Ent­fernt Sie­mens sich von Deutsch­land?

Bi­lanz Joe Ka­e­ser woll­te ei­gent­lich mal kei­ne Schlag­zei­len pro­vo­zie­ren. Dann wur­de der Spit­zen­ma­na­ger bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz doch deut­lich und spricht über die AfD, Ge­schäf­te mit Sau­di-Ara­bi­en und Stel­len in Deutsch­land

Der Westallgäuer - - Wirtschaft - TON SME1AN SMAHL Mün­chen Fo­to: Christof St­a­che, afp

Über man­geln­de Auf­merk­sam­keit kann sich Joe Ka­e­ser nicht be­kla­gen. Er liebt die Me­di­en und sie mö­gen ihn. Nach Pres­se­kon­fe­ren­zen be­ginnt die wah­re Pres­se­kon­fe­renz, wenn der Sie­mens-Chef das Po­di­um ver­lässt und die Nä­he der Re­por­ter sucht, um mit lei­ser Stim­me das Neu­es­te aus Ka­e­sers Welt kund zu tun. So ge­schieht es auch am Don­ners­tag in Mün­chen, nach­dem der 61-Jäh­ri­ge zu­vor ei­ne bis auf die zu­letzt in die ro­ten Zah­len ge­rutsch­te Kraft­werks­spar­te ta­del­lo­se Bi­lanz vor­ge­legt hat.

Als ihn ein Jour­na­list nun fragt, wie er den Ab­sturz des einst Sie­mens über­le­ge­nen US-Kon­kur­ren­ten Ge­ne­ral Electric ein­schätzt, ver­schwin­det das Lä­cheln aus dem Ge­sicht des Ma­na­gers. Er senkt den Kopf et­was und sagt wie ein Va­ter zu sei­nen Kin­dern: Man dür­fe nicht ar­ro­gant wer­den. Und dann fügt Ka­e­ser, wohl auch als Er­mah­nung an sich selbst, hin­zu: „Pass bloß auf!“

Der Weck­ruf ver­wun­dert nicht, ist die In­dus­trie-Iko­ne Ge­ne­ral Electric doch zu ei­nem Sa­nie­rungs­fall ge­wor­den. Vor­bei sind die Zei­ten, als sich Sie­mens-Chefs vor­hal­ten las­sen muss­ten, war­um sie nicht so tol­le Ren­di­ten wie Ge­ne­ral Electric ab­lie­fern. Es gä­be al­so reich­lich Grün­de für Ka­e­ser, sich stolz auf die Brust zu klop­fen und ab­fäl­lig über die Ame­ri­ka­ner zu re­den. Da­zu lässt er sich nicht pro­vo­zie­ren, auch wenn der Sie­mens-Um­satz im ab­ge­lau­fe­nen Ge­schäfts­jahr ge­gen­über 2017 um zwei Pro­zent auf 83 Mil­li­ar­den Eu­ro an­schwoll und der Ge­winn nach Steu­ern auf ho­hem Ni­veau leicht auf et­wa 6,12 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­leg­te, ja, die Ak­tio­nä­re gar ei­ne um 0,10 auf 3,80 Eu­ro je Ak­tie er­höh­te Di­vi­den­de er­hal­ten sol­len.

Ka­e­ser streicht na­tür­lich sei­ne Leis­tun­gen als Kon­zern­len­ker her­aus, wenn er sagt: „Es ist nun schon das fünf­te Jahr in Fol­ge, dass wir die Pro­gno­se er­rei­chen oder über­tref­fen.“Doch ge­gen­über den tief ge­fal­le­nen Kol­le­gen von Ge­ne­ral Electric lässt er Mitgefühl er­ken­nen.

Über­haupt fällt an dem Tag auf, wie sorg­sam Ka­e­ser sei­ne Wor­te wägt, als ha­be er sich vor­ge­nom­men: Heu­te bloß kei­ne neu­en Schlag­zei­len pro­vo­zie­ren. Ja, par­tout nicht ir­gend­wel­che Zah­len nen­nen, wel­che per­so­nel­len Ein­spar­po­ten­zia­le das neue Sie­mens-Ve­rän­de­rungs­pro­gramm ha­ben könn­te.

Als dann ein Re­por­ter spitz an- merkt, das sei ja heu­te ei­ne eher un­spek­ta­ku­lä­re Sie­mens-Pres­se­kon­fe­renz, lässt Ka­e­ser dann doch kei­nen Zwei­fel auf­kom­men, dass er dem Ver­ein für deut­li­che Aus­spra­che an­ge­hört, zu dem sich be­kannt­lich CSU-Le­gen­de Franz Jo­sef Strauß ge­zählt hat­te. Als der Sie­mens-Boss näm­lich ge­fragt wird, ob er wie­der ge­gen die AfD twit­ternd sti­cheln wer­de, sagt er: „Ich ha­be mich nie ge­gen die AfD aus­ge­spro­chen.“Das sei schließ­lich ei­ne zu­ge­las­se­ne Par­tei. Wer sie wäh­len wol­le, sol­le das tun. Dann macht Ka­e­ser deut­lich: „Ich ha­be mich ge­gen Ras­sen­hass und Aus­gren­zung aus­ge­spro­chen. Das wer­de ich wie­der tun.“Er sei dies den Men­schen schul­dig, die zu ihm auf­schau­en. Der Ma­na­ger be­tont hier sei­ne ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung. Be­kannt­lich hat­te Ka­e­ser Ali­ce Wei­del, AfD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Bun­des­tag, via Twit­ter mas­siv at­ta­ckiert: „Lie­ber Kopf­tuch-Mä­del als Bund Deut­scher Mä­del. Frau Wei­del scha­det mit ih­rem Na­tio­na­lis­mus dem An­se­hen un­se­res Lan­des in der Welt. Da, wo die Haupt-Quel­le des deut­schen Wohl­stands liegt.“Und der Sie­mens-Chef lässt auch er­ah­nen, wie sehr er mit sich ge­run­gen ha­ben muss, die Rei­se nach Sau­di-Ara­bi­en zu dem dort statt­fin­den­den In­ves­to­ren-Fo­rum ab­zu­sa­gen. Schließ­lich lock­ten hier Groß­auf­trä­ge. Der Fall des er­mor­de­ten sau­di­schen Re­gime­kri­ti­kers Dscha­mal Ka­schog­gi ha­be ihn aber zum Hier­blei­ben ani­miert.

Den­noch wirkt Ka­e­ser nach wie vor zer­ris­sen, was das Ge­schäf­te­ma­chen mit ei­nem Land wie Sau­di­Ara­bi­en be­trifft: Denn dort er­ziel­te Groß­auf­trä­ge si­cher­ten auch Ar­beits­plät­ze in Deutsch­land, gibt er zu be­den­ken. Zu­letzt war im Sie­mens-Hei­mat­land ver­stärkt der Vor­wurf auf­ge­kom­men, der Kon­zern ent­frem­de sich von Deutsch­land. Dar­auf von un­se­rer Zei­tung an­ge­spro­chen, stellt Ka­e­ser klar: „Wir wol­len uns nicht von Deutsch­land ent­frem­den.“Als Be­leg ver­weist er dar­auf, dass von den 2017 welt­weit fast 41000 neu ent­stan­de­nen Ar­beits­plät­zen 4700 in Deutsch­land ge­schaf­fen wur­den. Ein Blick in die Sie­mens-Bi­lanz of­fen­bart al­ler­dings, dass die Zahl der Be­schäf­tig­ten in Deutsch­land von 2017 auf 2018 um rund 1000 auf et­wa 117000 zu­rück­ge­gan­gen ist.

Da­mit ar­bei­tet nicht mal mehr ein Drit­tel al­ler 379000 Sie­men­sia­ner im Ur­sprungs­land des Kon­zerns. Auf die Fak­ten ant­wor­tet Ka­e­ser mit ei­ner an­de­ren Zahl: So sei­en zwei Drit­tel der Auf­wen­dun­gen für die For­schung von rund 5,6 Mil­li­ar­den Eu­ro im ver­gan­ge­nen Jahr nach Deutsch­land ge­flos­sen. Und ob Chi­na oder In­di­en: Die Re­gie­run­gen sol­cher wich­ti­gen Län­der, ar­gu­men­tiert der Sie­mens-Chef, for­der­ten bei Auf­trags­ver­ga­ben als Ge­gen­ge­schäft die Schaf­fung von Ar­beits­plät­zen vor Ort. Den­noch sagt IGMe­tall-Vor­stand und Sie­mens-Auf­sichts­rat Jür­gen Ker­ner un­se­rer Zei­tung: „Sie­mens muss mal wie­der die Fer­ti­gung für ei­ne ganz neue Tech­no­lo­gie oder ein neu­es Pro­dukt in Deutsch­land an­sie­deln.“

Sie­mens-Chef Joe Ka­e­ser äußert sich nicht nur zum Ge­schäft, er spricht auch über Po­li­tik.

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