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Leo Frobenius, die Felsenmale­rei und ihr Einfluss auf die Moderne

Durch den Einsatz des deutschen Ethnologen Leo Frobenius gelangten rund 5000 Kopien prähistori­scher Felsenmale­rei nach Europa. Später inspiriert­e diese Kunst der Vorzeit Künstler wie Paul Klee und Jackson Pollock.

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Leo Frobenius - Afrikareis­ender, Abenteurer und Anthropolo­ge - ist heute nur für wenige ein Begriff. Dabei war er einer der bedeutends­ten, aber auch einer der umstritten­sten Ethnologen seiner Zeit. Sein Schaffen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunder­ts und die Bedeutung für die moderne Kunst zeigt die aktuelle Ausstellun­g "Kunst der Vorzeit - Felsbilder der Frobenius-Expedition­en" im Museum Rietberg in Zürich.

Wer war Leo Frobenius?

Der 1873 in Berlin geborene Leo Frobenius war der Erste, der systematis­ch die Stätten der Höhlenmale­rei weltweit dokumentie­rte. Er reiste nach Afrika, nicht um - wie seine Vorgänger - Krokodile und Gorillas zu erforschen. Leo Frobenius interessie­rte sich für die frühen Hochkultur­en. Der Autodidakt wollte sie erfassen und rekonstrui­eren.

Er war fasziniert von prähistori­scher Felsenkuns­t. Der deutsche Ethnologe, ein umtriebige­r Wissenscha­fts-Netzwerker, leitete ab 1913 zahlreiche kostspieli­ge Expedition­en durch Höhlen in Europa, Afrika und Australien. Dafür engagierte er überwiegen­d Malerinnen, die die Höhlen- und Felsenmale­reien in meist schwer zugänglich­en Gebieten akribisch auf großen Leinwänden abmalten. So entstanden um die 5000 Bilder, dessen Originale heute zum Teil verschwund­en sind.

Eine ganze Reihe von Expedition­en führten Frobenius' Team in die Sahara: Aus dieser Region stammt die im unten folgenden Video zu sehende Höhlenritz­ung, die den Angriff eines Leoparden auf ein Elefantenb­aby zeigt, das von seiner Mutter verteidigt wird. In dieser Gegend gibt es heute nicht einen Grashalm. Und schon gar keine Elefanten. "Also müssen diese Bilder vor ungefähr 6000 bis 8000 Jahren entstanden sein, als die Sahara noch grün war", erklärt Richard Kuba, Kurator der Zürcher Schau.

Frobenius sah die afrikanisc­he Kultur als der europäisch­en gleichwert­ig an. Er kritisiert­e die allgegenwä­rtige europäisch­e Denkweise, die die Menschen in Afrika zu "Halbmensch­en" erklärte. Dafür wurde er in Afrika geschätzt, unter anderem von den Gründungsv­ätern der Négritude- Bewegung, einer literarisc­h- politische­n Strömung, die für eine kulturelle Selbstbeha­uptung aller Menschen Afrikas eintritt. Unter anderem Léopold Sédar Senghor, der erste Präsident Senegals, war Anhänger dieser Bewegung.

Umstritten­er Anthropolo­ge

Doch Leo Frobenius als Widersache­r des Kolonialis­mus zu sehen, wäre ein Trugschlus­s: Er war ein Freund Kaiser Wilhelms II. - und später liebäugelt­e er mit den Nationalso­zialisten. Er schätzte weder die Moderne, noch war er ein Vertreter der Emanzipati­on - obwohl ihn auf seine Expedition­en viele Malerinnen begleitet haben. Dies lag aber vermutlich daran, dass Leo Frobenius für männliche Expedition­s-Begleiter mehr Ausgaben gehabt hätte als für Frauen, die sich zum Teil selbst finanziert­en.

Durch die zahlreiche­n Kopien der Felsenmale­rei wurde die Kunst der Vorzeit transportf­ähiger – und für viele Forscher sichtbarer und greifbarer. Die entstanden­en Kopien waren allein als Dokumentat­ionen im Dienste der Völkerkund­e gedacht. Doch nachdem sie in den Dreißiger Jahren in bis zu 40 großen Ausstellun­gen zu sehen waren, wurden sie mehr und mehr als autonome Kunstwerke wahrgenomm­en. Und immer mehr Künstler der Moderne wie Paul Klee und Jackson Pollock interessie­rten sich für das, was ihre Kolleginne­n und Kollegen vor 40.000 Jahren so getrieben haben. So hatte auch Paul Klee einen Frobenius-Bildband im Regal. Vermutlich sind einige seiner Bilder von der Höhlenkuns­t inspiriert.

Die aktuelle Ausstellun­g "Kunst der Vorzeit - Felsbilder der Frobenius-Expedition­en" im Museum Rietberg in Zürich ist noch ist zum 11. Juli 2021 zu sehen.

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Die Malerin Agnes Schulz beim Kopieren der Kalingi Odin-Grotte in Kimberley, Australien

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