DIE ENT­DE­CKUNG DER LANG­SAM­KEIT

Die Schoensten Landhaeuser - - INHALT 4/2018 - TEXT: CLAUDIA SCHMITT, HARRIET BJØRNSON LAMPE • FO­TOS: IN­GER MET­TE MELING KOSTVEIT/INA AGENCY

Im Som­mer­haus von Li­ne und Mar­tin steht die Zeit still.

Auf der nor­we­gi­schen In­sel San­dø steht die Zeit still – ein Sehn­suchts­ort nicht nur für Kin­der. Das Som­mer­haus von Li­ne und Mar­tin er­zählt Ge­schich­ten aus längst ver­gan­ge­nen Ta­gen – und auch vom Pio­nier­geist ih­res Ur­groß­va­ters.

Wenn der Som­mer vor der Tür steht, packt Li­ne Kind und Ke­gel ein und macht sich auf nach San­dø. „Gott sei Dank hat mein Ur­groß­va­ter da­mals schon an­ders ge­dacht“, strahlt Li­ne be­geis­tert. 1918 er­warb der be­sag­te Vor­fah­re ge­mein­sam mit Freun­den das nur ei­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter klei­ne Ei­land und die zwei Nach­bar­in­seln. Das Fe­ri­en­do­mi­zil liegt am süd­li­chen Zip­fel des Os­lof­jor­des in der In­sel­ge­mein­de Tjø­me. Das Stück­chen Er­de samt pit­to­res­kem Som­mer­haus ist nun schon in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on fest in Fa­mi­li­en­hand. Nur ei­ne kur­ze Boots­fahrt vom klei­nen Ha­fe­nört­chen Hvas­ser ent­fernt kann der Som­mer be­gin­nen. „Wer auch im­mer nach San­dø kommt, Stress und Sor­gen blei­ben auf dem Fest­land“, schwärmt Li­ne. Die vor knapp 100 Jah­ren sehr un­kon­ven­tio­nel­le In­ves­ti­ti­on des Ur­groß­va­ters be­schert ihr heu­te noch un­be­schwer­te St­un­den, die sie mit Fa­mi­lie und Freun­den ab­seits der Hek­tik des All­tags ver­brin­gen kann. „Das Le­ben auf San­dø ist lang­sam“, er­zählt die Na­tur­lieb­ha­be­rin. „Wir ver­su­chen, auf un­se­re in­ne­re Uhr zu hö­ren. Wir ste­hen auf, wenn wir auf­wa­chen, es­sen, wenn wir Hun­ger ha­ben und

schla­fen, wenn wir mü­de sind.“Noch heu­te ist der Rhyth­mus der al­ten Ta­ge auf der In­sel le­ben­dig. Das Haus, er­baut in den Jah­ren um 1900, wur­de vom Ur­groß­va­ter nur um ei­ni­ge Räu­me er­wei­tert. Li­ne und ihr Mann Mar­tin in­ves­tier­ten viel Mü­he, um das groß­zü­gi­ge Haupt­haus und den klei­ne­ren Sei­ten­flü­gel mit ins­ge­samt 180 Qua­drat­me­tern nach­hal­tig auf­zu­wer­ten und da­bei gleich­zei­tig den ur­sprüng­li­chen Charme des An­we­sens zu be­wah­ren. „Wir ha­ben die al­ten Dach­zie­geln bei Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten nach vor­ne ge­setzt, da­mit das au­then­ti­sche Ge­sicht des Hau­ses er­hal­ten bleibt“, er­klärt Li­ne stolz. Im In­ne­ren hat das Ehe­paar die Zim­mer le­dig­lich neu ar­ran­giert, oh­ne den Grund­riss zu ver­än­dern. Das Ba­de­zim­mer muss­te sei­nen Platz für ei­ne grö­ße­re Kü­che räu­men. Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on woll­te auf mo­der­nen Wohn­kom­fort nicht ver­zich­ten und gleich­zei­tig die lan­ge Tra­di­ti­on des Hau­ses zu­sätz­lich un­ter­strei­chen. Über­all er­in­nern vor al­lem lie­be­voll re­stau­rier­te Mö­bel­stü­cke an vie­le glück­li­che Som­mer­ta­ge. Ein an­ti­ker Korb plat­ziert vor fri­schem Weiß oder auch der auf­wen­dig ver­zier­te Holz­se­kre­tär pas­send in Sze­ne ge­setzt, ver­wei­sen auf den er­le­se­nen Ge­schmack der Haus­her­rin. „Mas­sen­wa­re ist bei uns strengs­tens ver­bo­ten“, lacht die In­te­ri­eur-En­thu­si­as­tin. Auch in

Li­nes Kü­che wird man kei­ne Fer­tig­pro­duk­te fin­den. Denn der Som­mer auf San­dø be­deu­tet für die Fa­mi­lie ein Le­ben im Ein­klang mit der Na­tur – und das in je­der Hin­sicht. Auf dem Fe­ri­en­spei­se­plan ste­hen ein­fa­che, som­mer­li­che Ge­rich­te mit Ge­mü­se und Kräu­tern aus dem Gar­ten, fri­schem Fisch und Bee­ren, die an je­der Ecke wild wach­sen. Gu­tes Es­sen, reich­lich fri­sche Luft, die Son­ne und das Meer sind ein zeit­lo­ser Ga­rant für er­hol­sa­me Ta­ge. Die Nacht­ru­he ver­bringt man auf San­dø eben­so stil­be­wusst. Denn das his­to­ri­sche Bett der Ur­groß­el­tern ziert heu­te im­mer noch das El­tern­schlaf­zim­mer. Mit ei­ner hüb­schen, flo­ra­len Ta­ges­de­cke in Pa­s­tell­tö­nen und wei­chen Kis­sen darf das 100 Jah­re al­te Schmuck­stück ganz un­ge­niert sei­nen zwei­ten Früh­ling er­le­ben. „Ich wer­de im­mer ganz ehr­fürch­tig bei dem Ge­dan­ken dar­an, dass hier schon drei Ge­ne­ra­tio­nen vor mir ge­schla­fen ha­ben“, ge­steht Li­ne ge­rührt. Im glei­sen­den Licht der trans­pa­ren­ten Vor­hän­ge könn­te man mei­nen, dass der al­te Haus­herr ge­ra­de erst den Raum ver­las­sen hat, um noch ei­nen Spa­zier­gang über sei­ne In­sel zu ma­chen. „Mein Ur­groß­va­ter war ein wei­ser Mann“, re­sü­miert Li­ne, „jetzt liegt es an uns, die Schön­heit die­ses Or­tes zu er­hal­ten und an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­zu­ge­ben.“

Ver­zie­rung Die Re­lief-Schnit­ze­rei des Se­kre­tärs ist Zeu­ge al­ter Holz­ver­ar­bei­tungs­kunst. Klopf auf Holz Die Echt­holz­ar­beits­plat­te der Land­haus­kü­che muss in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den ge­schlif­fen und neu ge­ölt wer­den. Stil­voll bis in die Wä­sche­kam­mer – ein...

Haus­ge­macht und frisch auf den Tisch: Die Ka­nels­nur­rer – Zimt­schne­cken – sind in Nor­we­gen ein äu­ßerst be­lieb­tes Ge­bäck. Na­tur­ver­bun­den Die al­ten Holz­pa­nee­le an der Wand tra­gen sicht­ba­re Wit­te­rungs­spu­ren. Ge­müt­lich­keit im Wohn­zim­mer schät­zen Töch­ter­chen...

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