„Die Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz ist ge­sun­ken“

Im Stra­ßen­ver­kehr geht es oft ziem­lich ag­gres­siv zu. Da­mit be­schäf­tigt sich heu­te auch die Baye­ri­sche Ver­kehrs­si­cher­heits­kon­fe­renz. ADAC-Ex­per­te Ul­rich Chiel­li­no über Ra­ser und Aus­ras­ter

Donau Zeitung - - Bayern - In­ter­view: Jo­sef Karg

Herr Chiel­li­no, war­um fällt ge­gen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me im Ver­kehr so schwer?

Ul­rich Chiel­li­no: Da­für gibt es meh­re­re Grün­de. Zum ei­nen muss man se­hen, dass die Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz ins­ge­samt ge­sun­ken ist. Das liegt dar­an, dass die Stres­so­ren zu­ge­nom­men ha­ben. Al­so, es gibt mehr Staus, die Nah­ver­kehrs­mit­tel kom­men im­mer häu­fi­ger ver­spä­tet, auch die Dich­te des Ver­kehrs hat zu­ge­nom­men. Da­zu ist mit den E-Scoo­tern noch ei­ne neue Fahr­zeug­klas­se da­zu­ge­kom­men. So wird der Platz auch auf den Fahr­rad­we­gen im­mer we­ni­ger. Das ist der ei­ne Aspekt…

…und der an­de­re?

Chiel­li­no: Wenn wir uns im Ver­kehr als Pkw-Fah­rer be­geg­nen, so ha­ben wir ein an­de­res Set­ting als in ei­ner nor­ma­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on. Je­der sitzt ge­schützt in sei­nem Fahr­zeug und muss kei­ne emo­tio­na­le Kon­trol­le aus­üben. Das kann schon zu ei­ner ge­wis­sen En­t­hem­mung bei den Au­to­fah­rern füh­ren. So rast der Puls öf­ter schnell nach oben. Da­zu kommt der Fak­tor, dass wir ein star­res Re­gel­sys­tem ha­ben. Wir kön­nen al­so sehr schnell er­ken­nen, ob wir im Recht sind. Das kann wie­der­um da­zu füh­ren, dass es beim Auf­ein­an­der­tref­fen von be­stimm­ten Cha­rak­te­ren zu Kurz­schluss­hand­lun­gen kommt und sich der Zorn dann buch­stäb­lich ent­lädt.

Aber in Pa­ra­graf 1 der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung heißt es: Die Teil­nah­me am Stra­ßen­ver­kehr er­for­dert stän­di­ge Vor­sicht und ge­gen­sei­ti­ge Rück­sicht. Der Deut­sche ist doch sonst eher ge­set­zes­treu. War­um gilt das im Ver­kehr nicht?

Chiel­li­no: Tja, das wä­re ei­ne idea­le Vor­stel­lung in ei­ner idea­len Welt, in der wir auch et­was ge­las­se­ner mit Feh­lern an­de­rer um­ge­hen. Aber die Wirk­lich­keit ist be­kannt­lich an­ders. Al­le ha­ben Ter­min­druck und al­les, was uns da auf dem Weg von A nach B in die Que­re kommt, stört und sorgt für den ent­spre­chen­den Är­ger.

Ist die Au­to­bahn der letz­te Wil­de Wes­ten für As­phalt­cow­boys? Chiel­li­no: Ach nein, das stimmt so na­tür­lich nicht. Sta­tis­tisch ge­se­hen ist die Au­to­bahn ja so­gar die si­chers­te Stra­ße in Deutsch­land. In­so­fern kann man nicht sa­gen, dass es hier zu­geht wie im Wil­den Wes­ten. Das heißt na­tür­lich nicht, dass es nicht noch ge­nü­gend Ra­ser gibt. Aber die meis­ten Au­to­fah­rer hal­ten sich an die Re­geln. Das be­stä­ti­gen auch die Zah­len des Kraft­fahrt­bun­des­am­tes. Von al­len Füh­rer­schein­in­ha­bern, und das sind rund 40 Mil­lio­nen, ist nur ein Vier­tel in Flens­burg ak­ten­kun­dig. Und die Zahl de­rer, die den Füh­rer­schein des­we­gen ver­lie­ren, liegt im Pro­mil­le­be­reich.

Ha­ben Sie auch schon ein­mal je­man­dem auf der Stra­ße den Vo­gel ge­zeigt oder dür­fen Sie da als ADAC-Psy­cho­lo­ge nicht drü­ber re­den?

Chiel­li­no (lacht): Ich glau­be, ich wä­re über­mensch­lich, wenn ich das nicht schon ein­mal ge­tan hät­te. Ich nei­ge auch da­zu, im Au­to schon mal emo­tio­na­ler zu wer­den. Das ge­schieht dann, wenn mich ein an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer mit ei­nem be­wuss­ten, sehr ris­kan­ten Fahr­ma­nö­ver pro­vo­ziert – Stichwort Spur­wech­sel. Aber ich ha­be mir die Fä­hig­keit an­trai­niert, mir so­fort zu sa­gen: Ach geh’, das bringt doch nix! Die­ser Är­ger ist ver­schwen­de­te Le­bens­zeit.

Die Deut­schen sind zu­tiefst un­eins: Über die Hälf­te ist für ein ge­ne­rel­les Tem­po­li­mit, 47 Pro­zent sind da­ge­gen. War­um tun ge­ra­de wir uns so schwer, ein Tem­po­li­mit zu ak­zep­tie­ren, wie es in vie­len an­de­ren Län­dern üb­lich ist? Chiel­li­no: Da gibt es un­ter­schied­li­che La­ger, klar. Aber egal, ob es Au­to­bahn, Land­stra­ße oder städ­ti­scher Ver­kehr ist – wenn man das Ge­fühl hat, das vor­ge­ge­be­ne Tem­po passt nicht zur Ver­kehrs­dich­te und der An­zahl der Spu­ren, dann ist man ver­lei­tet schnel­ler zu fah­ren. Es liegt auch in der Na­tur des Men­schen, sich nur schwer selbst zü­geln zu kön­nen. Trotz­dem brau­chen wir nicht zwangs­läu­fig ein all­ge­mei­nes Tem­po­li­mit, weil auch auf Au­to­bah­nen die Ge­schwin­dig­keit schon jetzt li­mi­tiert ist, wo die­se Ein­schrän­kun­gen er­for­der­lich sind. Das heißt im Um­kehr­schluss: Man soll­te dort freie Fahrt ha­ben, wo es mög­lich ist.

Sind Rad­fah­rer ei­gent­lich um­gäng­li­cher im Ver­hal­ten als Au­to­fah­rer? Chiel­li­no: Rad­fah­rer ha­ben ein we­nig an­de­re Vor­aus­set­zun­gen. Die sind nicht mehr ganz so an­onym un­ter­wegs und ha­ben auch kei­nen Schutz­pan­zer um sich her­um. Das be­deu­tet: Wenn die mal emo­tio­na­ler wer­den, müs­sen sie mit ei­ner un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­re­ak­ti­on rech­nen und kom­men nicht so schnell aus Si­tua­tio­nen wie­der raus. In der Op­fer­rol­le ge­gen­über Au­to­fah­rern ist es ein­fa­cher auf den Au­to­fah­rer zu schimp­fen, wenn der ei­nem die Vor­fahrt ge­nom­men hat, da die Kräf­te­ver­hält­nis­se un­gleich ver­teilt sind.

In vie­len Städ­ten steigt die Zahl der Rad­un­fäl­le. Liegt das nur am zu­neh­men­den Zwei­rad­ver­kehr?

Chiel­li­no: Der Rad­ver­kehr nimmt zu, in­so­fern ist es kein Wun­der, dass auch die Un­fall­zah­len zu­neh­men. Wir ha­ben beim Rad­ver­kehr na­tür­lich auch et­was, was beim Au­to nicht so häu­fig der Fall ist: Al­lein­un­fäl­le wie Stür­ze, die da noch da­zu­kom­men. Durch die E-Bi­kes ha­ben wir zu­dem das Phä­no­men, dass mehr Äl­te­re aufs Rad um­stei­gen, was auch das Ver­let­zungs­ri­si­ko er­höht.

Über die neu­en E-Scoo­ter wird viel ge­spro­chen. Spie­len die beim The­ma Rück­sicht auch ei­ne Rol­le?

Chiel­li­no: Das wür­de sich si­cher auch loh­nen, mal ge­nau­er an­zu­se­hen. Was man wahr­nimmt: Die E-Scoo­ter wer­den haupt­säch­lich an tou­ris­ti­schen Hots­pots ver­lie­hen. Bei ih­nen steht wohl der Spaß im Vor­der­grund. Die Be­nut­zer ha­ben da ei­ne an­de­re Grund­mo­ti­va­ti­on als Au­to­o­der Rad­fah­rer, die oft un­ter Ter­min­druck streng von A nach B wol­len oder müs­sen. So könn­te man sa­gen: Die E-Scoo­ter-Fah­rer sind et­was sorg­lo­ser un­ter­wegs als manch an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer. Das wie­der­um kann schnell um­schla­gen in rück­sichts­lo­ses Ver­hal­ten. Das macht die Sa­che al­so nicht bes­ser, aber das Mo­tiv der E-Scoo­ter-Fah­rer ist ein an­de­res.

Was kann man tun, da­mit es im Stra­ßen­ver­kehr fried­li­cher zu­geht? Chiel­li­no: Im Prin­zip müss­te je­der bei sich selbst an­set­zen und mit mehr Ge­las­sen­heit ins Au­to ein­stei­gen. Wir müss­ten uns auch da­hin­ge­hend da­von be­frei­en, dass wir im Stra­ßen­ver­kehr die Zeit wie­der auf­ho­len wol­len, die uns wo­an­ders ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Das Ge­gen-die Uhr-Fah­ren ist ei­ner der Haupt­stres­so­ren. Da führt je­des klei­ne Pro­blem zum Wu­t­aus­bruch. Und Au­to­fah­rer soll­ten sich im Kla­ren sein, dass es po­si­tiv sein kann, den an­de­ren mal vor­zu­las­sen, weil man selbst das ja auch mal ge­nie­ßen möch­te.

Ei­ne For­de­rung ist: hö­he­re Stra­fen. Brau­chen wir Ver­schär­fun­gen, da­mit sich die Au­to­fah­rer zü­geln las­sen? Chiel­li­no: Zur Er­hö­hung der Ver­kehrs­si­cher­heit be­darf es der Prä­ven­ti­on und Re­pres­si­on. Ent­schei­dend bei den Sank­tio­nen ist nicht die Hö­he des Buß­gelds, son­dern das Ri­si­ko, bei ei­nem Fehl­ver­hal­ten auch be­straft zu wer­den. In­so­fern soll­te an Un­fall­schwer­punk­ten eher die Kon­troll­dich­te er­höht wer­den, als zur Ab­schre­ckung das Buß­geld an­zu­he­ben. Ul­rich Chiel­li­no, Ver­kehrs­psy­cho­lo­ge beim ADAC, ist Ex­per­te zum The­ma „Si­cher­heit im Stra­ßen­ver­kehr“.

Sym­bol­fo­to: dpa

Auf den Stra­ßen geht es zu­wei­len rup­pig zu. Vor al­lem dann, wenn es ei­ni­gen Au­to­fah­rern zu lang­sam vor­an­geht.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.