„Am schlimms­ten ist der Schlamm“

Am Tag nach dem sint­flut­ar­ti­gen Re­gen am Grün­ten und im Klein­wal­ser­tal be­sei­ti­gen An­woh­ner Schmutz und Ge­röll. Bag­ger, Last­wa­gen und Trak­to­ren sind pau­sen­los im Ein­satz, um Bach­läu­fe frei­zu­räu­men

Der Westallgäuer - - Allgäu-rundschau - VON STE­FA­NIE DÜRR UND SI­BYL­LE METTLER

Ret­ten­berg/Riez­lern Ent­wur­zel­te Bäu­me, frei­ge­leg­te Roh­re und Mas­sen an Ge­röll und Kies. Was in Baad im Klein­wal­ser­tal zu Wo­chen­be­ginn noch ein ge­ord­ne­tes Fluss­bett war, hat das matsch­brau­ne, schli­cki­ge Was­ser in ei­ne ver­wüs­te­te Kra­ter­land­schaft ver­wan­delt. In all dem Cha­os steht ein gel­ber Bag­ger, der sich müh­sam durch die Ge­röll­mas­sen ar­bei­tet. Sint­flut­ar­ti­ge Re­gen­fäl­le hat­ten sich am Di­ens­tag fast zeit­gleich übers Klein­wal­ser­tal und das Grün­ten­ge­biet er­gos­sen. Brenn­punkt im Ober­all­gäu war Kran­zegg (wir be­rich­te­ten). Schä­den gibt es auch im Burg­berg und in Tei­len Sont­ho­fens. Über­all zeich­ne­te sich ein ähn­li­ches Bild ab: Was­ser­mas­sen stan­den auf Stra­ßen und Wie­sen, ris­sen Bäu­me mit sich, ver­leg­ten Bä­che. Kel­ler wur­den über­schwemmt, ein­zel­ne Häu­ser be­schä­digt.

In Riez­lern mach­te sich nach An­ga­ben von Ge­mein­de­se­kre­tär Dr. Ro­land Ritsch ein Hang selbst­stän­dig. Er rutsch­te zur Lan­des­stra­ße, die das Klein­wal­ser­tal mit der Au­ßen­welt ver­bin­det. Des­we­gen war die ein­zi­ge Zu­fahrt zum Tal ges­tern nur halb­sei­tig be­fahr­bar. Die na­he Gast­stät­te Wald­haus wur­de eva­ku­iert. „Die Gäs­te ha­be ich aus Si­cher­heits­grün­den vor­her schon weg­ge­schickt“, sagt Be­sit­ze­rin San­dra Staa­ra tags dar­auf. Sie will mit ih­rer Fa­mi­lie erst zu­rück­keh­ren, wenn ein Geo­lo­ge grü­nes Licht ge­ge­ben hat. Die­ser soll­te das Klein­wal­ser­tal ges­tern be­gut­ach­ten.

„Das war kein Fluss mehr, son­dern ei­ne Schlamm­la­wi­ne“, be­rich­tet Hu­bert Riez­ler, Di­s­po­nent im Kies­werk in Böd­men. Dort hat­ten die Flu­ten der Breitach ei­nen Teil des Ge­län­des über­schwemmt. „Das Was­ser hat ei­nen un­se­rer Kies-Con­tai­nern mit­ge­ris­sen.“Ge­fun­den ha­be man den bis­her noch nicht. Nur ein­ein­halb St­un­den nach dem Wol­ken­bruch sei das Was­ser wie­der im Fluss­bett ge­flos­sen. Laut der Ge­mein­de­ver­wal­tung wur­den im Klein­wal­ser­tal Bö­schun­gen un­ter­spült, klei­ne Brü­cken weg­ge­ris­sen und Wan­der­we­ge be­schä­digt.

Teil­wei­se zer­stört sei auch der Alp­weg ober­halb der Erz­gru­ben in Burg­berg, be­rich­tet Bür­ger­meis­ter Die­ter Fi­scher. Na­he der Al­pe Kehr sei die klei­ne Stra­ße ein­ein­halb Me­ter hoch über­schüt­tet ge­we­sen. Von voll­ge­lau­fe­nen Kel­lern und über­flu­te­ten Flä­chen be­rich­tet auch die Feu­er­wehr von Berg­ho­fen, ei­nem Stadt­teil von Sont­ho­fen.

Be­son­ders schwer ge­trof­fen hat es das Berg­haus am Grün­ten-St­ein­bruch in Kran­zegg. Ex­tre­mer Mo­der­ge­ruch emp­fängt dort Be­su­cher. Be­sit­zer Wil­ly Halb­laub deu­tet auf die hüft­ho­he nas­se Li­nie im Erd­ge­schoss: „So hoch stand hier ges­tern das Was­ser.“In der Kü­che schwimmt der Bo­den im­mer noch. Der Raum ist ge­sperrt. Zu groß sei die Ge­fahr, dass der Holz­bo­den durch­bricht, er­klärt der 81-Jäh­ri­ge in ei­nem Trüm­mer­feld aus Ge­röll, Mö­beln und Mat­sche­brü­he, das fast 60 Jah­re lang sein Zu­hau­se war.

Durch sein Haus bahn­ten sich die Was­ser­mas­sen ih­ren Weg ins Tal, vor­bei am na­gel­neu­en Wohn­haus und dem Be­triebs­ge­bäu­de von Pe­tra und Bern­hard Göhl, den In­ha­bern von Ber­nar­di-Bräu. Sie ha­ben sich ober­halb von Kran­zegg ei­ne Exis­tenz auf­ge­baut, brau­en 1500 Hek­to­li­ter Bier pro Jahr. Als es plötz­lich dun­kel wie am spä­ten Abend wur­de und bin­nen Mi­nu­ten Was­ser­mas­sen den Hang her­un­ter­lie­fen, wa­te­te Bern­hard Göhl durch hüft­ho­he Brü­he zum Trak­tor, er­in­nert sich sei­ne Frau. „Das war, wie wenn man die Il­ler über den Kam­me­reg­ger Weg um­lei­tet“, schil­dert er. Wäh­rend Gul­li­de­ckel hoch­spran­gen, bag­ger­te er ei­nen Wall, der die Flut vom Haus um­lei­te­te. „Oh­ne das wä­ren wir gna­den­los ab­ge­sof­fen“, sagt sei­ne Frau. Die größ­ten Schä­den gibt es im Au­ßen­be­reich. „Am schlimms­ten ist der Schlamm“, sagt Pe­tra Göhl. Die Braue­rei selbst ist weit­ge­hend in­takt ge­blie­ben. Er wol­le bald wie­der Bier brau­en, sagt Bern­hard Göhl und spritzt den Dreck weg.

» Wei­te­re Fo­tos im In­ter­net: www.all in.de/bil­der

Fo­tos: Ben­ja­min Liss (3), Die­ter Fi­scher, Feu­er­wehr Riez­lern

Spu­ren ei­nes Un­wet­ters, das am Di­ens­tag­nach­mit­tag fast zeit­gleich im Klein­wal­ser­tal und am Grün­ten (Ober­all­gäu) ge­wü­tet hat: Wil­ly Halb­laub aus Kran­zegg zeigt, wie hoch am Di­ens­tag­abend das Was­ser in sei­nem Haus stand (Bild oben Mit­te). Sein Gar­ten...

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