Wie tickt die „Ge­ne­ra­ti­on Gre­ta“?

Die Ju­gend mel­det An­sprü­che an und in­ter­es­siert sich für Po­li­tik – doch das gilt längst nicht für al­le

Donau Zeitung - - Politik - VON BERN­HARD JUN­GIN­GER

Ber­lin Die „Ge­ne­ra­ti­on Gre­ta“sorgt sich deut­lich mehr um den Schutz der Er­de als um den ei­ge­nen Le­bens­stan­dard. So gibt es nichts, wo­vor sich jun­ge Deut­sche mehr fürch­ten als vor der Ver­schmut­zung der Um­welt. In ei­ner Be­fra­gung ga­ben 71 Pro­zent der 12- bis 25-Jäh­ri­gen an, dass ih­nen das The­ma Angst macht. Vor vier Jah­ren do­mi­nier­te die Furcht vor Ter­ror­an­schlä­gen, die heu­te noch zwei Drit­tel der Be­frag­ten plagt und da­mit in der Lis­te der be­herr­schen­den Ängs­te auf Platz zwei ge­rutscht ist. Auf Platz drei folgt gleich die Sor­ge über den Kli­ma­wan­del (65 Pro­zent).

Das ist das Er­geb­nis der 18. Shel­lJu­gend­stu­die, die am Di­ens­tag in Ber­lin vor­ge­stellt wur­de. Be­reits seit 1953 wird die re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge im Vier­jah­res­tur­nus durch­ge­führt, sie gilt als ver­läss­li­cher Grad­mes­ser der Stim­mun­gen und Strö­mun­gen im jun­gen Teil der Be­völ­ke­rung. Ein Team von Wis­sen­schaft­lern um „Ju­gend-Er­klä­rer“Klaus Hur­rel­mann von der Ber­li­ner Her­tie School of Go­ver­nan­ce hat die Stu­die im Auf­trag des nie­der­län­disch-bri­ti­schen Mi­ne­ral­öl­kon­zerns ver­fasst. Gut 2500 Teil­neh­mer im Al­ter von 12 bis 25 Jah­ren wur­den für die ak­tu­el­le Aus­ga­be be­fragt. Sie trägt den Ti­tel „Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on mel­det sich zu Wort“. Nicht nur bei den De­mons­tra­tio­nen der Initia­ti­ve „Fri­days for Fu­ture“um die jun­ge schwe­di­sche Kli­maak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg ma­che die Ju­gend auf ih­re An­lie­gen auf­merk­sam, so die Au­to­ren. Ge­ne­rell wür­den die ei­ge­nen In­ter­es­sen heu­te lau­ter ge­gen­über Po­li­tik, Ge­sell­schaft und Ar­beit­ge­bern ver­tre­ten. Und die Ju­gend sei trotz der gro­ßen Sor­ge um das Kli­ma und die Um­welt durch­aus op­ti­mis­tisch, so die Stu­die. Die meis­ten jun­gen Deut­schen bli­cken dem­nach eher po­si­tiv in die Zu­kunft. Sor­gen vor Ar­beits­lo­sig­keit oder Ar­mut neh­men im Ver­gleich zu frü­he­ren Stu­di­en eher ab.

Bun­des­ju­gend­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) sag­te: „Jun­ge Men­schen wis­sen, dass Ent­schei­dun­gen von heu­te die Zu­kunft be­ein­flus­sen, und sie wol­len dar­an be­tei­ligt sein. Sie for­dern zu Recht, dass ih­nen nicht nur zu­ge­hört wird, son­dern dass ih­re For­de­run­gen auch Fol­gen ha­ben.“Die SPD-Po­li­ti­ke­rin sprach sich in die­sem Zu­sam­men­hang für ei­ne Sen­kung des Wahl­al­ters von 18 auf 16 Jah­re aus. Vie­le Ju­gend­li­che woll­ten sich ein­brin­gen und setz­ten auf die De­mo­kra­tie. Die­se Er­war­tun­gen dürf­ten nicht ent­täuscht wer­den, so Gif­fey.

Ins­ge­samt ga­ben in der Um­fra­ge et­was we­ni­ger jun­ge Men­schen (41 Pro­zent) an, dass sie sich für Po­li­tik in­ter­es­sie­ren als vier Jah­re zu­vor (43 Pro­zent). Doch die­se Wer­te lä­gen deut­lich hö­her als in frü­he­ren Un­ter­su­chun­gen. Und mit dem Bil­dungs­grad der Be­frag­ten stei­ge auch das In­ter­es­se an der Po­li­tik, ge­ra­de bei Mäd­chen ge­win­ne po­li­ti­sches En­ga­ge­ment an Be­deu­tung.

Laut der Stu­die ist der weit über­wie­gen­de Teil (77 Pro­zent) der jun­gen Be­völ­ke­rung heu­te zu­frie­den mit der De­mo­kra­tie in Deutsch­land. 2006 et­wa wa­ren es nur 59 Pro­zent. Nach wie vor ist die Zuf­rie­den­heit mit der De­mo­kra­tie in Ost­deutsch­land et­was schwä­cher aus­ge­prägt, doch der Wert stieg seit 2006 von 44 auf 66 Pro­zent. Im Wes­ten klet­ter­te er von 63 auf 78 Pro­zent. Al­ler­dings gibt es wei­ter ein ho­hes Maß an Po­li­tik­ver­dros­sen­heit. So glau­ben 71 Pro­zent der Be­frag­ten nicht, dass sich „Po­li­ti­ker dar­um küm­mern, was Leu­te wie ich den­ken“. Bei nied­ri­ger Ge­bil­de­ten ist die­se Mei­nung be­son­ders stark ver­brei­tet.

Die Be­fra­gung zeigt, dass auch Tei­le der ju­gend­li­chen Be­völ­ke­rung durch­aus emp­fäng­lich für po­pu­lis­ti­sche Po­si­tio­nen sind. Der Aus­sa­ge „In Deutsch­land darf man nichts Schlech­tes über Aus­län­der sa­gen, oh­ne gleich als Ras­sist be­schimpft zu wer­den“stimm­ten 68 Pro­zent der Be­frag­ten zu. Über die Hälf­te glaubt, dass die Re­gie­rung der Be­völ­ke­rung die Wahr­heit ver­schweigt. Mehr als ein Drit­tel der Be­frag­ten stimm­te der Aus­sa­ge zu, die deut­sche Ge­sell­schaft wer­de „durch den Is­lam un­ter­wan­dert“. 33 Pro­zent der Ju­gend­li­chen ha­ben laut der Stu­die Angst vor Zu­wan­de­rung. Al­ler­dings fürch­tet sich ein deut­lich grö­ße­rer Teil der Be­frag­ten (52 Pro­zent) vor ei­ner wach­sen­den Aus­län­der­feind­lich­keit.

Trotz der ho­hen Zu­stim­mungs­wer­te zu ei­ni­gen po­pu­lis­ti­schen Aus­sa­gen kom­men die Wis­sen­schaft­ler zum Schluss, dass die Ju­gend über­wie­gend sehr to­le­rant sei. Min­der­hei­ten oder ver­schie­de­ne ge­sell­schaft­li­che Grup­pen wür­den mit Quo­ten von 80 bis 95 Pro­zent ak­zep­tiert. Un­ter jun­gen Ost­deut­schen ist die Ab­leh­nung von Flücht­lin­gen und Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund et­was stär­ker ver­brei­tet. Bei Ju­gend­li­chen mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund ist die Ab­leh­nung von ho­mo­se­xu­el­len und jü­di­schen Men­schen dem­nach hö­her als im Durch­schnitt.

Ih­re In­for­ma­tio­nen zie­hen Kin­der und Ju­gend­li­che heu­te über­wie­gend aus dem In­ter­net. Gleich­zei­tig ver­trau­en sie klas­si­schen Me­di­en wie den Fern­seh­nach­rich­ten und Ta­ges­zei­tun­gen deut­lich mehr als so­zia­len Netz­wer­ken. 38 Pro­zent der Be­frag­ten ga­ben an, dass ih­nen oh­ne Han­dy „das hal­be Le­ben feh­len wür­de“. Gu­te Freunde, ei­ne ver­trau­ens­vol­le Part­ner­schaft und ein gu­tes Fa­mi­li­en­le­ben sind für die gro­ße Mehr­heit die wich­tigs­ten Wer­te. Und trotz der en­ga­gier­ten De­mons­tra­tio­nen ge­gen das kli­ma­schäd­li­che Ver­hal­ten der äl­te­ren Be­völ­ke­rungs­tei­le: Von ei­nem Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt kann kei­ne Re­de sein. Mit den ei­ge­nen El­tern ver­ste­hen sich 90 Pro­zent der Stu­di­en­teil­neh­mer „gut“oder so­gar „bes­tens“.

„Jun­ge Men­schen wis­sen, dass Ent­schei­dun­gen von heu­te die Zu­kunft be­ein­flus­sen, und sie wol­len dar­an be­tei­ligt sein.“

Bun­des­ju­gend­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey

Fo­to: Raw­pi­xel.com, stock.ado­be.com

Die Kla­ge, dass jun­ge Men­schen un­po­li­tisch, selbst­be­zo­gen sind und sich kaum ge­sell­schaft­lich en­ga­gie­ren, ist nicht neu. Aber ist sie auch zu­tref­fend?

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