Gna­den­lo­ser Krieg und Aben­teu­er

Le­gi­ti­ma­ti­on des An­griffs­kriegs: Was Fo­tos deut­scher Sol­da­ten nach dem Über­fall auf Po­len ver­ra­ten

Der Tagesspiegel - - Wissen & Forschen - Von Ste­phan Lehn­sta­edt

Der Über­fall auf Po­len war ein Krieg, der vom ers­ten Tag an auch ge­gen die Zi­vil­be­völ­ke­rung ge­führt wur­de. Nicht nur SS-Ein­satz­grup­pen, auch Wehr­machts­sol­da­ten er­mor­de­ten zahl­lo­se un­be­waff­ne­te Po­len und Ju­den, et­wa als sie am 3. Sep­tem­ber 1939 Tschen­sto­chau er­ober­ten. Ei­nen Tag spä­ter kam es un­ter nicht völ­lig ge­klär­ten Um­stän­den zu Schie­ße­rei­en, die die Sol­da­ten des 42. In­fan­te­rie­re­gi­ments als Frei­schär­le­r­an­griff in­ter­pre­tier­ten. Was folg­te, war ein Mas­sa­ker auf dem Markt­platz: Dort wur­den et­wa 10 000 Ein­woh­ner der Stadt zu­sam­men­ge­trie­ben und ge­zwun­gen, sich mit dem Ge­sicht auf den Bo­den zu le­gen. Män­ner, bei de­nen die deut­schen Sol­da­ten Ra­sie­ro­der Ta­schen­mes­ser fan­den, wur­den bei­sei­te­ge­führt und er­schos­sen.

Nach deut­schen An­ga­ben star­ben an die­sem 4. Sep­tem­ber, der als „blu­ti­ger Mon­tag“in die Stadt­ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist, drei Frau­en und 96 Män­ner. Bei ei­ner von den Be­sat­zern im Fe­bru­ar 1940 ver­an­lass­ten Ex­hu­mie­rung je­doch wur­den Lei­chen von ins­ge­samt 227 Per­so­nen ge­fun­den.

Das Ge­sche­hen in Tschen­sto­chau ist ei­nes von vie­len Bei­spie­len für die deut­schen Ver­bre­chen bei der Ero­be­rung Po­lens, mit der ab dem 1. Sep­tem­ber 1939 der Zwei­te Welt­krieg be­gann. Die Pro­pa­gan­da hat­te den Deut­schen ein­ge­trich­tert, die Po­len als hin­ter­häl­tig zu se­hen. Dem­ent­spre­chend wa­ren vie­le Land­ser nur all­zu ger­ne be­reit, oh­ne wirk­li­chen An­lass um sich zu schie­ßen. Nicht zu­letzt, weil man vor­geb­lich ei­nen ge­rech­ten Krieg ge­gen ei­nen fei­gen und ge­fähr­li­chen Feind führ­te, der Deutsch­land viel Scha­den zu­ge­fügt ha­be. Im­mer wie­der wur­den des­halb kriegs­ge­fan­ge­ne pol­ni­sche Sol­da­ten er­mor­det, al­so Män­ner, die sich be­reits er­ge­ben hat­ten. Als „Grund“da­für galt de­ren an­geb­li­ches Kämp­fen hin­ter der Front. Letz­te­res war durch die Land­kriegs­ord­nung sehr wohl er­laubt, aber die Wehr­macht hat­te die De­vi­se aus­ge­ge­ben, al­le Sol­da­ten hin­ter der Front als ir­re­gu­lä­re Kämp­fer und da­her als Frei­wild zu be­trach­ten.

Die An­grei­fer er­mor­de­ten in je­nen ers­ten Kriegs­wo­chen an­nä­hernd 70 000 Zi­vi­lis­ten. Das ge­ziel­te Vor­ge­hen ge­gen die pol­ni­sche Eli­te, ge­gen In­tel­lek­tu­el­le, Po­li­ti­ker und Pries­ter, rich­te­te sich ge­gen die Staat­lich­keit un­se­res Nach­bar­lands. Tat­säch­lich wa­ren 1939 die Kri­te­ri­en ei­ner ge­no­zi­da­len Po­li­tik, wie sie 1948 die Ver­ein­ten Na­tio­nen de­fi­nier­ten, er­füllt: aber eben in Be­zug auf eth­ni­sche Po­len und – noch – nicht auf Ju­den. Die­se Ein­sicht in den ver­bre­che­ri­schen Cha­rak­ter der deut­schen Kriegs­füh­rung schon seit 1939, von An­fang an, ist in Deutsch­land spät ge­reift – wenn über­haupt. Des­halb ist nach wie vor die Re­de vom „Po­len­feld­zug“, was dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sprach­ge­brauch ent­spricht.

Die Initi­al­zün­dung für ei­ne öf­fent­li­che De­bat­te über die Mor­de ganz nor­ma­ler Sol­da­ten im Krieg ge­gen die So­wjet­uni­on lie­fer­te En­de der 1990er Jah­re die so­ge­nann­te Wehr­machts­aus­stel­lung. In zwei Fas­sun­gen prä­sen­tier­te sie zahl­lo­se Fo­to­gra­fi­en von Land­sern, die die Ta­ten ge­se­hen und do­ku­men­tiert hat­ten, und lös­te da­mit ei­ne ge­sell­schaft­li­che De­bat­te aus. An die­se Au­ßen­wir­kung konn­te die Aus­stel­lung „Größ­te Här­te“, in der Jo­chen Böh­ler 2005 Ver­bre­chen aus de­mK­rieg ge­gen Po­len prä­sen­tier­te, trotz al­ler Er­fol­ge nicht her­an­rei­chen. Das lag auch dar­an, dass viel we­ni­ger Bil­der vor­la­gen und der un­mit­tel­ba­re Ein­druck ein an­de­rer war.

Die Ge­denk­stät­te Haus der Wann­see-Kon­fe­renz hat an­läss­lich des be­vor­ste­hen­den 80. Jah­res­tags des An­griffs auf Po­len mit ei­nem groß an­ge­leg­ten Auf­ruf zahl­rei­che Fo­to­al­ben und -kon­vo­lu­te über die Kämp­fe von 1939 zu­sam­men­tra­gen kön­nen, die sich noch bei Kin­dern und En­kel­kin­dern der da­ma­li­gen Sol­da­ten be­fan­den. Für heu­ti­ge His­to­ri­ker*in­nen sind das un­schätz­ba­re Quel­len. Be­reits für sich ist je­des Fo­to im­mer ei­ne sub­jek­ti­ve Aus­sa­ge, in­dem das Ge­zeig­te und das Nicht­ge­zeig­te mit­ein­an­der kor­re­spon­die­ren. Per­spek­ti­ve, Mo­tiv und Bild­aus­schnitt er­mög­lich­ten da­mals höchst sug­ges­ti­ve, teils ma­ni­pu­la­ti­ve Aus­sa­gen – ganz oh­ne Re­tu­sche oder Pho­to­shop.

Noch span­nen­der wird all das, wenn Be­schrif­tun­gen hin­zu­kom­men und bei­spiels­wei­se ein To­ter zu ei­nem pol­ni­schen He­cken­schüt­zen er­klärt wird. Die­ses Mo­tiv des ir­re­gu­lä­ren Kämp­fers taucht im­mer wie­der in den Samm­lun­gen auf und zeigt ei­ne Selbst­recht­fer­ti­gung für das Er­mor­den von Zi­vi­lis­ten oder auch sich er­ge­ben­den Sol­da­ten, de­nen teils fürs Fo­to ex­tra die Uni­form aus­ge­zo­gen wur­de: Nur wer oh­ne Uni­form zur Waf­fe griff, ver­wirk­te den Schutz der Haa­ger Land­kriegs­ord­nung und durf­te tat­säch­lich mit dem To­de be­straft wer­den. In der Häu­fig­keit, wie der­ar­ti­ge Exe­ku­tio­nen von den Land­sern selbst do­ku­men­tiert wer­den, gab es aber kei­ne ir­re­gu­lä­ren Kämp­fer. Pol­ni­sche Quel­len be­le­gen dann bei­spiels­wei­se die Er­schie­ßun­gen ei­nes Pries­ters, weil an­geb­lich vom Kirch­turm aus auf Wehr­machts­ein­hei­ten ge­schos­sen wor­den sei.

Gleich­zei­tig sol­len die Fo­tos der Le­gi­ti­ma­ti­on des An­griffs­krie­ges die­nen, in­dem sie im­mer wie­der An­ge­hö­ri­ge der vor­geb­lich von den Po­len schi­ka­nier­ten und un­ter­drück­ten deut­schen Min­der­heit ab­bil­den. Sie kon­tras­tie­ren „volks­deut­sche“Sied­lun­gen und Le­bens­wei­se mit de­nen der „dre­cki­gen“und „fau­len“Po­len oder Ju­den. Nicht sel­ten bil­den die Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen da­mit di­rekt Ste­reo­ty­pe der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da nach, die sich so­gar in ähn­li­chen Mo­ti­ven und Per­spek­ti­ven nie­der­schla­gen. Da­zu ge­hört nicht zu­letzt die ei­ge­ne mo­der­ne Kriegs­tech­nik im Ge­gen­satz zu pol­ni­scher Ka­val­le­rie und an­de­ren we­ni­ger avan­cier­ten Waf­fen­for­men: die Deut­schen als ge­wis­ser­ma­ßen na­tür­li­che Her­ren im Os­ten.

Die Zu­schrei­bun­gen, die die Bild­be­schrif­tun­gen vor­neh­men, las­sen es in die­ser Hin­sicht noch we­ni­ger an Deut­lich­keit feh­len. Das gilt et­wa für Bil­der von ärm­li­chen Holz­häu­sern oder schlech­ten Stra­ßen, die vor­geb­lich ein west-öst­li­ches Kul­tur­ge­fäl­le wi­der­spie­geln. Im­mer wie­der füh­ren die Be­sat­zer auch Schmutz und Krank­hei­ten als Aus­druck ih­rer Über­le­gen­heit an, wo­bei sie ge­flis­sent­lich igno­rie­ren, dass die teils de­sas­trö­sen Le­bens­um­stän­de di­rekt auf ih­re Zer­stö­run­gen und Plün­de­run­gen zu­rück­zu­füh­ren wa­ren. Der auch bei ein­fa­chen Sol­da­ten zu be­ob­ach­ten­de Hy­gie­ne­dis­kurs führ­te in ei­nem nächs­ten Schritt zur Gleich­set­zung von Men­schen mit Krank­hei­ten – und weil Letz­te­re zu be­kämp­fen und aus­zu­rot­ten wa­ren, er­ga­ben sich dar­aus bald auch Ar­gu­men­te für die Ver­nich­tung von Men­schen.

Die von der Ge­denk­stät­te Haus der Wann­see-Kon­fe­renz zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Al­ben und Samm­lun­gen stam­men von al­len Waf­fen­gat­tun­gen. Die Sol­da­ten sa­hen die­sen ers­ten, kur­zen Ab­schnitt des Zwei­ten Welt­kriegs of­fen­sicht­lich noch als ei­ne Art Aben­teu­er, ge­wis­ser­ma­ßen noch nicht als „rich­ti­gen“Krieg. Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten und Spaß mit den Ka­me­ra­den do­mi­nie­ren in der Mehr­zahl der Fo­tos.

Die Schre­cken des „Russ­land­feld­zugs“mit sei­nen Mil­lio­nen To­ten auch in den ei­ge­nen Rei­hen er­leb­ten die Land­ser in Po­len noch nicht. Ganz im Ge­gen­teil il­lus­trie­ren die Bil­der ein ge­ord­ne­tes Le­ben auch un­ter den wid­ri­gen Be­din­gun­gen ei­nes Krie­ges; sie zei­gen Ka­me­rad­schaft, im­mer wie­der Kör­per­pfle­ge – auch im Ge­gen­satz zu den ab­ge­bil­de­ten Ein­hei­mi­schen – so­wie idyl­lisch fo­to­gra­fier­te Land­schaf­ten und Sze­ne­ri­en. Die „deut­sche Welt“war in Po­len noch in Ord­nung.

Er­mor­det wur­den auch Ge­fan­ge­ne, die sich er­ge­ben hat­ten

Hei­le Welt? Gern ließ man sich mit „Volks­deut­schen“fo­to­gra­fie­ren

— Der Au­tor ist Pro­fes­sor für Ho­lo­caust-Stu­di­en am Tou­ro Col­le­ge Ber­lin. Ste­phan Lehn­sta­edt ist ge­mein­sam mit Svea Ham­mer­le und Hans-Chris­ti­an Jasch Mit­her­aus­ge­ber ei­nes Bu­ches zum The­ma: 80 Jah­re da­nach. Bil­der und Ta­ge­bü­cher vom deut­schen Über­fall auf Po­len 1939. Me­tro­pol-Ver­lag, Ber­lin 2019. 208 Sei­ten, 19 Eu­ro.

Fo­tos: Ge­denk­stät­te Haus der Wann­see-Kon­fe­renz

Aus Groß­va­ters Al­bum. Vie­le Fo­tos soll­ten der Le­gi­ti­ma­ti­on des An­griffs­krie­ges die­nen – wie die­ses von der Ge­fan­gen­nah­me zwei­er an­geb­li­cher „Baum­schüt­zen“auf dem Markt­platz in Dre­vica. Ste­reo­ty­pen der NS-Pro­pa­gan­da ent­sprach auch die Sze­ne un­ten: Ein Sol­dat ge­sellt sich an ei­nem Ru­he­tag zu „volks­deut­schen Frau­en“.

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