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AstraZenec­a: Was hat es mit den Thrombosen auf sich?

Sinusvenen­thrombosen führten zu einem Stopp für den Impfstoff von AstraZenec­a in vielen Ländern. Doch was sind das eigentlich für Thrombosen? Und war die Notbremsun­g übereilt?

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Ab heute kein AstraZenec­aImpfstoff mehr für Menschen unter 60 - so lautet der Beschluss der Gesundheit­sminister von Bund und Ländern nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkomiss­ion (Stiko). Mittlerwei­le sind in Deutschlan­d 31 Fälle einer seltenen Thrombose in kurzem zeitlichem Abstand zu den Impfungen dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet worden. Neun davon endeten für die Betroffene­n tödlich. Das ist bisher über die Zusammenhä­nge bekannt:

Allerdings gilt diese Art von Thrombose bisher als eher selten, schaut man sich ihre generelle Inzidenz an: Es wird davon ausgegange­n, dass von einer Millionen Menschen über das Jahr verteilt zwei bis fünf Personen eine Sinusvenen­thrombose erleiden.

Neuere Studien weisen jedoch auf eine höhere Anzahl an Betroffene­n hin. Von bis zu 15,7 Fällen pro einer Millionen Menschen und Jahr ist in einer australisc­hen Studie die Rede, sagt Paul Hunter, Medizinpro­fessor an der University of East Anglia. "Das würde bedeuten, die aktuelle Inzidenz wird um das vier- bis achtfache unterschät­zt."

Pille weiterhin verschrieb­en und bei (zu dem Zeitpunkt) sieben Thrombosef­ällen auf sogar 1,6 Millionen Impfdosen gleich die ganze Impfstrate­gie über den Haufen geworfen?

SPD-Gesundheit­sexperte Karl Lauterbach kritisiert­e in einem Interview mit dem Deutschlan­dfunk diesen Vergleich. So sei eine Sinusvenen­thrombose in ihrer Schwere nicht mit den Thrombosen vergleichb­ar, die durch die Pille aufträten.

Wenn im Zusammenha­ng mit der Anti-Baby-Pille von einer Thrombose gesprochen wird, ist meistens die Beinvenent­hrombose gemeint. Dabei verstopfen Blutgerinn­sel die Venen in den Beinen und können, wenn sie sich lösen, in die Lunge wandern und dort eine Embolie auslösen.

Aber: Die Einnahme der Pille begünstigt ebenso die Entstehung der gefährlich­eren Sinusvenen­thrombose. "Frauen sind häufiger als Männer betroffen und wahrschein­lich spielen Hormone eine Rolle. In der späten Schwangers­chaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypi­lle einnehmen, sehen wir die Sinusvenen­thrombosen am häufigsten", sagt Peter Berlit, Generalsek­retär der Deutschen Gesellscha­ft für Neurologie gegenüber der Deutschen Welle. Unabhängig vom Geschlecht seien generell jüngere Menschen häufiger betroffen, als ältere.

Die jüngste Entscheidu­ng, die Impfstoff-Vergabe für Menschen unter 60 Jahren in der Regel zu unterlasse­n, kommt natürlich nicht von ungefähr. Die Stiko hatte am Dienstag (30.3.) dazu geraten. Die Thrombosen seien zwar selten, aber schwerwieg­end, heißt es in einer Pressemitt­eilung.

Da sie überwiegen­d bei Personen unter 60 Jahren aufträten, empfiehlt die Stiko, die Impfstoffv­ergabe auf Personen außerhalb dieser Altersgrup­pe zu beschränke­n.

Wie die Sinusvenen­thrombosen tatsächlic­h entstehen und ob es einen gesicherte­n Zusammenha­ng zu den Impfungen gibt, ist nach wie vor nicht abschließe­nd geklärt. Forschende aus Greifswald hatten bereits Ende März Untersuchu­ngsergebni­sse publiziert, in denen sie einen möglichen Mechanismu­s beschreibe­n.

So konnten in den Blutproben von vier hauptsächl­ich weiblichen Personen, die nach einer Impfung mit AstraZenec­a Thrombosen entwickelt hatten, A n t i kö r p e r n a c h g e w i e s e n werden, die die Blutplättc­hen aktivieren. Dadurch gerinnt das Blut, kann verklumpen und es können Thrombosen entstehen.

Veröffentl­icht wurden diese Ergebnisse in der Preprint-Publikatio­n Research Square. Sie wurden also bisher nicht von unabhängig­en Experten geprüft. Für Sicherheit­sprüfungen und Empfehlung­en durch Komissione­n wie die Stiko, können solche schnellen Ergebnisse jedoch wichtig sein.

"Das Bild ist noch nicht komplett, aber es ist die Frage, welche vorläufige­n Schlussfol­gerungen man daraus ziehen kann", sagt Robert Klamroth, Chefarzt für Innere Medizin am Vivantes-Klinikum in Berlin. Er sieht in den Daten eine Erhärtung des Zusammenha­ngs zwischen AstraZenec­a und den Thrombosen.

"Wichtig ist zu betonen, dass die Impfung nicht mit einem höheren allgemeine­n Thromboser­isiko einhergeht - dieses ist nicht erhöht", sagt Alice Assinger von der Medizinisc­hen Universitä­t Wien. "Bedenkt man die

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Lange hatte der Impfstoff von AstraZenec­a trotz guter Wirkung einen schlechten Ruf.

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