­fah­rung mit. Ich er­le­be oft, dass es jun­gen Grün­dern genau dar­an man­gelt. Der Job ei­nes Grün­ders ist es, ei­ne Um­ge­bung zu schaf-

ist Ge­schäfts­füh­rer und Mit­grün­der des PropTech-Start-ups Sen­sor­berg. Dar­über hin­aus coacht der 49-Jäh­ri­ge Grün­der. In­ter­view: Ma­ria-Mer­ce­des He­ring

fen, in der schlaue Men­schen selbst wis­sen, wie sie Zie­le ei­gen­ver­ant­wort­lich er­rei­chen kön­nen. Da­für brau­chen sie die Fä­hig­keit, los­zu­las­sen und Ver­trau­en in ih­re Mit­ar­bei­ter zu set­zen. Jün­ge­re Grün­der ha­ben dar­in häu­fig noch kei­ne Er­fah­rung.

Sie ha­ben selbst Fir­men ge­grün­det, hat­ten Sie je­mals Angst vor dem Schei­tern?

Das Ri­si­ko ist beim Grün­den ja tat­säch­lich sehr groß und die Angst vor dem Wag­nis nimmt mit dem Al­ter ten­den­zi­ell zu. Bei mir war die Furcht aber ge­ring. Denn durch die lang­jäh­ri­ge Be­rufs­tä­tig­keit baut man sich ein Netz­werk auf, durch das man schnel­ler wie­der ei­ne Stel­le fin­den wür­de.

Was muss ge­sche­hen, da­mit mehr Men­schen im fort­ge­schrit­te­nen Be­rufs­le­ben grün­den? Ge­ra­de was Tech­no­lo­gi­en be­trifft, dür­fen wir nicht ein­fach Angst vor Neu­em ha­ben, son­dern soll­ten selbst un­se­ren Bei­trag leis­ten. Hier braucht es mehr Grün­dun­gen, auch von äl­te­ren Per­so­nen mit ei­nem um­fang­rei­chen Netz­werk. Denn Kon­zer­ne sind hier auf­grund ih­rer Struk­tu­ren oft viel zu lang­sam, um mit den Ent­wick­lun­gen Schritt zu hal­ten. ren bräch­ten mit, was jün­ge­ren Un­ter­neh­mern in den meis­ten Fäl­len fehlt: Be­rufs­er­fah­rung und ein gro­ßes Netz­werk. „Die­se Ba­sis er­ar­bei­ten sie sich erst über die Jah­re“, sagt der Pro­fes­sor, „dar­auf kön­nen sie auf­bau­en.“

Rai­ner Bas­ti­an zählt zu je­nen, die bei der Grün­dung auf ei­nen gro­ßen Er­fah­rungs­schatz zu­rück­grei­fen konn­ten: „Für ein

Start-up bin ich mit 60 et­was über dem Durch­schnitts­al­ter von

Grün­dern“, sagt er – und lacht.

Die Be­ra­tungs­un­ter­neh­men Var­mo­ny, SV-Check und FZR-Check hat­te Bas­ti­an be­reits ge­grün­det, be­vor er sich im März 2018 da­zu ent­schloss, mit dem Fi­nanz­dienst­leis­ter No­va­suran­ce ei­ne vier­te Fir­ma aus der Tau­fe zu he­ben. Sein Ver­si­che­rungs­pro­dukt „Ur­laubs­ren­te“gibt den No­va­suran­ce-An­le­gern die Mög­lich­keit, Geld für Ur­laubs­rei­sen für die Ren­ten­zeit an­zu­spa­ren. Ein Fi­nanz­pro­dukt, für das Bas­ti­an ei­nen gu­ten Markt sieht, denn auch Ru­he­ständ­ler brau­chen bis­wei­len ei­ne Aus­zeit: „Vor der Ren­te ma­chen sich die meis­ten zu we­nig Ge­dan­ken“, sagt er.

Bas­ti­an ist heu­te, ein Jahr nach der Un­ter­neh­mens­grün­dung, froh, das Ri­si­ko der Selbst­stän­dig­keit ein­ge­gan­gen zu sein. Ein Le­ben als An­ge­stell­ter ei­nes Kon­zerns kann er sich da­her heu­te nicht mehr vor­stel­len. „Et­was zu be­we­gen, zu gestal­ten, ei­ne ei­ge­ne Idee zu ver­wirk­li­chen, das ver­än­dert ei­nen po­si­tiv und ist ein gro­ßer Mo­ti­va­ti­ons­fak­tor“, sagt er.

Auch In­ter­tem­pi-Mit­grün­de­rin Syl­via Har­tung hat lan­ge als An­ge­stell­te bei ei­nem gro­ßen Kon­zern ge­ar­bei­tet. Auch bei ihr wa­ren es die fest­ge­fah­re­nen Struk­tu­ren im letz­ten

Job, die sie im Som­mer 2018 zur

Kün­di­gung brach­ten. Bald hat­te sie wie­der An­ge­bo­te für ähn­li­che

Stel­len.

Doch dar­auf hat­te die heu­te

57-Jäh­ri­ge kei­ne Lust mehr.

Durch ih­re vor­he­ri­gen Ar­beits­plät­ze hat­te sie be­reits ein gro­ßes

Netz­werk auf­ge­baut, das sie ger­ne pfleg­te. Nach kur­zer Zeit schlug ihr ei­ne Be­kann­te vor, bei der Grün­dung von In­ter­tem­pi ein­zu­stei­gen. Für die war Syl­via Har­tung auf­grund ih­res Wis­sens über die Im­mo­bi­li­en­bran­che gut ge­eig­net. „Ge­ra­de in die­ser Bran­che ist ein sol­ches Netz­werk un­schlag­bar.“Ei­ne Rück­kehr in die ab­hän­gi­ge Be­schäf­ti­gung? Schließt auch Har­tung aus: „Ich schät­ze mei­ne neue Frei­heit un­end­lich.“

Mi­cha­el von Ro­eder Koll­mann Bas­ti­an

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