Alb­traum Wa­den­krampf

Bis zu 40 Pro­zent der Men­schen lei­den von Zeit zu Zeit un­ter den nächt­li­chen Atta­cken. Ein gu­tes Mit­tel da­ge­gen gibt es bis­lang nicht. War­um Ex­per­ten den Sinn von Ma­g­ne­si­um-Ein­nah­men an­zwei­feln

Donau Zeitung - - Gesundheit - In­ter­view: Jo­sef Karg

Pro­fes­sor Top­ka, nächt­li­che Wa­den­krämp­fe ken­nen kein Er­bar­men: Man liegt im Bett, tut ei­gent­lich nichts Schlim­mes – und dann fährt ei­nem der Schmerz in die Wa­de. Was pas­siert da ei­gent­lich?

Hel­ge Top­ka: Das weiß man noch nicht ge­nau. Ein Mus­kel­krampf ent­steht durch ei­ne Übe­r­er­reg­bar­keit der Ver­bin­dungs­stel­le vom Nerv zum Mus­kel. Dort, an den En­den der mo­to­ri­schen Ner­ven, fin­det die Reiz­über­tra­gung statt. Und Ner­ven­im­pul­se füh­ren zu Mus­kel­kon­trak­tio­nen. Kommt es zu un­kon­trol­lier­ten Ent­la­dun­gen, ver­kramp­fen sich die Mus­keln oder sie re­agie­ren über­emp­find­lich auf nor­ma­le Rei­ze. Das heißt, der Mus­kel ist nicht der Tä­ter, son­dern das Op­fer.

Ha­ben Men­schen heu­te mehr als frü­her mit Mus­kel­krämp­fen zu tun?

Top­ka: Ak­tu­el­le Un­ter­su­chun­gen, die ei­ne Zu­nah­me der Häu­fig­keit be­le­gen, gibt es nicht. Trotz­dem gibt es ei­ni­ge aus­sa­ge­kräf­ti­ge Da­ten. So kann man sa­gen, dass 75 Pro­zent al­ler Er­wach­se­nen min­des­tens ein­mal im Le­ben ei­nen Mus­kel­krampf ha­ben. Bis zu 40 Pro­zent an­sons­ten ge­sun­der Men­schen lei­den un­ter nächt­li­chen Krämp­fen. Und: Die­se Be­schwer­den neh­men im Lau­fe des Le­bens deut­lich zu. Bei über 65-Jäh­ri­gen ha­ben über 50 Pro­zent im­mer wie­der mit Krämp­fen zu tun. Dass das Phä­no­men aber ins­ge­samt zu­nimmt, ist eher un­wahr­schein­lich.

War­um sind bei Krämp­fen meist Wa­den oder Fuß­soh­len be­trof­fen?

Top­ka: Auch da gibt es bis­lang kei­ne rich­tig gu­te Er­klä­rung. Es ist aber so, dass an ty­pi­schen Mus­kel­krämp­fen, über die wir hier spre­chen, we­der Ge­hirn noch Rü­cken­mark be­tei­ligt sind. Es ist das pe­ri­phe­re Ner­ven­sys­tem – al­so je­ne Ner­ven, die die Ver­bin­dung von Rü­cken­mark und Mus­kel her­stel­len – be­trof­fen. Wir wis­sen zu­dem, dass Ner­ven um­so stär­ker be­trof­fen sind, je län­ger sie sind. Da­bei sind dann na­tür­lich die lan­gen Bein­ner­ven we­sent­lich emp­find­li­cher als die Arm­ner­ven. Pa­ti­en­ten mit aus­ge­präg­ten Krämp­fen ha­ben das aber auch an den Hän­den.

War­um kramp­fen Mus­keln meist nachts?

Top­ka: Das ist nun noch gar nicht un­ter­sucht.

Hel­fen Dehn­übun­gen oder Ma­g­ne­si­um?

Top­ka: Dehn­übun­gen sind in leich­ten Fäl­len si­cher­lich ei­ne Mög­lich­keit, den Mus­kel akut zu ent­kramp­fen. Sie hel­fen lei­der aber nicht bei der Vor­beu­gung. Ma­g­ne­si­um da­ge­gen ist aus me­di­zi­ni­scher Sicht bis auf we­ni­ge Aus­nah­men fast aus dem Ren­nen.

Wie bit­te? Je­der Arzt, den ich ken­ne, ver­schreibt ei­nem bei Wa­den­krämp­fen auch Ma­g­ne­si­um.

Top­ka: Ich weiß. Aber bis auf ei­ne klei­ne­re Grup­pe von Pa­ti­en­ten, näm­lich Schwan­ge­re mit Krämp­fen, gibt es kei­ner­lei über­zeu­gen­de Be­le­ge, dass Ma­g­ne­si­um wirk­sam ist. Bei Sport­lern, de­ren Mus­keln kramp­fen, scheint et­wa der Na­tri­um­ver­lust ei­ne grö­ße­re Rol­le zu spie­len. Na­tri­um ver­lie­ren wir übers Schwit­zen. Na­tri­um ist we­sent­lich wich­ti­ger als Ma­g­ne­si­um. In sol­chen Fäl­kön­nen ge­rin­ge Salz­bei­mi­schun­gen für Ge­trän­ke hel­fen.

Wie soll­te man Mus­kel­krämp­fe be­han­deln?

Top­ka: Wenn man ganz ehr­lich ist, ha­ben wir nicht all­zu viel im Kö­cher. Wir wis­sen aus frü­he­ren Stu­di­en, dass chinin­hal­ti­ge Prä­pa­ra­te vor al­lem bei nächt­li­chen Mus­kel­krämp­fen hel­fen kön­nen. Doch die­se Prä­pa­ra­te ha­ben kei­nen gu­ten Ruf mehr, weil sie Herz­rhyth­mus­stö­run­gen be­güns­ti­gen und das Blut­bild ver­än­dern kön­nen. Die ame­ri­ka­ni­schen Zu­las­sungs­be­hör­den ha­ben den Ein­satz die­ser Me­di­ka­men­te dras­tisch ein­ge­schränkt. Mitt­ler­wei­le sind sie auch in Deutsch­land nur noch als ver­schrei­bungs­pflich­ti­ges Arz­nei­mit­tel er­hält­lich. Wer nur ge­le­gent­lich ei­nen Krampf hat, soll­te am bes­ten Dehn­übun­gen ma­chen. Wer an per­ma­nen­ten, schwe­ren Krämp­fen lei­det, soll­te un­be­dingt sorg­fäl­tig un­ter­sucht wer­den.

Kön­nen Mus­kel­krämp­fe al­so auch Sym­ptom für an­de­re, schwer­wie­gen­de Krank­hei­ten sein?

Top­ka: Da kann ich gleich 30 Er­kran­kun­gen nen­nen. Das kön­nen sehr un­ter­schied­li­che neu­ro­lo­gi­sche und auch in­ter­nis­ti­sche Er­kran­kun­gen sein. Von Mus­kel­er­kran­kun­gen bis Mor­bus Par­kin­son. Vie­le Me­di­ka­men­te kön­nen eben­falls Krämp­fe aus­lö­sen. Das sind et­wa Schild­drü­len sen­me­di­ka­men­te bis hin zu Blut­druck­sen­kern wie Be­ta-Blo­cker oder Mi­grä­n­e­mit­teln.

An wel­chen Arzt sol­len sich Pa­ti­en­ten mit re­gel­mä­ßi­gen Krampf­be­schwer­den wen­den?

Top­ka: Zu­nächst soll­te man den Haus­arzt auf­su­chen, der den Pa­ti­en­ten ja meist am bes­ten kennt und so­wohl über Vo­r­er­kran­kun­gen als auch des­sen Me­di­ka­men­te Be­scheid weiß. Wenn der Haus­arzt nichts fin­det, wä­re der nächs­te Gang zum Neu­ro­lo­gen, der vi­el­leicht auch mit spe­zi­el­len Mes­sun­gen den Be­schwer­den auf die Spur kom­men kann.

Wel­che Ner­ven­er­kran­kun­gen kön­nen Krämp­fe ver­ur­sa­chen?

Top­ka: Zum Bei­spiel Po­ly­n­eu­ro­pa­thi­en – al­so Ner­ven­er­kran­kun­gen, die am ehes­ten die Bein­ner­ven be­tref­fen. Ei­ne der häu­figs­ten Ur­sa­chen da­für ist Dia­be­tes. Aber auch über­mä­ßi­ger Al­ko­hol­kon­sum löst Po­ly­n­eu­ro­pa­thi­en aus. Schä­den an der (Len­den-)Wir­bel­säu­le mit Be­tei­li­gung der Ner­ven­wur­zeln kön­nen eben­falls ei­ne Ur­sa­che sein.

Wie ist denn der Stand der For­schung? Kommt bald ein Me­di­ka­ment auf den Markt, mit dem man Krämp­fe wirk­sam be­kämp­fen kann?

Top­ka: Was Po­ly­n­eu­ro­pa­thi­en an­geht, kann man da­von aus­ge­hen, dass wir et­wa bei der Hälf­te der Neu­ro­pa­thi­en ei­ne Ur­sa­che nach­wei­sen kön­nen und da­von ist wie­der­um die Hälf­te be­han­del­bar. Was die The­ra­pie der Sym­pto­me an­geht, sind neue Ent­wick­lun­gen ak­tu­ell aber sehr rar. Grö­ße­re Stu­di­en zu Ma­g­ne­si­um sind kaum zu er­war­ten. Zum ei­nen ste­hen ei­ne gan­ze Rei­he von Da­ten ja be­reits zur Ver­fü­gung. Zum an­de­ren sind Sub­stan­zen, die nicht dem Pa­tent­schutz un­ter­lie­gen, für die phar­ma­zeu­ti­sche In­dus­trie kein in­ter­es­san­tes Ziel für die wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­ent­wick­lung. Die ra­sche Ein­füh­rung neu­er Me­di­ka­men­te ist da­her im Mo­ment nicht zu er­war­ten. Das könn­te sich aber sehr schnell än­dern, wenn der Mecha­nis­mus der Ent­ste­hung von Mus­kel­krämp­fen ge­nau ver­stan­den wird. In An­be­tracht der gro­ßen Zahl der Be­trof­fe­nen wer­den dann si­cher gro­ße An­stren­gun­gen un­ter­nom­men wer­den, neue Er­kennt­nis­se in wirk­sa­me the­ra­peu­ti­sche Op­tio­nen um­zu­set­zen. Prof. Hel­ge Top­ka ist seit 2002 Chef­arzt der Kli­nik für Neu­ro­lo­gie und Neu­ro­phy­sio­lo­gie in Mün­chen­Bo­gen­hau­sen.

Fo­to: obs, Her­mes Arz­nei­mit­tel Gm­bH

Wa­den­krämp­fe kön­nen höchst un­an­ge­nehm wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.