Da­mit Un­wis­sen­heit nicht zur Straf­tat führt

Mit­ar­bei­ter des Lin­dau­er Amts­ge­richts er­tei­len Flücht­lin­gen Un­ter­richt in Sa­chen Deut­sches Recht und wer­den da­für aus­ge­zeich­net. Die Asyl­su­chen­den sol­len Ein­blick in die Rechts­ord­nung be­kom­men

Der Westallgäuer - - Aus Dem Westallgäu -

Im­mer wie­der sit­zen bei Lind­aus Amts­ge­richts­di­rek­to­rin Bri­git­te Grenz­stein Flücht­lin­ge auf der An­kla­ge­bank. „Meist sind es Ba­ga­tell­de­lik­te“, sagt sie. Oft wüss­ten die Flücht­lin­ge über­haupt nicht, dass sie et­was falsch ge­macht ha­ben. Denn es gibt Din­ge, die in ih­ren Her­kunfts­län­dern er­laubt, in Deutsch­land aber ver­bo­ten sind. Um die­se Wis­sens­lü­cken zu schlie­ßen, bie­ten Mit­ar­bei­ter des Lin­dau­er Amts­ge­richts seit ver­gan­ge­nem Jahr ei­nen Rechts­bil­dungs­un­ter­richt für Flücht­lin­ge an. Land­ge­richts­prä­si­dent Jo­hann Kreuz­point­ner ist ex­tra aus Kemp­ten ge­kom­men, um sie da­für aus­zu­zeich­nen.

An­ge­li­ka Uhl hat die Ur­kun­den stell­ver­tre­tend für ih­re vier Kol­le­gen ent­ge­gen­ge­nom­men. Die Rechts­pfle­ge­rin hat im ver­gan­ge­nen Jahr ei­nen Groß­teil der 13 Rechts­bil­dungs­kur­se für Flücht­lin­ge in Lin­dau ge­lei­tet. „Ich zie­he mei­ne Un­ter­richts­stun­den meist an ei­nem prak­ti­schen Bei­spiel auf und fra­ge die Flücht­lin­ge dann nach ih­rem Rechts­emp­fin­den“, er­zählt sie. Die Ant­wor­ten, die sie be­kommt, sei­en so un­ter­schied­lich wie die Flücht­lin- ge selbst. „Es kommt auf das Her­kunfts­land an, aber auch auf den Bil­dungs­stand der Men­schen“, er­zählt sie. Und der Un­ter­richt für Be­rufs­schü­ler se­he zum Bei­spiel ganz an­ders aus als der für ei­ne Grup­pe von Fa­mi­li­en.

Ziel des Rechts­bil­dungs­un­ter­richts ist es, dass Flücht­lin­ge ei­nen Ein­blick in die deut­sche Rechts­ord­nung be­kom­men. Es geht um das deut­sche Grund­ge­setz eben­so wie um Ver­trags­recht oder die Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen Mann und Frau. Oder die Tat­sa­che, dass die Straf­ver­fol­gung in Deutsch­land aus­schließ­lich Sa­che des Staa­tes ist. „Wir sind im­mer wie­der mit Fäl­len von Selbst­jus­tiz kon­fron­tiert“, sagt Al­f­red Rei­chert, Vi­ze­prä­si­dent des Kemp­te­ner Land­ge­richts. Für den Un­ter­richt stellt das baye­ri­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ver­schie­de­ne Fo­li­en und Er­klär­vi­de­os zur Ver­fü­gung, die un­ter­ti­telt und in meh­re­re Spra­chen über­setzt sind. „Au­ßer­dem ar­bei­ten wir mit Dol­met­schern“, sagt Rei­chert.

An­ge­li­ka Uhl hat sich frei­wil­lig als Re­fe­ren­tin ge­mel­det. Mit fünf Amts­ge­richts­mit­ar­bei­tern – darun- auch der ehe­ma­li­ge Amts­ge­richts­di­rek­tor Paul Kind – hat das Lin­dau­er Amts­ge­richt ver­gan­ge­nes Jahr ein Vier­tel der Re­fe­ren­ten im ge­sam­ten Be­zirk des Kemp­te­ner Land­ge­richts ge­stellt. Da­bei hat­ten die weib­li­chen Re­fe­ren­tin­nen, so Rei­chert, ge­gen­über den männ­li­chen Kol­le­gen ei­nen ent­schei­den­den Vor­teil: „Sie ver­mit­teln das The­ma Gleich­be­rech­ti­gung gleich mit.“

Für den Un­ter­richt wird An­ge­li­ka Uhl vom Amts­ge­richt frei­ge­stellt – so­fern er wäh­rend ih­rer Ar­beits­zeit statt­fin­det. Denn oft sind die Kur­se am Abend. Die Vor­be­rei­tung für die Un­ter­richts­stun­den kos­tet Uhl zu­sätz­lich Frei­zeit. „Aber mir macht es Spaß, zu un­ter­rich­ten, und ich woll­te mich in die­sem Be­reich en­ga­gie­ren“, er­zählt sie.

Der Rechts­bil­dungs­un­ter­richt fin­det zwar nicht im Amts­ge­richt statt. Aber dass die Re­fe­ren­ten aus­ter schließ­lich Ge­richts­mit­ar­bei­ter sind, ha­be ei­nen gro­ßen Ef­fekt. „Die Jus­tiz hat die Er­fah­rung und die ent­spre­chen­de Au­to­ri­tät“, sagt Kreuz­point­ner. Denn wäh­rend zum Bei­spiel die Po­li­zei in den Her­kunfts­län­dern der Flücht­lin­ge oft will­kür­lich vor­gin­ge und da­durch we­nig ver­trau­ens­wür­dig sei, hät­ten Rich­ter fast über­all ein ho­hes An­se­hen. „Die Jus­ti­tia ist ver­ant­wort­lich für den in­ne­ren Frie­den zwi­schen Per­so­nen, aber auch zwi­schen dem Staat und ein­zel­nen Per­so­nen.“

Im Ver­gleich zum Vor­jahr ist die Zahl der Rechts­bil­dungs­un­ter­rich­te 2017 zu­rück­ge­gan­gen – bis­her gab es erst drei Ver­an­stal­tun­gen. Das liegt, so Rei­chert, vor al­lem dar­an, dass 2016 we­ni­ger Flücht­lin­ge ge­kom­men sind als im Jahr zu­vor. „Aber wer noch Be­darf hat, darf sich ger­ne mel­den.“(ju­le, sz)

Wer sich für den Rechts­bil­dungs un­ter­richt für Flücht­lin­ge in­ter­es­siert, kann sich beim Amts­ge­richt, Te­le­fon (0 83 82) 260 70 mel­den. Die Grup­pen soll­ten aus Men­schen der­sel­ben Na­tio­na­li tät be­ste­hen, au­ßer ei­nem Raum muss nichts ge­stellt wer­den.

Fo­to: Ju­lia Bau­mann

Kemp­tens Land­ge­richts­prä­si­dent Jo­hann Kreuz­point­ner (rechts) über­gab Rechts­pf­le ge­rin An­ge­li­ka Uhl ei­ne Ur­kun­de für Di­ens­te als Re­fe­ren­tin für Rechts­bil­dungs­un­ter richt. Mit ihr freu­ten sich Amts­ge­richts­di­rek­to­rin Bri­git­te Grenz­stein (links) und Al...

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.