Die Canon EOS R ist ab so­fort ver­füg­bar. Wir ha­ben die spie­gel­lo­se Voll­for­mat­ka­me­ra im La­bor und in der Pra­xis ge­tes­tet.

LA­BOR- UND PRAXISTEST | Nun ist sie im Han­del. Die neue EOS R. Ca­nons spie­gel­lo­se Voll­for­ma­tAl­ter­na­ti­ve und Hoffnungsträgerin in ei­nem. Die Er­war­tungs­hal­tung – bei Fo­to­gra­fen und Her­stel­ler – ist im­mens. Ob die neue Voll­for­mat-eos dem Druck stand­hal­ten k

DigitalPHOTO (Germany) - - EDITORIAL - BEN­JA­MIN LO­RENZ Stv. Chef­re­dak­teur Di­gi­talp­ho­to

In un­se­rem Be­richt zur EOS R in der Di­gi­talP­HO­TO 11/2018 ha­ben wir Ih­nen die spie­gel­lo­se Sys­tem­ka­me­ra mit gro­ßem Voll­for­mat­sen­sor vor­ge­stellt – nun folgt der Test in un­se­rem un­ab­hän­gi­gen La­bor und in der Pra­xis. Dar­über hin­aus ha­ben wir das Feed­back von drei Ca­nonAm­bas­sa­dors ein­ge­sam­melt, die be­reits vor der of­fi­zi­el­len Welt­pre­mie­re, die An­fang Sep­tem­ber in Lon­don statt­fand, die neue EOS R bei ih­ren Shoo­tings aus­pro­bie­ren durf­ten. Denn ei­nes ist si­cher: Die Er­war­tungs­hal­tung an Ca­nons Hoffnungsträgerin ist enorm. Nach ei­nem hal­ben Jahr­zehnt des War­tens er­hof­fen sich Eos-fo­to­gra­fen – ge­fühlt – nicht we­ni­ger als ei­ne spie­gel­lo­se Re­vo­lu­ti­on. Und ei­ne kla­re An­sa­ge an So­ny, die mit ih­rer Al­pha-7-rei­he die letz­ten fünf Jah­re do­mi­nier­ten – und zahl­rei­che ehe­ma­li­ge Ca­nonNut­zer zum Wech­sel ani­mier­ten. Nun gilt es aus Her­stel­ler­sicht, die­sen Trend zu stop­pen und im bes­ten Fall so­gar um­zu­keh­ren. Dem­ent­spre­chend groß ist die Au­ßen­kom­mu­ni­ka­ti­on, die Canon hin­sicht­lich ih­rer neu­en Ka­me­ra be­treibt. Auch auf un­se­ren ers­ten Be­richt er­hiel­ten wir Zu­schrif­ten. Sei es per E-mail oder Di­rekt­nach­richt via Face­book oder Ins­ta­gram. Die Fra­gen äh­nel­ten sich da­bei: Lohnt sich der Kauf der EOS R? Wo ist sie bes­ser als ei­ne So­ny der 7erRei­he, wo über­trumpft sie die neu­en Ni­kon Z 7 und Z 6? Die­se wer­den sich auch be­stimmt die vie­len In­ter­es­sier­ten am Canon-stand auf der photokina ge­stellt ha­ben, die bis zu 30 Mi­nu­ten War­te­zeit in Kauf nah­men, um die EOS R für ei­nen kur­zen Mo­ment in den Hän­den hal­ten zu dür­fen. Glei­ches galt üb­ri­gens auch für die Z-ka­me­ras von Ni­kon und die neu­en Voll­for­mat-mo­del­le S1R und S1 von Pa­na­so­nic. Das In­ter­es­se am spie­gel­lo­sen Voll­for­mat ist rie­sig und scheint sich zum neu­en Trend ei­ner gan­zen Bran­che zu ent­wi­ckeln.

Wir wa­ren vor der Pre­mie­re der EOS R mehr als ge­spannt – und wur­den letzt­lich doch ein we­nig ent­täuscht. Zu groß wa­ren und sind die Un­ter­schie­de ge­gen­über den kurz zu­vor vor­ge­stell­ten Ni­kon Z 7 und Z 6. Al­len vor­an ist hier der feh­len­de in­te­grier­te Bild­s­ta­bi­li­sa­tor der EOS R zu nen­nen. Wäh­rend al­le an­de­ren Her­stel­ler im spie­gel­lo­sen Voll­for­mat­seg­ment die­sen an­bie­ten, ver­zich­tet Canon auf ihn und ver­weist statt­des­sen auf ih­re bild­s­ta­bi­li­sier­ten

Ob­jek­ti­ve (IS) mit RF- und Ef-an­schluss. Aus Her­stel­ler­sicht nach­voll­zieh­bar, aus Kun­den­sicht aber eher un­ver­ständ­lich. Die Tech­no­lo­gie wä­re ver­füg­bar und bringt nur Vor­tei­le mit sich. Mehr Fle­xi­bi­li­tät beim frei­hän­di­gen Fo­to­gra­fie­ren in der Däm­me­rung oder bei schlech­tem Licht und da­mit schär­fe­re Auf­nah­men. Auch ein dop­pel­tes Kar­ten­fach wä­re schön ge­we­sen. Ein Wunsch, den bei­spiels­wei­se Pa­na­so­nic bei sei­nen kom­men­den Mo­del­len be­rück­sich­tigt ha­ben wird und auch So­ny zum Teil in sei­nen Ka­me­ras an­bie­tet.

Au­to­fo­kus bis -6 LW

Bli­cken wir auf den vor­züg­li­chen Au­to­fo­kus (Du­al Pi­xel CMOS) mit sei­nen 5655 frei wähl­ba­ren Fo­kus­po­si­tio­nen und sei­nem Ar­beits­be­reich bis mi­nus sechs Licht­wer­ten (Welt­re­kord), schmerzt es noch ein­mal mehr, dass Canon die Chan­ce ver­tan hat, gleich­zei­tig ei­nen leis­tungs­star­ken Bild­s­ta­bi­li­sa­tor zu ver­bau­en, um so ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Kauf­an­reiz in die­sem Seg­ment zu schaf­fen. In Ver­bin­dung mit der her­vor­ra­gen­den Licht­emp­find­lich­keit des Au­to­fo­kus­mo­duls und sei­ner enor­men Fle­xi­bi­li­tät wä­re die Kom­bi­na­ti­on ein­ma­lig ge­we­sen.

So bleibt un­ter dem Strich die Viel­sei­tig­keit beim Fo­to­gra­fie­ren als gro­ße Stär­ke. Denn über das dreh- und schwenk­ba­re Touch-dis­play (2,1 Mil­lio­nen Bild­punk­te, 3,2 Zoll) lässt sich prak­tisch je­der Punkt auf dem Mo­tiv mit ei­nem sim­plen Fin­ger­tipp se­lek­tie­ren. Hilf­reich ist es üb­ri­gens in die­sem Zu­sam­men­hang, wenn Sie über das Me­nü den sen­si­blen Touch-au­to­fo­kus­be­reich des Dis­plays fest­le­gen. Sie kön­nen ihn rechts, links, oben oder un­ten plat­zie­ren. Al­so dort­hin, wo Ih­nen die Be­die­nung am leich­tes­ten fällt. In un­se­rem Fall ha­ben wir ihn auf das un­te­re Dis­play­drit­tel plat­ziert, was sich als deut­lich an­ge­neh­mer her­aus­stell­te als die Po­si­tio­nie­rung im rech­ten Dis­play­be­reich. Hier kol­li­dier­ten wir beim Fo­kus­sie­ren mit dem Dau­men im­mer mit der Na­se. Noch bes­ser wä­re in­des ein klas­si­scher Fo­kus-joy­stick ge­we­sen, der den Fo­to­all­tag noch stär­ker er­leich­tern wür­de.

Die In­di­vi­dua­li­sier­bar­keit der EOS R ist be­mer­kens­wert. Über das ge­wohnt gut auf­ge­bau­te Canon-me­nü lässt sich so gut wie je­der Knopf und Reg­ler per­so­na­li­sie­ren. Nut­zen Sie ei­nes der neu­en Rf-ob­jek­ti­ve, er­hal­ten Sie

dar­über hin­aus ei­nen Con­trol-ring, der sich glei­cher­ma­ßen mit ei­ner Funk­ti­on be­le­gen lässt. Et­wa der Blen­den­wahl. Eben­falls an­pass­bar ist die neue Touch-bar, die sich di­rekt rechts ne­ben dem elek­tro­ni­schen Su­cher (her­vor­ra­gend!) be­fin­det. Dies ist ein be­rüh­rungs­emp­find­li­ches Be­dien­ele­ment, das sich für ei­ne Rei­he von Mög­lich­kei­ten kon­fi­gu­rie­ren lässt – von der Af-steue­rung bis zur Ein­stel­lung der ISO-EMP­find­lich­keit oder des Weiß­ab­gleichs. Es äh­nelt dem be­kann­ten Eos-wahl­rad, bie­tet aber den zu­sätz­li­chen Vor­teil ei­ner ge­räusch­lo­sen Be­die­nung und ei­ner ver­bes­ser­ten Wit­te­rungs­be­stän­dig­keit. So lässt sich die EOS R zu ei­nem sehr per­sön­li­chen Werk­zeug ma­chen.

Stich­wort Rf-ob­jek­ti­ve: Hier stand uns das 24-105mm für den La­b­or­test zur Ver­fü­gung. Ein klas­si­sches Zoom mit Licht­stär­ke f/4. Tes­t­ur­teil: sehr gut. Über ei­nen von vier Ad­ap­tern las­sen sich aber auch al­le EF- und Ef-s-ob­jek­ti­ve oh­ne Ein­schrän­kun­gen an der EOS R nut­zen.

Ge­räusch­los und wet­ter­fest

Zu den wei­te­ren Stär­ken der EOS R ge­hört ihr voll­kom­men laut­lo­ser Auf­nah­me­mo­dus. Die­sen bo­ten bei Canon bis­her nur Eos-m-ka­me­ras mit klei­ne­rem APS-C-CHIP an. Nun kommt das Fea­tu­re in ein spie­gel­lo­ses Pro­fi­mo­dell.

Die Vor­tei­le lie­gen auf der Hand: Oh­ne ir­gend­ein Ge­räusch zu fo­to­gra­fie­ren, prä­des­ti­niert die Ka­me­ra für dis­kre­te Auf­nah­me­mo­men­te. Die­se rei­chen von Hoch­zeits­fo­tos in der Kir­che über Bil­der in Mu­se­en bis hin zu Si­tua­tio­nen, in de­nen die Prot­ago­nis­ten in ih­rer Kon­zen­tra­ti­on nicht ge­stört wer­den dür­fen. Et­wa Akro­ba­ten im Zir­kus. Ge­paart mit dem wet­ter­ge­schütz­ten Ge­häu­se aus Ma­g­ne­si­um­le­gie­rung bie­tet sich die EOS R da­mit für zahl­rei­che Ge­le­gen­hei­ten an, da der Staub- und Spritz­was­ser­schutz die fi­li­gra­ne Tech­nik vor mög­li­chen Schä­den be­wahrt. Da­mit wird sie in Sa­chen Fle­xi­bi­li­tät Canon-in­tern zur Eos-5d-mark-iv-al­ter­na­ti­ve.

EOS R vs. Ni­kon Z 7 vs. So­ny 7R III

Bei al­len zu­vor ge­nann­ten Vor- und Nach­tei­len kommt es na­tür­lich im­mer auf den je­wei­li­gen Ein­satz­weck der Ka­me­ra an. Die EOS R ist ei­ne All­roun­de­rin, wie et­wa die 5D Mark IV, die sich für vie­le Ge­le­gen­hei­ten eig­net – dank Vi­de­os in 4K-auf­lö­sung und zehn Bit auch im Be­reich pro­fes­sio­nel­ler Vi­deo­auf­nah­men. Die neue Kom­pakt­heit und das leich­te Ge­wicht von 575 Gramm ma­chen sie zu­dem an­ge­nehm in der Hand­ha­bung und beim Trans­port. Letzt­lich zählt aber die Bild­qua­li­tät – auch im di­rek­ten Ver­gleich zur Ni­kon Z 7 und zur So­ny Al­pha 7R III. Und ma­chen wir es kurz: Ge­gen­über bei­den Mo­del­len hat die EOS R das Nach­se­hen. Ihr 30,3-Me­ga­pi­xel-cmos-sen­sor er­reicht in un­se­rem Testlabor ei­ne Bild­qua­li­tät von 91,40 Pro­zent. Ein her­vor­ra­gen­der Wert. Doch im Ver­gleich da­zu kommt die Z 7 auf 95 und die Al­pha 7R III so­gar auf 95,90 Pro­zent. Die Al­pha 7 III lie­fert 93,30 %. Ver­glei­chen wir die EOS R mit der 5D Mark IV, die ein ähn­li­ches Leis­tungs­ni­veau im haus­ei­ge­nen Canon-li­ne-up bie­tet, heißt es: Punkt für die EOS R. Die Canon 5D Mark IV kommt bei ih­rem Test näm­lich nur auf 88,90 Pro­zent. Die spie­gel­lo­se Tech­nik hat hier die Na­se vorn. Im ge­sam­ten Ran­king liegt die EOS R da­mit in Sa­chen Bild­qua­li­tät im ge­ho­be­nen Mit­tel­feld.

Im Se­ri­en­bild­test bringt es die spie­gel­lo­se Voll­for­mat­ka­me­ra auf 7,5 Bil­der pro Se­kun­de (mit Fo­kus­nach­füh­rung 5), die Z 7 auf 8,6, die Al­pha 7R III auf zehn und die 5D Mark IV auf sie­ben. Top ist das Au­to­fo­kus­tem­po. Hier be­nö­tigt die EOS R nur ei­nen Wim­pern­schlag, um un­ser Tes­tChart in der Au­to­fo­kus­box scharf zu stel­len.

Canon lässt Luft nach oben

Un­ter dem Strich wirkt es, als hät­te sich Canon mit der EOS R noch be­wusst Raum nach oben of­fen ge­las­sen. Das schei­nen auch ers­te Ge­rüch­te zu be­stä­ti­gen, die ei­ne zwei­te spie­gel­lo­se Voll­for­mat­ka­me­ra von Canon schon zur nächs­ten Photokina im Mai er­war­ten. Ob die­se Stra­te­gie auf­geht, wird sich zei­gen. An­ders ging es Ni­kon mit sei­ner Z 7 an. Dort wur­de auf An­hieb ein Top-mo­dell auf den Markt ge­bracht – wenn auch zu ei­nem deut­lich hö­he­ren Preis.

Die EOS R bie­tet ei­nen kom­plett laut­lo­sen Modus. Ide­al ge­eig­net für dis­kre­te Auf­nah­me­mo­men­te. Ak­tu­ell sind zwei Ob­jek­ti­ve für den Rf-an­schluss ver­füg­bar: das Rf50mm und das Rf24-105mm. Zwei wei­te­re fol­gen im De­zem­ber.

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