„Ich ha­be viel Glück ge­habt“

Kin­der­buch­au­to­rin Ju­dith Kerr wird 95

Der Westallgäuer - - Feuilleton - VON BIR­GIT MÜL­LER BARDORFF

Ihr gro­ßer Traum sei es, 95 zu wer­den, sag­te die Schrift­stel­le­rin Ju­dith Kerr im Al­ter von 93 Jah­ren in ei­nem Bei­trag für die Zeit, weil sie bis da­hin noch das Buch, an dem sie ge­ra­de ar­bei­te, zu En­de schrei­ben kön­ne. Der Traum ist in Er­fül­lung ge­gan­gen: Heu­te fei­ert Kerr ih­ren 95. Ge­burts­tag, in we­ni­gen Ta­gen er­scheint ihr Bil­der­buch „Mei­ne Kat­ze Ka­tin­ka“. „Mehr will ich nicht, ich ha­be in mei­nem Le­ben schon sehr viel Glück ge­habt“, füg­te Kerr da­mals noch hin­zu. Da­mit spiel­te sie dar­auf an, dass sie, die Toch­ter des be­rühm­ten Ber­li­ner Feuille­to­nis­ten Al­f­red Kerr, mit ih­ren El­tern und ih­rem Bru­der der Ver­fol­gung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ent­kom­men konn­te. In dem Kin­der­buch „Als Hit­ler das ro­sa Ka­nin­chen stahl“hat Kerr von die­ser Flucht, die über die Schweiz und Frank­reich nach En­g­land führ­te, er­zählt. Das Buch ist auch fast 50 Jah­re nach sei­nem Er­schei­nen noch Schul­lek­tü­re.

Erst im Al­ter von 40 Jah­ren hat­te Kerr, die ein Kunst­stu­di­um in Lon­don ab­sol­viert hat­te, be­gon­nen, Bü­cher zu ver­fas­sen und zu il­lus­trie­ren. „Ich bin zu­erst Zeich­ne­rin, dann Kin­der­buch­au­to­rin und dann Schrift­stel­le­rin“, hat sie ein­mal ge­sagt. Das Zu­sam­men­spiel von Wort und Bild war ihr im­mer be­son­ders wich­tig. Kerrs ers­ter gro­ßer Er­folg wur­de das Bil­der­buch „Ein Ti­ger kommt zum Tee“, ge­folgt von „Mog, der ver­gess­li­che Ka­ter“. Des von ihr so ver­ehr­ten und ge­lieb­ten Va­ters, der ei­ner klei­nen Rob­be auf dem Bal­kon sei­ner Ber­li­ner Woh­nung Asyl ge­währt hat­te, ge­dach­te sie in ih­rem Kin­der­buch „Ein See­hund für Herrn Al­bert“.

In ih­rem Haus im Süd­wes­ten Lon­dons blickt Ju­dith Kerr auf ein glück­li­ches Le­ben zu­rück. Da­zu ge­hört ne­ben der ge­lun­ge­nen Flucht auch die über ein hal­bes Jahr­hun­dert dau­ern­de Ehe mit dem bri­ti­schen Fern­seh­au­tor Ni­gel Kne­al. Das ein­zi­ge, was sie seit des­sen Tod 2006 trös­te, sei die Tat­sa­che, dass sie nun 24 St­un­den am Tag ar­bei­ten kön­ne, er­zähl­te Ju­dith Kerr in ei­nem In­ter­view. Gut mög­lich, dass es bei die­sem Ar­beits­ei­fer nun Ju­dith Kerrs gro­ßer Traum ist, 100 Jah­re alt zu wer­den, da­mit sie noch ei­ni­ge Bü­cher voll­enden kann.

Ju­dith Kerr

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