Ber­lins Mit­te sehnt sich nach Kiez­le­ben

Kul­tur­se­na­tor Le­de­rer: „Es gibt kei­nen Ge­ne­ral­plan“

Der Tagesspiegel - - IMMOBILIEN - Paul F. Du­we

Die his­to­ri­sche Ber­li­ner Mit­te zwi­schen Fern­seh­turm und Hum­boldt-Uni­ver­si­tät braucht mehr Le­ben, am bes­ten auch mit Wohn­häu­sern und Kiez­ge­fühl. So lau­te­te das Re­sü­mee ei­ner gut be­such­ten Ge­sprächs­run­de am Mitt­woch im ehe­ma­li­gen Staats­rats­ge­bäu­de am Schloss­platz 1. Die Fra­ge nach der Zu­kunft der his­to­ri­schen Stadt­mit­te stellt sich jetzt um­so mehr, da die Schloss­re­kon­struk­ti­on mit dem Hum­boldt Fo­rum und der U-Bahn­bau dem En­de ent­ge­gen ge­hen.

Ein­ge­la­den hat­ten die Ber­li­ner Wirt­schafts­ge­sprä­che e.V. und die im Ge­bäu­de an­säs­si­ge pri­va­te Hoch­schu­le ESMT (Eu­ro­pean School of Ma­nage­ment and Tech­no­lo­gy) un­ter an­de­ren auch den Se­na­tor für Kul­tur und Eu­ro­pa, Klaus Le­de­rer. Der Schloss-Neu­bau schräg ge­gen­über ist schon weit ge­die­hen. Die Fra­ge lau­te­te: Was bringt das neue Hum­boldt Fo­rum für das Zu­sam­men­le­ben in Mit­te?

Die Prä­si­den­tin der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, Sa­bi­ne Kunst, freut sich schon auf die künf­ti­ge Zu­sam­men­ar­beit in die­sem Stadt­raum, der vor al­lem „ein Ort jun­ger Men­schen“sei. Sie wünscht sich Woh­nun­gen in der Nach­bar­schaft. Jun­ge Men­schen, die zum Stu­die­ren nach Ber­lin kom­men, woll­ten auch in der Nä­he der Hör­sä­le woh­nen. Die­ser Ge­dan­ke ist ganz im Sin­ne von ESMT-Prä­si­dent Jörg Rocholl. Er be­ton­te die In­ter­na­tio­na­li­tät sei­ner Hoch­schu­le und die Vor­zü­ge des zen­tra­len Stand­orts, merk­te aber an: „Wir brau­chen hier Woh­nun­gen“. Er er­in­ner­te an den Wunsch nach dem Bau ei­nes Hau­ses für Stu­den­ten auf ei­nem be­nach­bar­ten Park­platz. Das ha­be der Se­nat aber lei­der nicht un­ter­stützt.

Für Kul­tur­se­na­tor Le­de­rer sind noch vie­le Fra­gen of­fen. Die Er­öff­nung des Hum­boldt Fo­rums be­deu­te nicht, dass nun „Ber­lins neue kul­tu­rel­le Mit­te“am Schloss­platz ent­ste­he. Kul­tur ge­be es über­all, auch in Hel­lers­dorf oder Span­dau. „Das ist die Viel­falt der mo­der­nen Ge­sell­schaft.“Zur his­to­ri­schen Mit­te äu­ßer­te sich Le­de­rer zu­rück­hal­tend: „Es gibt kei­nen Ge­ne­ral­plan.“Er be­nann­te aber auch die be­kann­ten Schwach­stel­len: Un­ter den Lin­den herr­sche am Abend oft „To­ten­tanz“, der Alex­an­der­platz ha­be „kei­ne Auf­ent­halts­qua­li­tät“.

Als größ­tes Man­ko wur­den in der Dis­kus­si­on die brei­ten Ver­kehrs­schnei­sen ge­nannt. Le­de­rer wünscht sich ei­nen fuß­gän­ger- und fahr­rad­ge­rech­ten Um­bau und denkt dabei nicht gleich an ei­ne „kom­mer­zi­el­le Fan­mei­le“. Die jun­ge Kulturszene kön­ne den Stadt­raum mit­ge­stal­ten. Im Aus­gleich der In­ter­es­sen sieht Hart­mut Dor­ger­loh, Ge­ne­ral­in­ten­dant des Hum­boldt Fo­rums, die Chan­ce für die Zu­kunft. „Dies soll un­se­re ge­mein­sa­me Mit­te wer­den.“Sein Haus wol­le da­für „ein Ort des Dia­logs sein“. Er setzt auf das Zu­sam­men­spiel al­ler in der Nach­bar­schaft ver­sam­mel­ten In­sti­tu­tio­nen.

Der Ruf nach neu­en Woh­nun­gen in der einst­mals dicht be­bau­ten Mit­te fand viel Bei­fall, auch bei Cor­du­la Ma­cho­ni, Pfar­re­rin an der St. Ma­ri­en-Kir­che. „Wir ha­ben zu we­nig Wohn­be­völ­ke­rung hier“, be­klag­te sie. Dabei wür­den doch die Men­schen die Ge­schich­te der Stadt er­zäh­len. An­ge­sichts der gro­ßen Ver­kehrs­ach­sen sei das mensch­li­che Maß ver­lo­ren ge­gan­gen. „Wir brau­chen über­schau­ba­re Räu­me“, so die Pfar­re­rin.

Die ge­wünsch­ten neu­en Wohn­häu­ser soll­ten sich an Kiez­qua­li­tä­ten wie in Kreuz­berg oder Char­lot­ten­burg ori­en­tie­ren, for­der­te ein Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer – Hoch­häu­ser sei­en kei­ne Lö­sung. Se­na­tor Le­de­rer wand­te sich ge­gen Woh­nun­gen als Ka­pi­tal­an­la­ge. Es kom­me dar­auf an, wer baue und was ge­baut wer­de. Men­schen an­sie­deln, Woh­nen für al­le – so lau­te­ten wei­te­re Stich­wor­te in der Dis­kus­si­on.

Hart­mut Dor­ger­loh brach­te die Idee ei­ner Art Ach­sen­kreuz ins Ge­spräch. Da­nach kön­ne ne­ben der von Tou­ris­ten gern fre­quen­tier­ten Ost-West-Pas­sa­ge vom Bran­den­bur­ger Tor bis zum Fern­seh­turm künf­tig auch ei­ne Nord-Süd-Ver­bin­dung ent­lang der Spree er­öff­net wer­den. ESMT-Prä­si­dent Rocholl un­ter­stütz­te die­sen Ge­dan­ken: „Wir ha­ben ei­ne groß­ar­ti­ge Chan­ce, und die soll­ten wir nut­zen.“

Se­na­tor Le­de­rer kom­men­tier­te die vie­len Wün­sche nach Ver­än­de­rung zu­meist re­ser­viert: „Ber­lin ist per­ma­nent im Wer­den. Die Ge­stal­tung der Stadt ist ein Aus­han­de­lungs­pro­zess. Wir müs­sen of­fe­ner sein, of­fe­ner den­ken.“

Dass die his­to­ri­sche Mit­te nicht im Schnell­durch­gang zum Ren­ner wird, sah auch Hart­mut Dor­ger­loh ein: „Stadt braucht Zeit.“An­de­rer­seits ken­ne er kei­ne an­de­re Stadt in der Welt, „in der ei­ne zen­tra­le Flä­che neu ge­stal­tet wer­den kann“. Und das sei doch schon ei­ne sehr au­ßer­ge­wöhn­li­che Si­tua­ti­on.

Gui­do Herr­mann, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Ver­eins „Die Mit­te“, mach­te in An­leh­nung an Ver­an­stal­tun­gen wie die „Lan­ge Nacht der Mu­se­en“ei­nen prak­ti­schen Vor­schlag: Wie wä­re es mit ei­ner „Lan­gen Nacht der Mit­te“? Mit der für En­de 2019 ge­plan­ten Er­öff­nung des Hum­boldt Fo­rums dürf­te sich in der Mit­te aber eh vie­les ver­än­dern.

Fo­to: dpa

Freie Sicht. Ber­lins Mit­te bie­tet noch Platz, vor al­lem Woh­nun­gen sind er­wünscht.

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