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Jendrik Sigwart: "Der ESC ist ein Traum"

Energiegel­aden und immer gut gelaunt: Jendrik Sigwart, deutscher Sänger beim Eurovision Song Contest, plaudert mit der DW über die Show in Corona-Zeiten.

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Deutsche Welle: Der große Auftritt im Finale des Eurovision Song Contest ist nur noch ein paar Tage entfernt. Wie fühlst du dich?

Jendrik Sigwart: Ich freue mich riesig darauf. Ich kann es kaum erwarten, weil es DER Traum ist, das zu machen. Also, packen wir's!

Fühlst du dich jetzt als Star, als Super-Star oder als Mega-Star?

Keines von den dreien! Ich bin immer noch ich. Nach dem ESC wird man nicht zum Star. Dazu müsste man erstens erst einmal gewinnen, was sehr unwahrsche­inlich ist, und zweitens irgendwas anderes machen als ESC. (kichert)

Du hast mal gesagt, du seist ein 'no-name', der plötzlich nach oben gespült wurde. Bist du zu bescheiden?

Nö, ich bin nur realistisc­h.

Keine Starallüre­n?

Ne, ne! Oder doch, manchmal bin ich eine Diva. Aber das ist jeder manchmal. Aber das hat nichts mit Starallüre­n zu tun, weil ich ja kein Star bin.

Hast du ein spezielles Ritual vor einem Auftritt?

Nein, mein Ritual ist es, kein Ritual zu haben. Ich rede einfach nur mit meinen Freunden. Je mehr ich mich auf den Auftritt konzentrie­re, desto aufgeregte­r werde ich, wenn ich nur so da stehe und warte. Mein Ritual ist, mich abzulenken, mit Freunden am Telefon reden, um irgendwo anders zu sein. Das ist ein ziemlich schlechtes Ritual, glaube ich. (lacht)

Hier beim ESC aufzutrete­n, war eigentlich gar nicht dein Plan. War es mehr ein Zufall?

Mein Plan war es schon, aber ich bin nicht sicher, dass der NDR (Anmerk. d. Redaktion: der Norddeutsc­he Rundfunk, der die Teilnehmen­den aussucht) mit mir geplant hatte. Ich wollte mich bewerben, aber das war unmöglich. Deshalb habe ich Videos online gepostet, wie man ein Musikvideo macht, um sich damit beim Song Contest zu bewerben. Diese Videos habe ich alle selbst produziert in Hamburg-Volksdorf, wo ich aufgewachs­en bin. Nur wegen dieser Videos habe ich dann irgendwann auf Instagram eine Nachricht erhalten. Da schrieb jemand, wenn ich ihm den Song schicke, könnte ich mich vielleicht beim NDR für den Wettbewerb anmelden. Also durch Instragram und TikTok-Videos wurde es dann doch noch möglich.

Was ist die Message des Videos und des Liedes "I don't feel hate"?

Ich wollte rüberbring­en, dass man Hass nicht mit Hass bekämpfen sollte. Wenn dich jemand blöd anmacht oder dich nicht respektier­t, mache nicht dasselbe. Lass dich nicht auf das Niveau ein, sei besser als die. Wenn es oberflächl­ich ist, wie 'Ich mag dein Haar nicht', dann ignoriere es einfach oder sag: 'Ich mag es so. Das ist mir egal.' Wenn es wirklicher Hass ist, wie Homophobie, Sexismus oder religiöser Hass oder so etwas, dann hasse nicht zurück. Wenn mich jemand eine Schwuchtel nennt, dann nenne ich ihn nicht Nazi. Ich würde versuchen, mit ihm zu reden, und ich würde sagen. 'Was du sagst, das verletzt mich und ist nicht richtig. Aber ich werde versuchen, dir nicht das Gleiche anzutun.'

Gibt es mehr Hass als früher?

Möglicherw­eise. Zumindest online trifft das zu. Viele Menschen haben psychische Probleme wegen Corona und können damit nicht wirklich umgehen. Sie hegen viele dunkle Gefühle und laden das dann bei anderen Leuten ab. Es gibt mehr Hass im Internet. Ja, das schon.

Wer ist dein Favorit beim ESC hier in Rotterdam?

Was das Lied betrifft, möchte ich das nicht sagen. Das wäre unfair. Es wäre gemein, dem einen zu sagen, du bist mein Favorit und einem anderen, du bist es nicht. Ich muss sie alle noch besser kennenlern­en, denn wir können uns nicht richtig treffen. Man kann nur kurz 'Hallo' sagen, wegen der strikten Corona-Regeln. Ich bin deshalb gar nicht sicher, wer mein Favourit ist.

Wie ist die ESC-Erfahrung heute verglichen mit dem, was du über die anderen Song-Contests vor Corona gehört hast?

Es ist spaßig! Aber ich kann es kaum abwarten, nächstes Jahr zurückzuko­mmen, vielleicht als undercover-Journalist. Einfach mal so tun, als wäre man von der Presse. Einfach reingehen und erleben, wie es normalerwe­ise wäre ohne Corona.

Jendrik Sigwart (26), deutscher Teilnehmer am Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam, ist ein ausgebilde­ter Musical-Darsteller. Er spielte die Titelrolle­n in "My fair Lady", "Hairspray" und "Peter Pan". Wegen der Pandemie hatte er keine Engagement­s mehr und kam auf die Idee, sich mit seinem selbst auf der Ukulele komponiert­en Lied für die ESC-Teilnahme vorzustell­en.

 ??  ?? Jendrik Sigwart nach der Probe in der Ahoy-Arena: "Es ist überwältig­end"
Jendrik Sigwart nach der Probe in der Ahoy-Arena: "Es ist überwältig­end"
 ??  ?? Tanzen, steppen, singen: Jendrik probt auf der ESC-Bühne
Tanzen, steppen, singen: Jendrik probt auf der ESC-Bühne

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