Was bringt die Kla­ge ge­gen VW?

Mit ei­ner Mus­ter­kla­ge ver­su­chen fast ei­ne hal­be Mil­li­on Die­sel­fah­rer, ih­re Chan­cen auf Ent­schä­di­gung zu er­hö­hen. Nun hat das Ge­richts­ver­fah­ren be­gon­nen

Donau Zeitung - - Geld & Leben -

Braun­schweig „Ich ru­fe auf: die Sa­che 4 MK 1/18.“Es klingt zu­erst wie ganz ge­wöhn­li­cher Ge­richts­stoff, was Rich­ter Micha­el Neef da in Braun­schweig in tro­cke­nem Ton­fall vor­trägt. Doch die­ses Ak­ten­zei­chen hat es in sich: Der Rich­ter soll ei­ne Grund­satz­ent­schei­dung tref­fen, bei der es um Mil­li­ar­den Eu­ro für die Ver­brau­cher ge­hen könn­te – und um Wie­der­gut­ma­chung in ei­nem der größ­ten In­dus­trieskan­da­le der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Ein Über­blick.

Wo­rum geht es in Braun­schweig?

Gut vier Jah­re nach dem Auf­flie­gen des Die­sel-Skan­dals be­gann am Mon­tag ein Mam­mut­pro­zess zwi­schen kla­gen­den Kun­den und dem Volks­wa­gen-Kon­zern. Da­bei wird das neue In­stru­ment der Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge an­ge­wandt, in die­sem Fall zie­hen Ver­brau­cher­schüt­zer stell­ver­tre­tend für ein­zel­ne Be­trof­fe­ne vor Ge­richt. Der Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len (vz­bv) setzt sich für die Die­sel­fah­rer ein – er tritt am Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig als Muster­klä­ger auf. Die ers­te münd­li­che Ver­hand­lung ver­leg­ten die Rich­ter we­gen des gro­ßen An­drangs in die Braun­schwei­ger Stadt­hal­le. Et­wa 470000 Die­sel­kun­den ha­ben sich der Mus­ter­kla­ge an­ge­schlos­sen.

Wie funk­tio­niert ei­ne Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge?

Um Ver­brau­chern oh­ne Recht­schutz­ver­si­che­rung die Mög­lich­keit zu ge­ben, ih­ren Rechts­an­spruch kos­ten­frei zu prü­fen, hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Jus­tiz im Jahr 2018 das In­stru­ment der Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge ge­schaf­fen. Die geht so: Ein Ver­brau­cher­ver­band zieht stell­ver­tre­tend für vie­le Bür­ger vor Ge­richt, die sich von ei­nem Un­ter­neh­men in ei­ner be­stimm­ten Sa­che ge­schä­digt füh­len. Wer sich ei­ner sol­chen Ei­ner-für-al­le-Kla­ge an­schlie­ßen will, trägt sich in ein Kla­ge­re­gis­ter ein. Das wird beim Bun­des­amt für Jus­tiz ge­führt. Ein Ge­richt klärt an­schlie­ßend in ei­nem Pro­zess, ob die An­sprü­che der Ver­brau­cher be­grün­det sind. Am En­de steht ent­we­der ein Ur­teil oder ein Ver­gleich. Soll­te am En­de ent­schie­den wer­den, dass Be­trof­fe­ne ein Recht auf Ent­schä­di­gung ha­ben, müs­sen sämt­li­che Klä­ger ih­ren in­di­vi­du­el­len An­spruch an­schlie­ßend zwar noch ein­mal ein­zeln ge­richt­lich durch­set­zen. Das dürf­te dann aber er­heb­lich ein­fa­cher mög­lich sein.

Wel­che Vor­tei­le bringt die Mus­ter­kla­ge Ver­brau­chern?

Bis­her war es schwie­rig, bei Mas­se­schä­den An­sprü­che ge­gen Un­ter­neh­men zu er­strei­ten, weil die Ge­rich­te selbst bei vie­len Be­trof­fe­nen über je­den Fall ein­zeln zu ent­schei­den und den Scha­den in­di­vi­du­ell zu be­rech­nen ha­ben, sa­gen Ex­per­ten. Die­ses Pro­blem be­hebt die neue Re­ge­lung teil­wei­se: Ein Ge­richt ent­schei­det über die Streit­punk­te, die für al­le re­le­vant sind, an­de­re Ge­rich­te sind dar­an ge­bun­den. Da­mit, so die Er­war­tung, kom­men Ver­brau­cher schnel­ler an Scha­den­er­satz oder ans En­de von Ver­trags­strei­te­rei­en. Noch ein Vor­teil: Die Teil­nah­me an ei­ner Mus­ter­kla­ge kos­tet Ver­brau­cher kein Geld. Die Ver­brau­cher­ver­bän­de zah­len zu­nächst die Kos­ten der Kla­ge, auch bei ver­lo­re­nen Pro­zes­sen. Mit­ma­chen­de Ver­brau­cher müss­ten dem kla­gen­den Ver­band auch nicht an­ge­hö­ren, ein An­walt ist nicht not­wen­dig.

Was ist der An­lass für das Ver­fah­ren?

Im Sep­tem­ber 2015 hat­te VW nach Prü­fun­gen von Be­hör­den in den USA Ma­ni­pu­la­tio­nen an den Ab­gas­wer­ten von Die­sel­au­tos zu­ge­ge­ben. Die Soft­ware be­stimm­ter Mo­to­ren war so ein­ge­stellt, dass im tat­säch­li­chen Be­trieb auf der Stra­ße deut­lich mehr gif­ti­ge Stick­oxi­de aus­ge­sto­ßen wur­den als in Tests. In Deutsch­land hat­te VW in den Jah­ren 2008 bis 2015 in min­des­tens 2,4 Mil­lio­nen Die­sel­fahr­zeu­gen sol­che Ab­schalt­ein­rich­tun­gen ein­ge­baut. Vie­le Kun­den füh­len sich ge­prellt.

Wel­che Fah­rer könn­ten von der Kla­ge in Braun­schweig pro­fi­tie­ren?

Bei dem Ver­fah­ren in Braun­schweig geht es erst ein­mal nur dar­um, ob Volks­wa­gen un­recht­mä­ßig ge­han­delt hat. An­de­re Her­stel­ler sind al­so noch au­ßen vor. Die Mus­ter­kla­ge um­fasst die Mar­ken VW, Au­di, Seat und Sko­da – und nur Au­tos mit Die­sel­mo­to­ren des Typs EA 189, die nach dem 1. No­vem­ber 2008 ge­kauft wur­den und vom Rück­ruf be­trof­fen wa­ren.

Was ist das Er­geb­nis des ers­ten Ver­hand­lungs­tags?

Die Die­sel­kun­den müs­sen sich bis zu ei­ner kla­ren Ein­schät­zung ih­rer Chan­cen auf Scha­den­er­satz vor­erst ge­dul­den. Das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig gab am ers­ten Ver­hand­lungs­tag noch kei­ne ein­heit­li­che Rich­tung vor. Man müs­se zu­nächst vor­he­ri­ge Ur­tei­le an­de­rer Ge­rich­te „sorg­fäl­tig prü­fen“, er­klär­te Rich­ter Neef nach der Er­öf­fI­dee nung des Ver­fah­rens. Er ließ die Mus­ter­kla­ge aber grund­sätz­lich zu.

Zeich­net sich be­reits ab, ob das Ver­fah­ren für die Klä­ger er­folg­reich sein könn­te?

Die Ver­brau­cher­zen­tra­len hof­fen auf ei­nen Er­folg: „Das Ge­richt hat die Ver­hand­lung bis­her sehr gut ge­führt und aus un­se­rer Sicht An­deu­tun­gen ge­macht, dass es zu ei­ner Ver­ur­tei­lung kom­men kann“, sag­te An­walt Ralf Stoll. Volks­wa­gen da­ge­gen be­strei­tet, dass über­haupt ein Scha­den ent­stan­den ist: „Noch heu­te wer­den die Fahr­zeu­ge täg­lich von hun­dert­tau­sen­den Kun­den ge­fah­ren, wes­halb es aus un­se­rer Sicht kei­nen Scha­den gibt und da­mit auch kei­nen Grund zu ei­ner Kla­ge.“

Gibt es denn ei­ne Chan­ce, über den Weg den kom­plet­ten Kauf­preis zu­rück­zu­er­hal­ten?

Hier soll­te die Eu­pho­rie nicht zu groß sein: Kla­gen­de Kun­den müss­ten sich dar­auf ein­stel­len, im Er­folgs­fall ei­ne Ent­schä­di­gung mit der Nut­zung des Au­tos zu ver­rech­nen: „Uns will es nicht ein­leuch­ten, dass die Fahr­zeu­ge über Jah­re kos­ten­los ge­nutzt wer­den durf­ten“, sag­te Rich­ter Neef.

Ist die Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge der ein­zi­ge Weg, als be­trof­fe­ner Die­sel­fah­rer zu Scha­den­er­satz zu kom­men?

Nein. Je­der Be­trof­fe­ne kann auch auf ei­ge­ne Faust kla­gen. Das ist auch pas­siert und be­schäf­tigt vie­le Ge­rich­te. Im Rah­men tau­sen­der Ein­zel­kla­gen ver­lan­gen VW-Fah­rer Scha­den­er­satz. Vie­le Ein­zel­ur­tei­le gin­gen bis­her aber zu­guns­ten von VW aus.

Fo­to: Hauke-Chris­ti­an Dittrich, dpa

Gut vier Jah­re nach dem Auf­flie­gen des Die­sel-Skan­dals be­ginnt der Pro­zess zwi­schen kla­gen­den Kun­den und dem Volks­wa­gen-Kon­zern. In der Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge ma­chen sich 470 000 Au­to­fah­rer Hoff­nung.

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