Be­trifft: Ster­be­bild­chen

Donau Zeitung - - Wochenend Journal -

48 ZEI­LEN ZUM WO­CHE­N­EN­DE

Neu­lich mal wie­der aus ak­tu­el­lem An­lass (und weil No­vem­ber ein Scheiß-Mo­nat ist) Ster­be­bild­chen in der Hand und vor Au­gen ge­habt. Samt erst mal er­nüch­tern­der Da­ten: 28.10., 15.11., 21.11. – da gin­gen sie, und zu­rück bleibt aber un­ter an­de­rem und an­fangs, wenn der Schmerz noch groß ist, fast über­se­hen, weil so ba­nal, die­se letz­te Vi­si­ten­kar­te, ein Stück Pa­pier. Und ein Stück Trost. Ich mei­ne je­den­falls, es muss Pa­pier sein, weil nur die­ses in der Zeit steht, nach und nach ver­krum­pelt und ver­gilbt und da­mit an­zeigt, von die­ser Welt zu sein – und da­mit gleich­zei­tig end­lich wie der Mensch, an den es er­in­nert. Und den, der er­in­nert, an sel­bi­ges ge­mahnt. Tu quo­que. Und genau des­we­gen tut es ir­gend­wie gut.

Tröst­lich je­den­falls auch, dass der Ge­brauch die­ser her­kömm­li­chen Ster­be­bild­chen selbst in Zei­ten der Cloud als di­gi­ta­les Him­mels­sub­sti­tut noch halb­wegs un­ge­bro­chen scheint. Und die­se in der Re­gel noch nicht von Goog­le, Face­book und App­le prä­sen­tiert wer­den, weil selbst ein Ster­ben eben nicht in 1 (Vi­tal­funk­tio­nen okay) und 0 (nix mehr) ge­fasst wer­den kann, son­dern das Schwin­den, Ge­hen, eben ein Über­gang ist. Mit an­de­ren Wor­ten: Wir voll­zie­hen im Nach­hin­ein ein biss­chen mit, dass es sich stets um Ma­te­rie han­delt, aber nicht nur. Denn mer­ke: Die In­ter­ak­ti­on von be­druck­tem Zell­stoff mit sei­ner je­wei­li­gen Um­welt kön­nen wir vi­el­leicht phy­si­ka­lisch, bio­che­misch Schritt für Schritt be­schrei­ben, um die gan­ze Un­ge­heu­er­lich­keit auf den Be­griff zu be­kom­men, bleibt uns aber al­len­falls ei­ne Me­ta­pher, de­rer kein Über­set­zungs­pro­gramm Herr wird. Und eben das Ster­be­bild­chen. Die Ver­nied­li­chungs­form (war­um Bild­chen?) mag da­bei vi­el­leicht noch von ei­ner Schutz­funk­ti­on zeu­gen, das Bild, die­ses Stück Pa­pier zeugt aber vor al­lem da­von, dass da je­mand war – und, im dop­pel­ten Wort­sin­ne, ver­bli­chen ist. (cim)

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