Evo Mora­les’ häss­li­cher Sieg

Einst galt der wirt­schaft­lich er­folg­rei­che So­zia­list und ers­te frei ge­wähl­te in­di­ge­ne Prä­si­dent Bo­li­vi­ens als Vor­zei­ge­po­li­ti­ker. Doch nach mas­si­ven Wahl­be­trugs­vor­wür­fen und Mas­sen­pro­tes­ten wird er zum Sym­bol des po­li­ti­schen Nie­der­gangs Latein­ame­ri­kas

Donau Zeitung - - Politik - VON TO­BI­AS KÄU­FER

La Paz Bo­li­vi­en brennt seit Ta­gen. Wü­ten­de De­mons­tran­ten setz­ten in Po­to­si das Ge­bäu­de der Wahl­be­hör­de in Brand, in La Paz kommt es im­mer wie­der zu Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen der Po­li­zei und Pro­tes­tie­ren­den. Die Pro­vinz San­ta Cruz kün­dig­te ei­nen un­be­fris­te­ten Ge­ne­ral­streik an. Und aus al­len gro­ßen Städ­ten wer­den Aus­schrei­tun­gen ge­mel­det. Die Wut der De­mons­tran­ten rich­te­te sich zu­nächst ge­gen ei­ne über­ra­schen­de Wen­de bei der Aus­zäh­lung der Stim­men zur Prä­si­den­ten­wahl. Hieß es von der staat­li­chen Wahl­be­hör­de am Sonn­tag­abend noch, Amts­in­ha­ber Evo Mora­les und Her­aus­for­de­rer Car­los Me­sa müss­ten al­ler Vor­aus­sicht nach in ei­ne Stich­wahl, war am Mon­tag, ei­nen Tag spä­ter, Mora­les nun doch mit dem not­wen­di­gen Vor­sprung von zehn Pro­zent der Stim­men vor­ne. Nun ließ sich der bo­li­via­ni­sche Staats­chef al­len Pro­tes­ten zum Trotz of­fi­zi­ell zum Sie­ger der Prä­si­den­ten­wahl er­klä­ren.

Nach letz­ten Zah­len kommt der So­zia­list Mora­les auf 47,07 Pro­zent der Stim­men, sein Her­aus­for­de­rer Me­sa vom op­po­si­tio­nel­len Bünd­nis „Co­mu­ni­dad Ci­u­dada­na“auf 36,53 Pro­zent. Da­mit hat Mora­les die not­wen­di­gen zehn Pro­zent­punk­te Ab­stand zum Zweit­plat­zier­ten, um im ers­ten Wahl­gang zu ge­win­nen. Der Amts­in­ha­ber woll­te un­be­dingt ei­ne Stich­wahl ver­mei­den, denn dann hät­te sich die zer­split­ter­te Op­po­si­ti­on zu­sam­men­ge­schlos­sen. Ge­ra­de mal ein hal­ber Pro­zent­punkt sol­len ihn vor ei­ner Stich­wahl ge­ret­tet ha­ben. Doch Mil­lio­nen Bo­li­via­ner wol­len das nicht glau­ben. In den so­zia­len Netz­wer­ken tau­chen Vi­de­os von Kis­ten mit Stimm­zet­teln auf, die vor der Wahl mit ei­nem Kreuz für die Mora­les-Par­tei MAS ver­se­hen wa­ren. Die ka­tho­li­sche Kir­che und die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Hu­man Rights Watch spre­chen von Hin­wei­sen auf Wahl­be­trug.

Auch die EU und die deut­sche Bun­des­re­gie­rung ha­ben sich für ei­ne Stich­wahl aus­ge­spro­chen, um Ver­trau­en wie­der­her­zu­stel­len. Auch die Wahl­be­ob­ach­ter­mis­si­on der Or­ga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten hat­te gro­ße Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten bei der Aus­zäh­lung der Stimm­zet­tel kri­ti­siert und für ei­ne Stich­wahl plä­diert. Mora­les aber ver­tei­dig­te sei­nen Wahl­sieg und warf der Op­po­si­ti­on ei­ne in­ter­na­tio­na­le Kam­pa­gne ge­gen sei­ne Re­gie­rung und Ras­sis­mus vor. Sei­nen Kon­tra­hen­ten Me­sa be­schimpf­te er als „Kri­mi­nel­len und Feig­ling“, weil die­ser das Wah­l­er­geb­nis nicht an­er­ken­nen wol­le. Me­sa rief in ei­ner Vi­deo­bot­schaft sei­ne An­hän­ger zu fried­li­chen Pro­tes­ten auf. „Auf un­se­rer Sei­te sind Wahr­heit und Ge­rech­tig­keit“.

Der 59-jäh­ri­ge Mora­les re­giert das An­den­land seit 13 Jah­ren. Der ers­te frei ge­wähl­te in­di­ge­ne Prä­si­dent Bo­li­vi­ens hat­te das Land auf dem Hö­he­punkt sei­ner Macht wirt­schaft­lich und ge­sell­schaft­lich vor­an­ge­bracht. Zu­letzt aber agier­te Mora­les zu­neh­mend au­to­ri­tä­rer, ließ dut­zen­de kri­ti­sche Rich­ter ent­fer­nen. Sei­ne Rol­le bei den ver­hee­ren­den Wald­brän­den vor ein paar Wo­chen ist zwei­fel­haft, nach­dem er mit ei­nem De­kret, Brand­ro­dun­gen aus­drück­lich er­laub­te. Selbst wenn er die­se Kri­se über­ste­hen soll­te, der Prä­si­dent ei­ner brei­ten Mehr­heit der Bo­li­via­ner, der er vor Jah­ren noch war, ist er nicht mehr.

Der Bruch kam be­reits vor drei Jah­ren. Da­mals hat­te Mora­les sei­ne Lands­leu­te zu ei­nem Re­fe­ren­dum ge­be­ten, um die in der Ver­fas­sung vor­ge­se­he­ne Amts­zeit­be­gren­zung zu um­ge­hen. Doch die Bo­li­via­ner sag­ten Nein. Da­mit wä­re Mora­les po­li­ti­sche Lauf­bahn ei­gent­lich im Jahr 2019 be­en­det ge­we­sen. Doch Mora­les brach sein Wort und trat noch ein­mal an.

Fo­to: Juan Ka­ri­ta, dpa

So­zia­list Evo Mora­les: Der um­strit­te­ne Wahl­sie­ger wirft der Op­po­si­ti­on ei­ne in­ter­na­tio­na­le Kam­pa­gne und Ras­sis­mus vor.

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