In­sel der zer­stör­ten Hoff­nung

Auf Reis­wer­der hat­ten sich Ju­den vor den Na­zis ver­steckt und wur­den de­nun­ziert. Ein Buch er­in­nert an sie

Der Tagesspiegel - - BERLINALIE­N - Ernst Reuß

Reis­wer­der ist ei­ne klei­ne In­sel im Te­ge­ler See in Rei­ni­cken­dorf, ge­ra­de mal 330 Me­ter lang und 180 Me­ter breit. Und 180 Me­ter Was­ser lie­gen auch zwi­schen der In­sel und dem See­ufer. Ein idyl­li­sches Na­tur­schutz­ge­biet, das zu Mau­er­zei­ten in den Fe­ri­en im­mer bre­chend voll war.

Vie­le Ber­li­ner ha­ben trotz­dem noch nie von die­ser In­sel ge­hört, und doch ist sie ein ge­schichts­träch­ti­ger Ort vol­ler harm­lo­se­rer An­ek­do­ten, aber auch mit ei­ner tra­gi­schen Ge­schich­te.

Als harm­lo­se An­ek­do­te kann man noch die Zwangs­über­sied­lung der Be­woh­ner von Baum­wer­der, der et­was grö­ße­ren Nach­bar­in­sel, be­wer­ten. Sie wur­de von den bis­he­ri­gen Päch­tern der In­sel skep­tisch be­trach­tet und führ­te qua­si zu ei­ner Nord-Süd-Spal­tung von Reis­wer­der. Fa­mi­lie Bo­nus, die die In­sel schon seit vie­len Jah­ren als ih­ren Be­sitz be­trach­te­te, muss­te nun tei­len. 1943 war das der Fall. Baum­wer­der, auf der sich ein Ver­ein von Na­tur­lieb­ha­bern aus Wed­ding breit­ge­macht hat­te, muss­te ge­räumt wer­den, weil die In­sel von den Was­ser­be­trie­ben zur För­de­rung von Trink­was­ser ge­braucht wur­de.

Tra­gisch da­ge­gen ist die Ge­schich­te der auf der In­sel un­ter­ge­tauch­ten Ver­folg­ten, die am 23. Au­gust 1944 nach ei­ner Denun­zia­ti­on von der Gesta­po ab­ge­holt wur­den. Es war ei­ne klei­ne Grup­pe von Jü­din­nen und Ju­den, die sich mo­na­te­lang auf der In­sel ver­steckt hat­ten. Un­ter­ge­taucht ha­ben bis zu 2000 Ber­li­ner Ju­den den an­ti­se­mi­ti­schen Irr­sinn über­lebt. „Stil­le Hel­den“wie Wil­helm Dae­ne und sei­ne Ehe­frau Mar­ga­re­te ha­ben das er­mög­licht. Als Ab­tei­lungs­lei­ter ei­nes Be­trie­bes, dem jü­di­sche Zwangs­ar­bei­te­rin­nen un­ter­stellt wa­ren, ver­such­te er zu hel­fen. Drei Jü­din­nen wur­den von dem Ehe­paar ver­steckt, zwei über­leb­ten. Nur Ger­da Les­ser, die er auf Reis­wer­der un­ter­brach­te und de­ren El­tern schon vor­her de­por­tiert wor­den wa­ren, wur­de im Al­ter von 18 Jah­ren in Au­schwitz er­mor­det.

Von den vier an­de­ren von Reis­wer­der in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger De­por­tier­ten über­leb­ten drei. Wäh­rend Ger­hart Fleck — Chris­tia­ne Cars­tens: Un­ter­ge­taucht auf Reis­wer­der. Spu­ren­su­che auf ei­ner In­sel im Nor­den Ber­lins. Me­tro­pol Ver­lag, Ber­lin. 92 Sei­ten, 12 Eu­ro in Au­schwitz starb, kam sei­ne am 8. Mai aus dem KZ be­frei­te Ehe­frau Er­na ge­sund­heit­lich rui­niert nach Ber­lin zu­rück und er­öff­ne­te ge­gen­über der In­sel Reis­wer­der ei­nen klei­nen Ki­osk na­mens „Fleck’sche Er­fri­schungs­quel­le“. Her­mann Dietz, eben­falls aus dem KZ­be­freit, wohn­te da­nach in ei­ner Lau­be auf Reis­wer­der. Lot­te Basch, die nur noch 42 Ki­lo wog, als sie be­freit wur­de, emi­grier­te in die USA.

Al­le drei Über­le­ben­den hat­ten gro­ße Schwie­rig­kei­ten im jahr­zehn­te­lan­gen Kampf um Wie­der­gut­ma­chung.

Der Me­tro­pol Ver­lag hat nun ei­nen schma­len Er­in­ne­rungs­band her­aus­ge­ge­ben, der die Ge­schich­te er­zählt und mit vie­len his­to­ri­schen Fo­tos il­lus­triert. Re­cher­chiert wur­den die Ge­schich­ten von der Schau­spie­le­rin Chris­tia­ne Cars­tens, die sich nach ih­ren ei­ge­nen Wor­ten in die In­sel ver­liebt hat.

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