Was­ser wird im­mer knap­per: Pe­gel auf Re­kord­tief

Tro­cken­heit Land­wir­te und Kom­mu­nen müs­sen es mit Tank­wa­gen ho­len. Am Rottach­see sinkt der Pe­gel wei­ter. Ge­stran­de­te Mu­scheln wer­den ge­sam­melt und wie­der in den See ge­setzt

Der Westallgäuer - - Vorderseite - VON JU­LI­AN AGARDI, AI­MÉE JA­JES UND MICHA­EL MUNKLER Kemp­ten

Grund­was­ser­pe­gel auf Re­kord-Tiefst­stän­den, Trink­was­ser­knapp­heit in Kom­mu­nen und aus­ge­trock­ne­te Bach­bet­ten: Die Tro­cken­heit in der Re­gi­on nimmt kein En­de. Seit Fe­bru­ar hat es laut Deut­schem Wet­ter­dienst bei­spiels­wei­se in Kemp­ten 40 Pro­zent we­ni­ger als im lang­jäh­ri­gen Schnitt ge­reg­net. Gleich­zei­tig war es deut­lich wär­mer als üb­lich. Um das al­les aus­zu­glei­chen müs­se es län­ge­re Zeit flä­chen­de­ckend reg­nen, sagt der Chef des Was­ser­wirt­schafts­am­tes in Kemp­ten, Karl Schin­de­le. Doch Nie­der­schlä­ge sind bis weit in die nächs­te Wo­che hin­ein nicht in Sicht. Im Ge­gen­teil: Es soll er­neut föh­nig und für die Jah­res­zeit viel zu mild wer­den.

Stark be­trof­fen von der Was­ser­knapp­heit ist die Ober­all­gäu­er Ge­mein­de Wig­gens­bach. Die bei­den ge­meind­li­chen Qu­el­len dro­hen zur Nei­ge zu ge­hen. Des­we­gen fah­ren Tank­last­zü­ge der­zeit täg­lich 100 000 Li­ter Was­ser von Kemp­ten nach Wig­gens­bach. Ab Mon­tag ist das vor­aus­sicht­lich aber nicht mehr nö­tig: Die Ge­mein­de re­ak­ti­viert ei­ne lan­ge Jah­re still ge­leg­te Lei­tung und schließt sich da­mit über den Nach­bar­ort ans Fern­was­ser­netz an. Ei­ne mit­tel­fris­ti­ge Lö­sung, sagt Bür­ger­meis­ter Tho­mas Eigst­ler „Das hilft uns über den Win­ter.“Das Ge­sund­heits­amt hat bei Pro­ben in ei­nem Hoch­be­häl­ter zu­dem Kei­me ge­fun­den. Des­we­gen exis­tiert ei­ne Ab­koch­an­ord­nung.

Auch in Prem na­he Lech­bruck im Ost­all­gäu war die Si­tua­ti­on heu­er so ernst wie nie. Der Grund­was­ser­pe­gel war En­de Au­gust be­droh­lich ge­sun­ken und die Trink­was­ser­ver­sor­gung ernst­haft ge­fähr­det. Mit ei­nem 1,4 Ki­lo­me­ter lan­gen Feu­er­wehr­schlauch wur­de über ei­nen Mo­nat lang Was­ser aus der Nach­bar­ge­mein­de St­ein­ga­den in das 900-See­len-Dorf ge­pumpt. In­zwi­schen hat sich die La­ge nach Aus­kunft von Bür­ger­meis­ter Her­bert Sie­ber aber be­ru­higt. Den­noch will der Pre­mer Rat­haus­chef künf­tig bes­ser vor­be­rei­tet sein, soll­te es er­neut zu Eng­päs­sen kom­men. „Wir bau­en ak­tu­ell ei­ne Was­ser­lei­tung nach St­ein­ga­den und ich hof­fe, dass sie so schnell wie mög­lich fer­tig wird.“

Man­cher­orts mel­de­ten auch Be­sit­zer pri­va­ter Qu­el­len, dass die­se aus­ge­trock­net sind. Auf dem Ma­ria­berg bei Kemp­ten bei­spiels­wei­se müs­sen Be­woh­ner seit Au­gust ihr Was­ser bei den Kemp­te­ner Kom­mu­nal­un­ter­neh­men ab­zap­fen. „Es ist zum Haa­re rau­fen“, sagt Zoran Cu­li­brk, Be­sit­zer des Ma­ria­ber­ger Land­gast­hofs. Je­weils frei­tags holt er mit ei­nem An­hän­ger das Was­ser fürs Wo­chen­en­de. Ein­mal muss­te er schon am Sonn­tag­nach­mit­tag das Lo­kal schlie­ßen – bei bes­tem Wet­ter. Das Was­ser war aus, das Ge­schirr sta­pel­te sich in der Kü­che. „Vie­le Leu­te ver­ste­hen das nicht“, sagt der Wirt. Auch Wan­de­rer re­agier­ten bis­wei­len ver­ständ­nis­los, wenn er ih­nen die Toi­let­te ver­sa­gen muss­te – we­gen Was­ser­man­gel.

Mit der Knapp­heit ha­ben vor al­lem auch die All­gäu­er Land­wir­te zu kämp­fen. Jo­sef Eber­le aus Wild­polds­ried bei Kemp­ten fährt mit ei­nem 1000-Li­ter-Fass zur­zeit täg­lich drei­mal zu sei­nem Nach­barn, um Was­ser zu ho­len, da­mit er sei­ne Kü­he ver­sor­gen kann. „Ei­nen sol­chen Not­stand gab es bis jetzt noch nie“, seufzt der 52-Jäh­ri­ge. Um die Land­wir­te zu un­ter­stüt­zen, hat die Ober­all­gäu­er Ge­mein­de ei­ne zen­tra­le Zapf­an­la­ge er­rich­tet. „Wir ha­ben ei­ne ab­so­lu­te Not­si­tua­ti­on“, sagt Wild­polds­rieds Ge­schäfts­lei­ter Chris­ti­an Spei­ser. „Zahl­rei­che Bau­da­zu: ern müs­sen sich bei uns täg­lich das Was­ser ab­ho­len.“

Die gro­ße Tro­cken­heit kann man beim Was­ser­wirt­schafts­amt an dem ex­trem nied­ri­gen Grund­was­ser­pe­gel ab­le­sen, die teil­wei­se auf Re­kord­tiefs ge­fal­len sind. Vom Rottach­see im Ober­all­gäu wer­den pro Se­kun­de drei Ku­bik­me­ter Was­ser in die Il­ler ab­ge­ge­ben, um das ex­tre­me Nied­rig­was­ser von Il­ler und Do­nau et­was zu mil­dern. Des­we­gen sinkt der See­pe­gel der­zeit pro Tag um 17 Zen­ti­me­ter. „Da­durch trock­nen na­tür­lich im­mer grö­ße­re Flä­chen aus“, schil­dert Schin­de­le. Auf den aus­ge­trock­ne­ten Flä­chen wür­den Mu­scheln stran­den. Die­je­ni­gen, die nicht schnell ge­nug zu­rück ins Was­ser kom­men, ge­hen ein. Wä­ren da nicht Mit­glie­der des Fi­sche­rei­ver­eins, die die Tie­re sam­meln und mit dem Boot wie­der in den See set­zen.

Bis weit in die die nächs­te Wo­che hin­ein wird es im All­gäu mild und zu warm blei­ben. Föhn wird ver­mut­lich im­mer wie­der für re­kord­ver­däch­ti­ge Tem­pe­ra­tu­ren sor­gen. „Ein Win­ter­ein­bruch ist vor­erst nicht in Sicht“, sagt Chef­me­teo­ro­lo­ge Joa­chim Schug von Me­teo­group. Ho­he Tem­pe­ra­tu­ren im No­vem­ber sind al­ler­dings kei­ne Sel­ten­heit. In Oberst­dorf bei­spiels­wei­se gab es am 25. No­vem­ber 2006 den bis­her spä­tes­ten Tag mit 20 Grad.

„Der gan­ze No­vem­ber wird auf der Al­pen­nord­sei­te zu warm und zu tro­cken aus­fal­len.“Di­plom-Me­teo­ro­lo­ge Joa­chim Schug

Fo­to: Ralf Lie­nert

Vom Rottach­see im Ober­all­gäu wer­den pro Se­kun­de drei Ku­bik­me­ter Was­ser in die Il­ler ab­ge­ge­ben, um das ex­tre­me Nied­rig­was­ser von Il­ler und Do­nau zu mil­dern. Des­we­gen sinkt der See­pe­gel der­zeit pro Tag um 17 Zen­ti­me­ter. Es trock­nen im­mer grö­ße­re Flä­chen aus.

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