Mehr Platz, mehr Kunst

Das welt­be­rühm­te New Yor­ker Mu­se­um of Mo­dern Art be­gibt sich auf den Weg zu Gleich­be­rech­ti­gung und Glo­ba­li­sie­rung. Zum Ge­mäl­de kommt das Fo­to, zur Skulp­tur der Tanz

Donau Zeitung - - Feuilleton -

New York hat al­len Grund, in die­ser Sai­son sei­ne Kunst und sei­ne Mu­se­en zu fei­ern: Das Me­tro­po­li­tan Mu­se­um wird 150 Jah­re alt, das Gug­gen­heim ist 60 und ab so­fort kann auch das be­rühm­te Mu­se­um of Mo­dern Art, in­ter­kon­ti­nen­ta­le An­lauf­stel­le in Sa­chen Klas­si­sche Mo­der­ne, de­ren Vor­lauf so­wie Nach­kriegs­kunst, nach vier Mo­na­ten des An-, Aus- und Um­bau­ens wie­der be­sucht wer­den. Schon von der 53rd Street aus ist durch die Glas­schei­be der gro­ße schwar­ze Schrift­zug an ei­ner In­nen­wand des Ge­bäu­des zu se­hen: „Hel­lo. Again.“, ein Werk des US-Künst­lers Haim St­ein­bach.

Das die Mas­sen an­zie­hen­de, 90 Jah­re al­te Mu­se­um mit­ten in Man­hat­tan muss­te sich ver­grö­ßern. Drei Mil­lio­nen Be­su­cher aus über 50 Län­dern quetsch­ten sich jähr­lich durch die Schau­räu­me, die Kas­senSchlan­gen zo­gen sich oft bis auf die Stra­ße, drin­nen wa­ren vor lau­ter Be­su­chern die Kunst­wer­ke oft nur noch schwer aus­zu­ma­chen. Da­bei hat­te erst vor 15 Jah­ren der ja­pa­ni­sche Ar­chi­tekt Yo­shio Ta­ni­gu­chi das Mu­se­ums­ge­bäu­de auf rund das Dop­pel­te sei­ner vor­he­ri­gen Flä­che ver­grö­ßert – aber das MoMA wuchs dar­aus schnell her­aus. Jetzt ha­ben die Ar­chi­tek­ten Ri­car­do Sco­f­idio und Liz Dil­ler für mehr als 400 Mil­lio­nen Dol­lar nach­ge­legt, ein Ne­ben­ge­bäu­de hin­zu­ge­fügt und das Mu­se­um noch ein­mal um gut 3700 Qua­drat­me­ter ver­grö­ßert.

Aber im Zu­ge der Er­wei­te­rung ging es nicht nur um mehr Platz – son­dern auch um den In­halt. Das Mu­se­um hat die Chan­ce ge­nutzt, sich zu er­neu­ern. Bis­lang zeig­te es vor al­lem mo­der­ne west­li­che Wer­ke des 20. Jahr­hun­derts; es gilt auf die­sem Ge­biet als ei­nes der her­aus­ra­gen­den Mu­se­en der Welt. Und zu se­hen wa­ren die­se Wer­ke chro­no­lo­gisch und li­ne­ar, als ei­ne Auf­ein­an­der­fol­ge von Kunst­sti­len und vor al­lem wei­ßen männ­li­chen eu­ro­päi­schen Künst­lern – was seit län­ge­rem in der Kri­tik stand. Das Mu­se­um sei ein „Denk­mal für ei­ne über­hol­te Ge­schich­te“ge­wor­den, schrieb zum Bei­spiel die New York Ti­mes.

Das ist nun an­ders. Im neu­en MoMA gibt es auf drei Eta­gen zwar im­mer noch chro­no­lo­gi­sche Zu­sam­men­hän­ge (1880 – 1940, 1940 – 1970, 1970 bis in die Ge­gen­wart), aber die Kunst ist je­weils völ­lig durch­ge­mixt. Als hät­ten die Ku­ra­to­ren die Stock­wer­ke ein­mal durch­ge­schüt­telt. De­ren neue Ar­chi­tek­tur lässt al­les of­fe­ner wir­ken und lädt mehr zum Schlen­dern und spon­ta­nen Ab­bie­gen ein.

Ne­ben Ge­mäl­den und De­sign sind über­all deut­lich mehr Skulp­tu­ren, Fo­to­gra­fie, Film und Per­for­mance-Kunst aus­ge­stellt – und vor al­lem deut­lich mehr Kunst von Frau­en, La­ti­nos, Asia­ten und Afro­ame­ri­ka­nern. Das führt zu span­nen­den Ent­de­ckun­gen und Kom­bi­na­tio­nen. So hängt ei­nes der Su­per­star-Ge­mäl­de des Mu­se­ums, Pa­blo Pi­cas­sos „Les De­moi­sel­les d’Avi­gnon“, nun ne­ben ei­nem Werk der afro-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Faith Ring­gold. Und ver­eint im Werk ist nun das Künst­ler­paar Jack­son Pol­lock und Lee Kras­ner.

Und von nun an will das MoMA die the­ma­ti­schen Ga­le­ri­en ab­seits der drei Epo­chen-Stock­wer­ke nach je­weils sechs Mo­na­ten er­neut durch­schüt­teln. Das al­les ent­spricht dem Zeit­geist und wen­det sich – oh­ne Fach­vo­ka­bu­lar – auch an jün­ge­re Be­su­cher­grup­pen. Of­fe­riert wird Kunst nicht in Ka­te­go­ri­en, son­dern als in­di­vi­du­el­ler Künst­lerAus­druck. End­lich zei­ge sich das Mu­se­um als „le­ben­de, at­men­de In­sti­tu­ti­on des 21. Jahr­hun­derts“, ju­belt mitt­ler­wei­le die New York Ti­mes: „Ei­ne Grup­pe sehr klu­ger Ku­ra­to­ren steckt die Köp­fe zu­sam­men und ar­bei­tet von in­nen drin dar­an, das gro­ße wei­ße Schiff in ei­ne an­de­re Rich­tung zu len­ken.“

Bei der Ar­chi­tek­tur al­ler­dings zei­gen sich die Kri­ti­ker nach dem Er­wei­te­rungs­bau ge­spal­ten. Wäh­rend das New York Ma­ga­zi­ne von ei­nem „Werk über­zeug­ter und be­schei­de­ner Ele­ganz“schwärmt, ver­gleicht die New York Ti­mes den neu­en Bau mit ei­nem App­le-Com­pu­terGe­schäft: „klug, aus­ufernd und ein we­nig see­len­los“. Zu­dem wer­de das neue of­fe­ne­re Lay­out des Mu­se­ums viel Er­klä­rung brau­chen. „Wir wer­den se­hen, ob Be­su­cher es be­frei­end oder ver­wir­rend fin­den.“Aber das letz­te Wort sei so­wie­so noch nicht ge­spro­chen, sagt MoMA-Di­rek­tor Glenn Lo­wry. „Das Mu­se­um wird im­mer in Wei­ter­ent­wick­lung blei­ben.“

Mehr Kunst von Frau­en und von Far­bi­gen

Fo­tos: dpa

Hin­ter dem neu­en Ge­sicht des er­wei­ter­ten New Yor­ker Mu­se­ums of Mo­dern Art (links) fällt der Blick auf ei­ne Ro­se der deut­schen Künst­le­rin Isa Genz­ken (rechts oben) und auf die Ge­mäl­de-Kom­bi­na­ti­on von Pi­cas­so und Faith Ring­gold (un­ten rechts).

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