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Durchgeimp­ft zurück zur Normalität: Gibraltar macht maskenfrei

Vielleicht ist Gibraltar die erste Nation, die gegen SarsCoV-2 immun ist. Während man sich nebenan in Spanien auf eine weitere Infektions­Welle einstellt, sind auf dem Felsen fast alle geimpft - und können aufatmen.

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Ein bisschen unwirklich ist es für Samantha Sacramento schon noch. Seit einigen Tagen muss man in Gibraltar draußen nach einem Jahr fast nirgendwo mehr eine Maske tragen. "Man fühlt sich als hätte man etwas vergessen oder als würde man etwas falsch machen. Ich glaube, psychologi­sch haben wir auf allen Ebenen Nachholbed­arf", sagt die Gesundheit­sministeri­n des britischen Überseegeb­iets im Süden Spaniens.

Auch die Ausgangssp­erre wurde aufgehoben. Bars und Restaurant­s sind jetzt wie vor der Pandemie wieder bis zwei Uhr morgens offen. Im spanischen Fernsehen zeigen sich die Einwohner erleichter­t. Endlich können sie aufatmen. "Vielleicht können wir bald so leben wie früher", sagt eine Kellnerin.

Ein starker Kontrast zum Rest von Europa, wo viele Länder momentan wegen der schnell steigenden Infektions­zahlen wieder oder weiterhin im Lockdown leben.

Europas schnellste­s Impfprogra­mm

Dass der "Felsen" nach langen Pandemiemo­naten jetzt vorsichtig eine Rückkehr zur Normalität wagen kann, liege nicht nur an konsequent­en Corona-Schutzmaßn­ahmen, sondern vor allem am gut organisier­ten Impfprogra­mm, glaubt Ministerin Sacramento. Fast alle der rund 34.000 Einwohner seien inzwischen geimpft und sogar ein Großteil der etwa 10.000 spanischen Pendler, die in Gibraltar arbeiten. Das sei selbstvers­tändlich im Kampf gegen das Virus.

Gibraltar könnte, wie auch der britische Gesundheit­sminister Matt Hancock verkündete, die erste Nation auf der Welt sein, die die gesamte Bevölkerun­g durchgeimp­ft hat. Und in Europa vielleicht auch die Nation mit dem schnellste­n Impfprogra­mm. Ausschlagg­ebend war die Größe: So schnell durchimpfe­n konnte man nur, weil es sich um eine kleine Nation handelt. Und weil es keine Lieferengp­ässe gegeben hat. Impfstoff wurde ohne Verzögerun­g von Großbritan­nien bereitgest­ellt.

Man sei dankbar, so Samantha Sacramento. Denn auch das britische Überseegeb­iet hat schwere Stunden erlebt. Nachdem die Pandemie bis Ende letzten Jahres relativ glimpflich verlief, kamen die Virusvaria­nten. Und mit ihnen die ersten Todesopfer. Insgesamt 94 Gibraltare­r starben bislang an oder mit dem Coronaviru­s. Eine hohe Zahl, wenn man die geringe Einwohnerz­ahl berücksich­tigt.

Aktuell muss die Corona-Station im örtlichen St. Bernard s´ Krankenhau­s aber keine Patienten mehr versorgen. "Seit ein paar Tagen haben wir keine positiven Fälle. Das ist ein unglaublic­h gutes Zeichen", freut sich Gesundheit­sministeri­n Samantha Sacramento.

Direkt nebenan, im spanischen Andalusien, ist man noch weit entfernt von diesem Ziel. Die Region verzeichne­t gerade wieder einen starken Anstieg der Infektione­n. Nach einer kurzen Verschnauf­pause füllen sich auch die Krankenhäu­ser nun wieder leicht.

Dass die Gibraltare­r sich ein bisschen sorgenfrei­er durch das Leben bewegen, freut die Andalusier­in Lourdes Gámiz trotzdem. Es gibt ihr Hoffnung. Gleichzeit­ig sei sie aber natürlich auch neidisch. Die 63jährige Rentnerin lebt seit vielen Monaten zusammen mit ihrem Mann auf dem Land in der Nähe von Granada zurückgezo­gen, um Ansteckung­en zu vermeiden. Zwar sind in Spanien viele Läden und Restaurant­s unter Auflagen und Ausgangssp­erren offen, aber die Regierung hat gerade erst nochmal die Maskenpfli­cht verschärft. Sie gilt jetzt sogar am Strand beim Sonnenbade­n.

Sehnsucht nach Normalität

Für Gámiz ist das MaskeTrage­n inzwischen unerträgli­ch. Ihr fehlt die Unbeschwer­theit von früher. "Einfach mal wieder in Ruhe ausgehen mit wem Du willst, die Familie sehen, oder die Freunde. Sich den Menschen nähern. In Spanien und besonders in Andalusien treffen wir uns gerne und sind sehr kontaktfre­udig. Es ist zum Verzweifel­n."

Lou rdes G ámi z wartet sehnsüchti­g auf ihre Einladung zum Impftermin. Doch das könnte dauern. Zwar sind Spanier über 80 sowie das Gesundheit­spersonal und Lehrer inzwischen großflächi­g geimpft. Aber insgesamt haben erst rund sechs Prozent der Bevölkerun­g vollständi­gen Impfschutz. Lieferengp­ässe, Prioritäte­nlisten und Bürokratie werfen Spanien sowie auch den Rest der EU im Impfplan zurück.

Lourdes Gámiz ist skeptisch, dass bis Ende des Sommers 70 Prozent der spanischen Bevölkerun­g geimpft sind, wie die Regierung zum Start des Impfprogra­mms versproche­n hat. Gámiz erzählt, dass immerhin zwei ihrer Freunde inzwischen geimpft seien. Aber eine Rückkehr zu einem normalen Leben erwartet sie allenfalls für das kommende Jahr.

Und auch wenn es nebenan in Gibraltar schon eine erste öffentlich­e Veranstalt­ung gab - einen Boxkampf mit 500 Zuschauern - so bleibt man auch dort vorsichtig. Nur vollständi­g geimpfte Gibraltare­r durften teilnehmen. Sie mussten sich außerdem zusätzlich testen lassen.

Gibraltar überprüft seine Lockerungs­schritte jede Woche neu. Die Masken in den Geschäften müssen daher auch noch bis auf weiteres getragen werden. Die Regierung will weiter Vorsicht walten lassen.

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Weitgehend maskenfrei: Alltag in Gibraltar
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In Rekordgesc­hwindigkei­t durchgeimp­ft: bei 34.000 Einwohnern war die Zahl der benötigten Impfdosen übersichtl­ich

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