Au­ßer­or­dent­lich

Die­se Bür­ger­ver­samm­lung geht in die Ge­schich­te ein. Der Was­ser­streit spal­tet Bis­sin­gen. Seit Jah­ren. Die ei­nen wün­schen sich ei­nen Neu­an­fang, die an­de­ren wol­len recht be­kom­men. Bleibt die Fra­ge: Und jetzt?

Donau Zeitung - - Bissingen - VON SI­MO­NE BRONNHUBER

Bis­sin­gen Und am En­de die­ses Abends bleibt ei­ne Fra­ge un­be­ant­wor­tet: Ist der Bis­sin­ger Was­ser­streit be­en­det? Die ei­nen hof­fen es, die an­de­ren wol­len nicht lo­cker las­sen. Da­bei hat am Don­ners­tag die­ses jah­re­lan­ge und mitt­ler­wei­le emo­tio­na­le The­ma im Kes­sel­tal sei­nen bis­he­ri­gen Hö­he­punkt er­reicht. Erst­mals muss­te die Ge­mein­de ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Bür­ger­ver­samm­lung ab­hal­ten. Mehr als 400 Men­schen aus al­len Orts­tei­len sind da­zu in die Bis­sin­ger Sport­hal­le ge­strömt. Ar­chi­tek­ten, Pla­ner und Rechts­an­wäl­te sit­zen ne­ben Zwei­tem und Drit­tem Bür­ger­meis­ter, Ge­schäfts­stel­len­lei­ter und Käm­me­rer auf ei­ner Büh­ne. Ei­ne Lein­wand ist auf­ge­baut, un­zäh­li­ge Fo­li­en mit noch viel mehr Zah­len, Da­ten, Fak­ten und Aus­füh­run­gen wer­den in knapp vier St­un­den durch­ge­klickt. Es gibt Ab­stim­mun­gen, Emp­feh­lun­gen und Wort­mel­dun­gen. Im­mer wie­der muss Ste­phan Her­rei­ner als of­fi­zi­el­ler Ver­tre­ter der Ge­mein­de und Ver­samm­lungs­lei­ter ein­grei­fen und zur Ru­he auf­for­dern. Er warnt auch da­vor, von sei­nem Haus­recht Ge­brauch zu ma­chen. Mal la­chen die hun­der­te Bür­ger laut auf, mal ap­plau­die­ren sie, mal gibt es Zwi­schen­ru­fe. Und es fal­len Be­lei­di­gun­gen und ver­ach­ten­de Aus­sa­gen. Je­des Wort – egal von wem – lan­det auf der Gold­waa­ge. An die­sem Abend so­wie­so und seit vie­len Jah­ren. Zu­min­dest im­mer dann, wenn das The­ma Was­ser in Bis­sin­gen zur Spra­che kommt. Die Si­tua­ti­on hat sich so zu­ge­spitzt, dass die Markt­ge­mein­de zwei Straf­an­zei­gen ge­stellt hat – ei­ne ge­gen Un­be­kannt, ei­ne ge­gen Ge­mein­de­rat Se­bas­ti­an Kon­rad. Er ha­be den Vor­wurf der Bi­lanz­fäl­schung ge­tä­tigt. Das Ver­fah­ren läuft, wie Her­rei­ner sagt.

All die­se De­tails und noch viel mehr wer­den bei der au­ßer­or­dent­li­chen Bür­ger­ver­samm­lung of­fen ge­legt. Die Ta­ges­ord­nung um­fasst 20 Punk­te – und die hat Se­bas­ti­an Kon­rad fest­ge­legt, der nicht nur Mit­glied im Ge­mein­de­rat ist, son­dern be­kann­ter­ma­ßen ei­ner der­je­ni­gen, der seit Amts­an­tritt 2014 in Sa­chen Was­ser­streit nicht lo­cker lässt. Im Ge­gen­teil. Er will be­wei­sen, dass die Ge­mein­de Feh­ler ge­macht ha­be – oder die­se zu­min­dest ab­ge­seg­net ha­be. Dass über Jah­re Ver­lus­te bei der Was­ser­ver­sor­gung auf­ge­lau­fen sei­en, die der Bür­ger nun be­zah­len müs­se. Und die un­ter­schied­li­che Abrech­nung zwi­schen Klein- und Groß­ab­neh­mern sei von je­her ein Knack­punkt, eben­so die ge­tä­tig­ten und ge­plan­ten Aus­ga­ben für Hoch­be­häl­ter und Brun­nen. Kon­rad spricht bei der Bür­ger­ver­samm­lung, die ab­ge­hal­ten wer­den muss, weil er die­se for­der­te und ent­spre­chen­de Un­ter­schrif­ten da­für sam­mel­te, von „Fan­ta­sie­zah­len“, „krea­ti­ver Buch­füh­rung“und sagt: „Ich ha­be im April 2014 den ver­ab­schie­de­ten Haus­halt durch­ge­blät­tert und auf Sei­te 43 hat das Was­ser schon raus­ge­stun­ken. Ich ha­be da­mals schon ei­ne Of­fen­le­gung ein­ge­for­dert.“

Al­le sei­ne For­de­run­gen, Er­klä­run­gen, Zah­len- und Re­chen­bei­spie­le, aber auch per­sön­li­che Aus­füh­run­gen und An­mer­kun­gen ver­teilt der Ge­mein­de­rat noch vor Be­ginn der Ver­samm­lung an die Bür­ger. In brau­ne Brief­um­schlä­ge sind neun von ihm ver­fass­te DINA4-Sei­ten ein­ge­steckt. Es steht da bei­spiels­wei­se: „Lie­ge ich denn da­ne­ben, wenn ich mei­ne, dass kein den­ken­der Mensch glau­ben wird, dass er von die­sen be­zahl­ten ‚Fach­leu­ten‘ die un­ge­schmink­te Wahr­heit zu hö­ren be­kommt? De­ren Re­de­kunst darf man nicht un­ter­schät­zen.“Kon­rad stört un­ter an­de­rem, zu ei­ner Bür­ger­ver­samm­lung Ex­per­ten ge­la­den wur­den.

Zwei­ter Bür­ger­meis­ter Ste­phan Her­rei­ner ver­sucht, ru­hig und sach­lich zu blei­ben. Er und sei­ne Ver­wal­tung sind auf die­sen Abend vor­be­rei­tet. Er zi­tiert Ge­set­ze und Pa­ra­gra­fen, fi­xiert die Ta­ges­ord­nungs­punk­te, ver­si­chert sich bei den Ex­per­ten, liest aus vor­ge­fer­tig­ten Stel­lung­nah­men vor. Dem Zu­fall wol­le man nichts über­las­sen, er sagt aber auch, dass er kein Ver­ständ­nis da­für ha­be, dass so ei­ne Bür­ger­ver­samm­lung ab­ge­hal­ten wer­den muss­te. Er spricht von ei­ner Not­si­tua­ti­on nach der Er­kran­kung von Bür­ger­meis­ter Micha­el Holzin­ger, dass die Gren­zen der Ka­pa­zi­tä­ten bei ihm und in der Ver­wal­tung er­reicht sei­en. „Aber ich se­he die gro­ße Chan­ce, heu­te das lei­di­ge The­ma ver­ständ­lich zu ma­chen“, sagt er, räumt aber ein, dass das aus sei­ner Sicht kaum mög­lich sei. Es müs­se auf ei­ne sach­li­che Ebe­ne kom­men und dür­fe nicht mehr po­li­tisch dis­ku­tiert wer­den. Her­rei­ner räumt ein: „Es sind Ver­lus­te da, das ist so. Die müs­sen wir wie­der rein­ho­len und das ma­chen wir.“Es wird von Feh­lern ge­spro­chen, die pas­siert sind, aber von de­nen man nichts wuss­te. Im­mer wie­der wird ein bis­he­ri­ger Steu­er­be­ra­ter als Schul­di­ger ge­nannt, un­zäh­li­ge Zah­len in Dia­gram­men dar­ge­stellt. Stand jetzt ist, dass Ge­büh­ren nun nach­kal­ku­liert wer­den, so Her­rei­ner. „Wir brau­chen ei­nen Neu­start. Wir müs­sen nach vor­ne schau­en und zu­sam­men­hal­ten. Es darf kei­ne Qu­er­schüs­se mehr ge­ben.“Es gel­te auch, Um­gangs­for­men wie­der zu wah­ren und mit Vor­wür­fen auf­zu­hö­ren. Er bit­tet um Ak­zep­tanz von de­mo­kra­ti­schen Ent­schei­dun­gen. Her­rei­ner stellt aber auch die Fra­ge in den Raum, ob man­ches Ver­hal­ten ei­nes „Ge­mein­de­ra­tes wür­dig“sei.

Es ist ein Schlag­ab­tausch. Nicht nur zwi­schen Her­rei­ner und Kon­rad. Un­ter al­len. Da gibt es die Ver­tre­ter der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft, die ein Bür­ger­be­geh­ren an­ge­scho­ben und durch­ge­setzt ha­ben. Es fal­len Sät­ze wie „Ihr habt je­de Moral ver­ges­sen“, „Schal­tet doch den ge­sun­den Men­schen­ver­stand ein“oder „So könn­te ein Un­ter­neh­mer in der frei­en Wirt­schaft dicht ma­chen“. Es gibt auch an­de­re Stim­men. Die, die sich nach ei­nem En­de seh­nen. Ei­ne Frau mel­det sich und sagt: „Ich woh­ne noch nicht lan­ge in Bis­sin­gen. Ich fin­de es hier ei­gent­lich ganz schön. Aber kön­nen wir das jetzt bit­te las­sen?“Ehe­ma­li­ge Ge­mein­de­rä­te mel­den sich zu Wort, ver­tei­di­gen ih­re Ent­schei­dun­gen von vor vie­len Jah­ren. „Ich will keid­ass ne ne­ga­ti­ve Stim­mung mehr bei uns“und „Ich wün­sche mir ei­nen Neu­an­fang, wir müs­sen nach vor­ne schau­en“sind eben­falls Aus­sa­gen von Bis­sin­ger Bür­gern.

Und es wird von ei­nem Groß­ab­neh­mer ge­spro­chen. Der, der so viel Was­ser braucht und mit ein Grund für all die Mi­se­re sei. Aus Da­ten­schutz­grün­den nennt kei­ner auf dem Po­di­um sei­nen Na­men. Bis Hein­rich Grop­per, Chef der Bis­sin­ger Mol­ke­rei und der viel zi­tier­te Groß­ab­neh­mer, auf­steht und das Mi­kro nimmt. Er sagt, dass die Ge­mein­de Bis­sin­gen zer­ris­sen sei, es müh­se­lig sei, al­les auf­zu­rol­len und neu zu dis­ku­tie­ren. Er spricht von Leu­ten, die mit „Halb­wis­sen auf po­pu­lis­ti­sche Art und Wei­se The­men tot­dis­ku­tie­ren“und „un­at­trak­ti­ven Wahr­hei­ten, die man nicht wis­sen will“. „Hät­ten wir bei uns kei­nen Brun­nen ge­baut, könn­ten wir zu­sper­ren. Punkt“, so Grop­per. All das und un­zäh­li­ge wei­te­re De­tails wür­den sich der Kennt­nis der meis­ten ent­zie­hen, und: „Ich ge­he so­gar so weit und for­de­re fast ein we­nig zum Selbst­schä­men auf.“Kurz dar­auf be­en­det Her­rei­ner den Abend. Er bit­tet, dass die Bis­sin­ger am 13. Ok­to­ber zur Wahl ge­hen. Dann wird ein neu­er Bür­ger­meis­ter ge­wählt. Auf den Stimm­zet­teln steht nur sein Na­me. Her­rei­ner: „Egal, wer es wird, ei­nes ist si­cher: Es gibt viel zu tun. Sehr viel.“

Ei­ne Not­si­tua­ti­on im Rat­haus

Fo­to: Si­mo­ne Bronnhuber

Sie sa­ßen am Don­ners­tag in Bis­sin­gen auf dem Po­di­um: (von links) Di­plom-In­ge­nieur Ste­fan Mu­sch­ler, Ar­chi­tekt In­go Blat­ter, Di­plom-Kauf­mann Flo­ri­an Mo­ritz, Rechts­an­walt Pe­ter Lindt, Zwei­ter Bür­ger­meis­ter Ste­phan Her­rei­ner, Ge­schäfts­stel­len­lei­ter Ar­ne Spahr und Drit­ter Bür­ger­meis­ter An­ton Schmid.

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