„Las­sen Sie Kin­der nicht zu früh an die­se Tech­nik“

Der Augs­bur­ger Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler Klaus Zie­rer hat fest­ge­stellt, dass Schü­ler und Stu­die­ren­de Tex­te nicht mehr ver­ste­hen. Und das hän­ge mit dem di­gi­ta­len Le­sen zu­sam­men. Er spricht von ei­ner dra­ma­ti­schen Ent­wick­lung

Donau Zeitung - - Medien - In­ter­view: Da­ni­el Wirsching

Herr Zie­rer, ha­ben Sie Ih­re Zei­tung heu­te ana­log oder di­gi­tal ge­le­sen – auf Pa­pier oder als E-Pa­per al­so?

Klaus Zie­rer: Die Ta­ges­zei­tung le­se ich in der Re­gel di­gi­tal, um schnell mal durch­zu­scan­nen. Die Wo­chen­zei­tung, die ich abon­niert ha­be, le­se ich aber nur ana­log.

Liest man di­gi­tal denn an­ders? Zie­rer: Ja. Das di­gi­ta­le Le­sen ist ein sehr schnel­les und da­mit auch ein ober­fläch­li­che­res Le­sen, beim ana­lo­gen Le­sen lässt man sich mehr Zeit, es ist tie­fer­ge­hend.

Ein E-Pa­per un­ter­schei­det sich in der Re­gel aber doch gar nicht von der ge­druck­ten Zei­tung.

Zie­rer: Das stimmt. Und den­noch lässt sich fest­stel­len, dass das Me­di­um Ein­fluss auf Le­se­ge­schwin­dig­keit und Le­se­tie­fe nimmt.

Was pas­siert mit und in uns, wenn wir di­gi­tal le­sen?

Zie­rer: Das ist in der For­schung teil­wei­se noch un­ge­klärt. Ma­ryan­ne Wolf hat es kürz­lich in ih­rem Buch „Schnel­les Le­sen, lang­sa­mes Le­sen“so auf den Punkt ge­bracht: Wenn wir di­gi­tal le­sen, glau­ben wir, schnel­ler le­sen zu müs­sen. Ent­spre­chend sind un­se­re Ak­tio­nen schnel­ler.

Von Richard Stang, dem Lei­ter des In­sti­tuts für an­ge­wand­te Kin­der­me­di­en­for­schung der Hoch­schu­le der Me­di­en in Stuttgart, stammt der Satz: „Wir sind und blei­ben ana­lo­ge Men­schen in der di­gi­ta­len Welt.“Stim­men Sie dem zu?

Zie­rer: Zu hun­dert Pro­zent. Ich glau­be, die di­gi­ta­le Welt ist ein Zu­satz, ei­ne Er­wei­te­rung von be­ste­hen­den Struk­tu­ren und Tech­ni­ken. Ge­ra­de wenn es ums Le­sen geht, wä­re es ver­kehrt, den ana­lo­gen und sehr hap­ti­schen Zu­gang des Men­schen – al­so den Ein­satz all sei­ner Sin­ne – zu ver­nach­läs­si­gen.

Wel­che Rol­le spielt das Hap­ti­sche? Vie­le Men­schen mö­gen es ja zum Bei­spiel im­mer noch lie­ber, in ei­ner Zei­tung oder ei­nem Buch zu blät­tern und das Pa­pier zu rie­chen – als auf ei­nem Ta­blet oder Smart­pho­ne zu le­sen. Zie­rer: Ich will mit ei­nem Bei­spiel ant­wor­ten: Wenn Schul­kin­dern die Zah­len bei­ge­bracht wer­den, dann geht das zu­nächst über das Se­hen und Be­grei­fen. Da­nach wer­den die Zah­len als Sym­bo­le ge­malt. Die­ser Schritt ist im mensch­li­chen Ge­hirn stark ver­an­kert. Wann im­mer wir gleich zum Sym­bo­li­schen kom­men, wird es für Kin­der au­ßer­or­dent­lich schwie­rig – in die­sem Fall et­wa zu ver­ste­hen, was ei­ne Zahl ist.

Und mit dem Le­sen ist es ge­nau­so? Zie­rer: Ich ha­be mei­ner Toch­ter zum ach­ten Ge­burts­tag ei­nen Du­den ge­schenkt . . .

… ei­nen Du­den.

Zie­rer: Ja, sie war nicht so be­geis­tert. Was mir aber bei die­ser Ge­le­gen­heit wie­der sehr klar wur­de: Man muss das Al­pha­bet erst ein­mal räum­lich ver­ste­hen, um sich da­rin zu­recht­zu­fin­den. Die­ses räum­li­che Ver­ständ­nis be­kom­me ich mit ei­nem Buch, das vor mir liegt.

Bü­cher wie den Du­den kann man sich ins Re­gal stel­len. Di­gi­ta­le In­hal­te sind, im Wort­sinn, nicht zu fas­sen, sind im Netz, in Clouds …

Zie­rer: Bei ei­nem Buch von 400 Sei­ten sieht man genau, an wel­cher Stel­le man ist, wie viel man noch vor sich hat – und das nimmt Ein­fluss auf un­se­re sinn­li­che Wahr­neh­mung, un­se­re Ge­füh­le, un­se­re Mo­ti­va­ti­on.

Kann man denn nicht ein­fach sa­gen: Haupt­sa­che, es wird ge­le­sen!

Zie­rer: Das könn­te man auf den ers­ten Blick so se­hen. So­bald es aber um die The­men In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung, Wis­sen­san­eig­nung, Re­fle­xi­on oder Tie­fen­ver­ständ­nis geht, sagt die For­schung: Wir le­sen ana­log bes­ser als di­gi­tal. Si­cher, ich bin froh, wenn Kin­der le­sen; die Le­se­zei­ten ge­hen schließ­lich zu­rück. Aber es ist schon auch wich­tig: Was le­sen sie? War­um le­sen sie? Und: Wie le­sen sie? Wenn Kin­der oder Ju­gend­li­che vier St­un­den lang nur Twit­terNach­rich­ten le­sen, dann ist das im Grun­de kein Le­sen, das sie wirk­lich in ih­rem Da­sein, ih­ren Über­le­gun­gen und Wert­vor­stel­lun­gen wei­ter­brin­gen und be­ein­flus­sen kann.

Dem Di­gi­ta­len ge­hört aber die Zu­kunft. Schon jetzt steigt die E-Pa­perNut­zung Jahr für Jahr ra­pi­de, es wird über das bal­di­ge En­de der ge­druck­ten Zei­tung nach­ge­dacht. Sind das für Sie be­ängs­ti­gen­de Ent­wick­lun­gen?

Zie­rer: Ich wür­de ana­lo­ge Me­di­en zu­min­dest nicht ein­fach so auf­ge­ben wol­len. Denn wenn wir un­se­re Le­se­kom­pe­tenz nicht wie­der ver­bes­sern, wer­den un­se­re mensch­li­chen Fä­hig­kei­ten dar­un­ter lei­den.

Ge­ra­de Leh­rer be­rich­ten von schwin­den­der Le­se­kom­pe­tenz. Schü­ler ver­stün­den Textin­hal­te nicht mehr. Zie­rer: Es ist dra­ma­tisch! Es ist ein rie­si­ges Pro­blem – und na­tür­lich hängt das mit dem di­gi­ta­len Le­sen zu­sam­men. Als Pro­fes­sor kann ich mit Stu­die­ren­den zum Bei­spiel nicht mehr über Kant oder Hei­deg­ger re­den, weil der Zu­gang zu die­ser Li­te­ra­tur be­reits an der Le­se­kom­pe­tenz der Stu­die­ren­den schei­tert. Aber wol­len wir, dass die Klas­si­ker auss­ter­ben und un­ser Den­ken ein an­de­res wird?

Die Wo­chen­zei­tung „Die Zeit“frag­te kürz­lich: „Muss man heu­te noch den ,Faust‘ ge­le­sen ha­ben, um sei­ne Rei­fe­prü­fung zu be­ste­hen?“Das Schul­mi­nis­te­ri­um von Nord­rhein-West­fa­len ha­be be­schlos­sen, dass Goe­thes Tra­gö­die ab dem Jahr 2021 nicht mehr zum Prü­fungs­stoff für das Deutsch-Abitur ge­hört.

Zie­rer: Man muss zu­nächst ein­mal fra­gen: Sind die Kin­der und Ju­gend­li­chen heut­zu­ta­ge über­haupt noch in der La­ge da­zu, Goe­the oder Schil­ler le­sen zu kön­nen?

Sie könn­ten statt­des­sen viel­leicht den neu­en Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Pe­ter Hand­ke le­sen.

Zie­rer: Ich bin mir nicht si­cher, ob Hand­ke leich­ter zu ver­ste­hen ist als Schil­ler. Goe­the, Schil­ler oder Hand­ke zu le­sen, ist wich­tig. Das be­deu­tet aber, dass die Le­se­kom­pe­tenz der Schü­ler kräf­tig ge­för­dert wer­den muss. Man­che Di­gi­ta­li­sie­rungs-Eu­pho­ri­ker wür­den nun sa­gen: Al­les nicht so schlimm. In Zu­kunft braucht man nicht mehr le­sen, es gibt ja Apps, die ei­nem vor­le­sen!

Der Trend geht zum Au­dio­vi­su­el­len. Zie­rer: Das Le­sen geht zu­rück, und un­be­strit­ten führt das zu ei­ner Ver­fla­chung des Den­kens, das ist das gro­ße Pro­blem.

Wer­den wir in 20 Jah­ren über­haupt noch sel­ber le­sen? Oder wird uns tat­säch­lich al­les vor­ge­le­sen wer­den – wie heu­te be­reits, wenn wir Sprachas­sis­ten­ten nut­zen und sa­gen: „Ale­xa, was hat US-Prä­si­dent Trump denn wie­der get­wit­tert?“

Zie­rer: Un­ter Um­stän­den wird die Ge­sell­schaft aus­ein­an­der­drif­ten. Wir wer­den ei­ne Grup­pe von Men­schen ha­ben, die we­nig le­sen und di­gi­ta­le Me­di­en un­re­flek­tiert nut­zen. Die­se Grup­pe ist ma­ni­pu­lier­bar. An­de­ren wird ana­lo­ges Le­sen, auch kri­ti­scher Jour­na­lis­mus, wich­tig sein. Wir müs­sen es heu­te hin­be­kom­men, di­gi­ta­le Me­di­en sinn­voll zu nut­zen.

Das heißt?

Zie­rer: Zu­vor das noch: Ich hal­te die di­gi­ta­le Welt nicht für Teu­fels­zeug. Ich bin aber über­zeugt da­von, dass wir ler­nen müs­sen, mit ihr um­zu­ge­hen. Das war beim Me­di­um Buch oder dem Me­di­um Zei­tung nicht an­ders. Wie blei­be ich Herr über die Tech­nik? Mir geht es um Me­dien­er­zie­hung. Wir ha­ben es heu­te al­ler­dings mit ei­ner grö­ße­ren Her­aus­for­de­rung zu tun, weil die di­gi­ta­le Tech­nik ma­ni­pu­la­ti­ver ist, ein grö­ße­res Ablen­kungs­po­ten­zi­al hat und viel schwie­ri­ger zu kon­trol­lie­ren ist.

Al­so kon­kret: Wür­de Me­di­en­kun­de als Un­ter­richts­fach hel­fen?

Zie­rer: Ich hal­te Lehr­plan­dis­kus­sio­nen für wich­tig. Ich bin aber da­ge­gen, noch ein Fach drauf­zu­sat­teln. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir die Schu­le nicht über­for­dern und über­frach­ten. In Bay­ern ist Me­dien­bil­dung ei­ne fä­cher­über­grei­fen­de Auf­ga­be. Wir ha­ben im­mer mit Me­di­en zu tun, in­so­fern kann man Me­dien­bil­dung an je­des Fach an­bin­den. Wenn wir „Me­di­en­kun­de“ein­füh­ren woll­ten, müss­te ein an­de­res Fach wei­chen. Ich wür­de hier aber noch ei­ne an­de­re Dis­kus­si­on ein­for­dern: Wir brau­chen mehr Kunst, Mu­sik und Sport in der Schu­le! Der Mensch hat ei­nen Kör­per nicht nur, da­mit er sei­nen Kopf spa­zie­ren trägt. Zu­mal wir viel sit­zen, sechs St­un­den täg­lich im In­ter­net sur­fen, un­se­re Au­gen ein­sei­tig be­las­ten.

Ta­blets im Un­ter­richt?

Zie­rer: Auf kei­nen Fall zum Schrift­sprach­er­werb und zum Le­sen­ler­nen, da wür­den wir den Kin­dern mehr scha­den, als dass es ih­nen nut­zen wür­de.

Was ra­ten Sie dann El­tern?

Zie­rer: Ich glau­be, El­tern sind manch­mal na­iv, wenn sie et­wa sa­gen: Was soll schon schief­ge­hen, wenn wir den Kin­dern ein Han­dy ge­ben? Dann gibt es aber kein Zu­rück mehr, und es ist schwie­rig, Re­geln ein­zu­füh­ren. Da­her ist es not­wen­dig, El­tern früh­zei­tig auf­zu­klä­ren – und da kann Schu­le ein wich­ti­ges An­ge­bot ma­chen. Ich ra­te El­tern: Las­sen Sie Ih­re Kin­der nicht zu früh an die­se Tech­nik und las­sen Sie sie nicht mit di­gi­ta­len Me­di­en al­lein!

Be­reits jetzt ist es mög­lich, mit­hil­fe ei­ner EEG-Hau­be auf dem Kopf durch die Kraft sei­ner Ge­dan­ken Wör­ter am Com­pu­ter zu schrei­ben …

Zie­rer: …und ge­wiss wird es ei­nes Ta­ges auch die Mög­lich­keit ge­ben, Din­ge in sein Hirn zu trans­fe­rie­ren. Man könn­te sich dann das Aus­wen­dig­ler­nen spa­ren. Ein Hor­ror­sze­na­rio! Denn Bil­dung meint nicht das, was man aus mir ge­macht hat. Bil­dung meint, was ich aus mei­nem Le­ben ge­macht ha­be. Nichts we­ni­ger als die Fra­ge „Wer ist der Mensch?“steht zur Dis­kus­si­on.

Pro­fes­sor Klaus Zie­rer, 1976 in Vils­bi­burg ge­bo­ren, ist In­ha­ber des Lehr­stuhls Schul­päd­ago­gik an der Uni Augs­burg.

Fotos: pic­tu­re al­li­an­ce, dpa; Zie­rer/Uni Augs­burg

Schon jun­ge Kin­der nut­zen Smart­pho­nes. Für Klaus Zie­rer ist das pro­ble­ma­tisch. Er hält die di­gi­ta­le Welt zwar „nicht für Teu­fels­zeug“– ist aber über­zeugt da­von, „dass wir ler­nen müs­sen, mit ihr um­zu­ge­hen“.

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