Russ­land ist nicht Pu­tin

Mar­cel Reif bit­tet dar­um, den WM-Gast­ge­bern ei­ne fai­re Chan­ce zu ge­ben und ih­nen nicht mit Be­leh­run­gen zu be­geg­nen. Zu Gün­do­gan und Özil hat der Fuß­ball-Ex­per­te ei­ne kla­re Mei­nung

Der Westallgäuer - - Fußball-wm 2018 -

Fan­gen wir an mit – Po­li­tik. Russ­land ist nicht Pu­tin, je­den­falls nicht nur. Ge­ben wir den Men­schen in die­sem schö­nen Land ei­ne ech­te Chan­ce, sich als freund­li­che und fai­re Gast­ge­ber zu zei­gen, an­statt ih­nen mit Vor­ur­tei­len und Be­leh­run­gen zu be­geg­nen. Und lasst uns bit­te nicht zu viel ver­lan­gen von un­se­ren Fuß­bal­lern. Herr Kim­mich muss nicht vor je­dem Eck­ball den Arm he­ben und ein State­ment ver­le­sen zu Men­schen­rech­ten, zur Ost­ukrai­ne oder zu sonst was – das zu ver­lan­gen, wä­re heuch­le­risch und ei­ne Über­for­de­rung des Sports wie sei­ner Prot­ago­nis­ten.

Wenn uns ei­ne WM die Mög­lich­keit gibt, ei­nen tie­fen Blick auf ein Land zu wer­fen, dann soll­ten wir nicht blind sein für das, was wir se­hen und was um uns her­um ge­schieht. Dann dür­fen und sol­len wir sa­gen, wenn uns Din­ge nicht ge­fal­len. Das ist ge­leb­te Mei­nungs­frei­heit, und auf die ha­ben auch Na­tio­nal­spie­ler im WM-Di­enst ein Recht. Aber das ist ih­re per­sön­li­che Sa­che.

Gilt das auch für Me­sut Özil und Il­kay Gün­do­gan? Nein. Ein sol­ches Fo­to mit Herrn Er­do­gan gibt es nicht zum Null­ta­rif. Das hät­ten die wis­sen kön­nen, nein: müs­sen. Und wenn nicht, hät­te es ei­ner aus ih­rem Schwarm von Be­ra­tern wis­sen und ih­nen sa­gen müs­sen.

Ein pri­va­tes Tref­fen wä­re ih­re Pri­vat­sa­che ge­we­sen mit pri­va­ten Kon­se­quen­zen. Denn ei­nes bleibt: Sie sind deut­sche Na­tio­nal­spie­ler – auch mit Vor­bild­funk­ti­on! Und Er­do­gan ist der, der er ist. Aber der Ter­min war Mit­tel zum Zweck im Wahl­kampf und wur­de auch so ver­brei­tet. Und das hat nur funk­tio­niert, weil Özil und Gün­do­gan in ih­rer Rol­le als deut­sche Na­tio­nal­spie­ler auf­ge­tre­ten sind.

Die Fol­gen für das Mann­schafts­kli­ma sind gra­vie­rend, der Fall ist zu ei­ner Be­las­tung für al­le ge­wor­den und stört die WM-Vor­be­rei­tung. Das liegt auch am jäm­mer­li­chen Kri­sen­ma­nage­ment mit dem Tief­punkt des in­sze­nier­ten Tref­fens im Schloss Bel­le­vue, in das deut­sche Fuß­bal­ler sonst nur kom­men, um sich das Sil­ber­ne Lor­beer­blatt ab­zu­ho­len. Die Team­lei­tung hät­te Kl­ar­text spre­chen müs­sen, an­statt mit halb­ga­ren Er­klä­run­gen her­um­zu­ei­ern. Das geht nicht, man kann Zahn­pas­ta nicht in die Tu­be zu­rück­drü­cken. Die Men­schen ha­ben ge­merkt, wie da tak­tiert wor­den ist. Sie fühl­ten sich auf den Arm ge­nom­men, und ich glau­be, dass es vor al­lem des­halb in Le­ver­ku­sen die Pfif­fe gab ge­gen Gün­do­gan.

Kann der Fall so­gar die aus­ge­ru­fe­ne Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung ge­fähr­den? Hof­fent­lich nicht, aber das gilt ge­nau­so für an­de­re – im Ver­gleich – Pro­blem­chen in der deut­schen Mann­schaft.

So darf man fra­gen, wie die Bay­ern das Ge­fühl ab­schüt­teln, ei­ne ver­korks­te Sai­son hin­ter sich zu ha­ben. Und ob die Dort­mun­der mehr Selbst­be­wusst­sein ha­ben als in der Bun­des­li­ga. Ob Boateng wie­der fit wird und ob der Fuß von Neu­er wirk­lich hält.

Und man darf sich durch­aus nach­denk­lich am Kopf krat­zen, wenn man die bei­den letz­ten Test­spie­le ge­se­hen hat. Ös­ter­reich ei­nen Sieg über die Pief­kes im Ge­schenk­pa­pier zu über­las­sen, das muss nun wirk­lich nicht sein, aber okay – Test­spie­le halt. Der Plan, sich zur Ge­ne­ral­pro­be mit den Sau­dis ei­nen Geg­ner ein­zu­la­den, ge­gen den man sich mit ei­ner Hand­voll Tör­chen in WM-Lau­ne bringt, ist dann auch da­ne­ben­ge­gan­gen. An­statt fröh­lich pfei­fend auf­zu­bre­chen, wur­de man von ei­ner pfei­fen­bei­den den Ku­lis­se au­ßer Lan­des ge­lei­tet. Aber das al­les wird sich sport­lich re­geln las­sen, da­für steht schon der Bun­des­trai­ner, der jetzt als Welt­meis­ter noch ein biss­chen un­an­greif­ba­rer ge­wor­den ist. Nein, die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Sind die­se jun­gen Men­schen, die in ih­rer Sport­art das Höchs­te er­reicht ha­ben, was man er­rei­chen kann, wirk­lich wie­der hung­rig ge­nug, um das noch mal zu schaf­fen?

Dar­auf kommt es an: Nicht auf die Auf­stel­lung, son­dern auf die Ein­stel­lung; ob es ge­lingt, die letz­ten Pro­zent bis zur äu­ßers­ten Leis­tungs­gren­ze her­aus­zu­ho­len. Das ist die Her­aus­for­de­rung für ei­nen Ti­tel­ver­tei­di­ger, und die ist sehr groß. Des­halb ha­ben es auch erst zwei Mann­schaf­ten ge­schafft – die letz­te kam aus Bra­si­li­en, und das war 1962. Das war in Chi­le und die zwei­te WM, an die ich mich er­in­nern kann. Seit­dem ha­be ich je­des Tur­nier ver­folgt und ich ge­den­ke nicht, da­mit auf­zu­hö­ren. Die Fas­zi­na­ti­on für das gro­ße Spiel ist in­takt, aber un­ge­trübt kann ich sie schon lan­ge nicht mehr ge­nie­ßen. Ich wür­de gern Ro­nal­do und Mes­si, die bei­den bes­ten Fuß­bal­ler un­se­res Pla­ne­ten, und all die an­de­ren Aus­nah­me­spie­ler auf der Hö­he ih­rer Kunst er­le­ben. Und nicht mit an­se­hen müs­sen, wie sie sich beim wich­tigs­ten Tur­nier nach ei­ner elend lan­gen Sai­son mü­de und aus­ge­laugt über den Platz schlep­pen. Und dann ist da die­se Vor­run­de, die nur da­zu da ist, die Mann­schaf­ten nach Hau­se zu schi­cken, von de­nen man vor­her ge­wusst hat, dass sie bes­ser zu Hau­se ge­blie­ben wä­ren. Nichts ge­gen die viel zi­tier­ten Klei­nen – aber das ist ei­ne WM, das Tur­nier der Welt­bes­ten.

Ich will ehr­lich sein: Ein biss­chen fürch­te ich mich des­halb vor der Grup­pen­pha­se. Das sind gut zwei Wo­chen Vor­ge­plän­kel, dann geht die WM zum zwei­ten Mal los – aber dann rich­tig.

Hin­weis Wäh­rend der WM schrei­ben Jour­na­list Udo Mu­ras, TVKom­men­ta­tor Mar­cel Reif und ExNa­tio­nal­tor­wart To­ni Schu­ma­cher als Ko­lum­nis­ten für un­se­re Zei­tung.

Mar­cel Reif, 68, kom­men tier­te zahl­rei­che Fuß­ball spie­le. Der ge­bür­ti­ge Po­le er­hielt da­für den Deut schen Fern­seh­preis.

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