„Mit gu­tem Wil­len geht fast al­les“

Evan­ge­li­sche Chris­ten ar­ran­gie­ren sich seit Jahr­zehn­ten mit ih­rer Dia­spo­ra-Si­tua­ti­on im West­all­gäu. Den Um­gang mit den Ka­tho­li­ken er­le­ben sie als Mit­ein­an­der. Drei Pro­tes­tan­ten er­zäh­len von schö­nen Er­leb­nis­sen – und ein paar bit­te­ren

Der Westallgäuer - - Aus Dem Westallgäu - VON IN­GRID GRO­HE

Wei­ler Sim­mer­berg Irm­gard Frick, Klaus Merath und Han­ne­lo­re Klap­pe­rich le­ben in der Dia­spo­ra. Als evan­ge­li­sche Chris­ten sind sie und ih­re Fa­mi­li­en in ih­rer Hei­mat­ge­mein­de Wei­ler-Sim­mer­berg ge­gen­über den Ka­tho­li­ken in der deut­li­chen Un­ter­zahl. Über das Ver­hält­nis zwi­schen den Kon­fes­sio­nen sagt die 81-jäh­ri­ge Han­ne­lo­re Klap­pe­rich: „Es war im­mer ein Mit­ein­an­der“, die 82-jäh­ri­ge Irm­gard Frick be­stä­tigt: „Ich kann nichts Ne­ga­ti­ves sa­gen.“Und doch tau­chen in den Er­zäh­lun­gen Er­eig­nis­se auf, die ei­nen bit­te­ren Nach­ge­schmack hin­ter­lie­ßen. Ge­ra­de an Wen­de­punk­ten im Le­ben wur­de es manch­mal hei­kel.

Als ihr ka­tho­li­scher Ehe­mann durch ei­nen Un­fall im Jahr 1970 starb, muss­te Irm­gard Frick die­se Er­fah­rung ma­chen. Das Paar hat­te evan­ge­lisch ge­hei­ra­tet und die Kin­der evan­ge­lisch ge­tauft. Der ka­tho­li­sche Pfar­rer gab sich nach­tra­gend, als die jun­ge Wit­we mit ihm über das Be­gräb­nis spre­chen woll­te. „Er sag­te, er wis­se nicht, ob er ihn be­er­di­gen kann. Und er woll­te wis­sen, ob mein Mann je­mals schlecht über die ka­tho­li­sche Kir­che ge­re­det hat.“Sein Bei­leid drück­te der Pries­ter der ver­zwei­fel­ten Frau nicht aus. Mehr­mals be­tont Irm­gard Frick, dies sei die Hal­tung ei­nes Ein­zel­nen ge­we­sen – mit der er bei den an­de­ren Ka­tho­li­ken an­eck­te, auch bei sei­nen geist­li­chen Brü­dern im De­ka­nat. Das Re­qui­em für ih­ren ver­stor­be­nen Mann ze­le­brier­te er dann doch.

Am Wei­le­rer Orts­pfar­rer schei­ter­te 1964 die Ab­sicht von Klaus und Christl Merath, ka­tho­lisch zu hei­ra­ten – ent­spre­chend dem Wunsch der streng ka­tho­li­schen Fa­mi­lie der Braut. Mit ih­rem An­lie­gen kam das Paar im Wei­le­rer Pfarr­haus nicht gut an. „Schon die Kö­chin hat uns un­freund­lich emp­fan­gen“, er­zählt der heu­te 76-jäh­ri­ge Klaus Merath. Der Pfar­rer selbst zeig­te sei­ne Ab­leh­nung ei­ner ge­mischt­kon­fes­sio­nel­len Ehe so deut­lich, dass sich das Paar an den evan­ge­li­schen Geist­li­chen von Lin­den­berg wand­te. Ein­fach war das für die Fa­mi­lie der Braut nicht, lässt Klaus Merath durch­bli­cken. Aber im­mer­hin: „Spä­ter ha­ben die mich ak­zep­tiert.“Der evan­ge­li­sche Pfar­rer spen­de­te der Ver­bin­dung den kirch­li­chen Se­gen – so blieb die Fa­mi­lie samt Kin­dern und En­keln evan­ge­lisch.

Han­ne­lo­re Klap­pe­rich und ihr ka­tho­li­scher Mann Bru­no woll­ten „die- gan­zen Knatsch“aus dem Weg ge­hen. Sie fan­den ei­nen ka­tho­li­schen Pries­ter, der sie in der Ba­si­li­ka Wein­gar­ten trau­te. Doch spä­ter fühl­te sich Han­ne­lo­re Klap­pe­rich in ei­nem Ge­wis­sens­kon­flikt: Das am Trau­al­tar ge­ge­be­ne Ver­spre­chen, die Kin­der ka­tho­lisch zu er­zie­hen, be­schäf­tig­te die Pro­tes­tan­tin sehr, als sie ih­ren ers­ten Sohn er­war­te­te. Die Ehe­leu­te lie­ßen ih­re Kin­der dann evan­ge­lisch tau­fen. Was ei­ne ka­tho­li­sche Er­zie­hung von ei­ner evan­ge­li­schen un­ter­schei­det, leuch­tet Han­ne­lo­re Klap­pe­rich bis heu­te nicht ein.

Evan­ge­li­sche Chris­ten im West­all­gäu ha­ben meist ih­re Wur­zeln an­ders­wo. Han­ne­lo­re Klap­pe­rich stammt aus Nie­der­schle­si­en, Irm­gard Frick aus Ba­lin­gen und die Mut­ter von Klaus Merath aus Os­na­brück in Nord­deutsch­land. Ih­re Kon­fes­si­on ha­ben sie – auch in Kind­heit und Ju­gend – nie als tren­nend emp­fun­den, be­to­nen al­le drei und er­zäh­len ein­an­der be­son­de­re Er­leb­nis­se: Wie der ka­tho­li­sche Nach­bar von Han­ne­lo­re Klap­pe­rich, weil er als ein­zi­ger ein Au­to be­saß, die evan­ge­li­schen Ju­gend­li­chen zur Kon­fir­ma­ti­sem on nach Lin­den­berg fuhr, wie die Klos­ter­schwes­ter, die die Klas­se von Irm­gard Frick in Re­li­gi­on un­ter­rich­te­te, die Kin­der auf­for­der­te, der evan­ge­li­schen Mit­schü­le­rin am Tag nach der Kon­fir­ma­ti­on Fleiß­bild­chen als Ge­schenk auf die Schul­bank zu le­gen, oder wie der ka­tho­li­sche Pfar­rer ein­sprang, als die Kir­chen­glo­cken für die evan­ge­li­sche Au­fer­ste­hungs­kir­che Schei­degg ge­bracht wur­den: Er nahm sie in Ver­tre­tung des er­krank­ten evan­ge­li­schen Geist­li­chen in Emp­fang und seg­ne­te sie.

Mit der Tat­sa­che, die kon­fes­sio­nel­le Min­der­heit zu sein, ha­ben West­all­gäu­er Pro­tes­tan­ten kein Pro­blem. Ein­mal aber, so er­in­nert sich Han­ne­lo­re Klap­pe­rich, wünsch­te sie sich ein selbst­be­wuss­te­res Auf­tre­ten ih­rer Kir­che. Das war bei der Ein­wei­hung des Sta­di­ons in Wei­ler. Dass der evan­ge­li­sche Pfar­rer bei der Ze­re­mo­nie im­mer ein paar Schrit­te hin­ter dem ka­tho­li­schen Geist­li­chen stand, ge­fiel ihr über­haupt nicht – sie sag­te das ih­rem Pfar­rer an­schlie­ßend auch.

Ei­nes ver­ges­sen die evan­ge­li­schen Chris­ten der ka­tho­li­schen Pfarr­ge­mein­de Wei­ler nicht: Dass sie vor über 60 Jah­ren in ei­nem ka­tho­li­schen Got­tes­haus zu­sam­men­kom­men durf­ten, um zu be­ten und aus der Hei­li­gen Schrift zu le­sen. Hei­me­lig sei die At­mo­sphä­re in der Wen­de­lins­ka­pel­le in Bre­men­ried ge­we­sen, er­zäh­len Merath, Frick und Klap­pe­rich. Die Pro­tes­tan­ten fei­er­ten in der Ka­pel­le Got­tes­dienst, bis sie 1954 die al­te Turn­hal­le in Wei­ler kauf­ten, die ih­nen erst als Bet­saal dien­te und spä­ter zur Er­lö­ser­kir­che aus­ge­baut wur­de.

„Mit gu­tem Wil­len geht fast al­les“, sagt Klaus Merath. „Es gibt schließ­lich nur ei­nen Gott“, fügt Han­ne­lo­re Klap­pe­rich an. Jen­seits kir­chen­recht­li­cher Hür­den er­le­ben West­all­gäu­er Chris­ten den Glau­ben als ver­bin­dend: Wenn Pro­tes­tan­ten ge­mein­sam mit Ka­tho­li­ken bei Ka­pel­len­wan­de­rung, Welt­ge­bets­tag der Frau­en oder Abend­lie­der­sin­gen be­ten, ist von Dia­spo­ra nichts zu spü­ren.

Die­ser Ar­ti­kel ist der Start ei­ner neu­en Se­rie. In lo­ser Fol­ge be­leuch­ten wir in den nächs­ten Wo­chen lo­ka­le Aspek­te rund um das Lu­ther­jahr.

Fo­to: In­grid Gro­he

Frü­her ha­ben die evan­ge­li­schen Chris­ten von Wei­ler in der ka­tho­li­schen Wen­de­lins­ka­pel­le in Bre­men­ried Got­tes­dienst ge­fei­ert. Dar­an den­ken Klaus Merath, Irm­gard Frick und Han­ne­lo­re Klap­pe­rich gern zu­rück. Sie al­le ha­ben ka­tho­li­sche Part­ner ge­hei­ra­tet. Für die Paa­re selbst war das kein Pro­blem, für man­chen Geist­li­chen schon.

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