Fut­ter für die Bes­tie

Am Lan­des­thea­ter Schwa­ben ist „Der Rei­sen­de“das Stück zur rech­ten Zeit

Donau Zeitung - - FEUILLETON - VON MICHA­EL DUMLER

Mem­min­gen „Was bin ich ei­gent­lich? Ein Schimpf­wort auf zwei Bei­nen, dem man es nicht an­sieht, dass es ein Schimpf­wort ist!“Ot­to Sil­ber­mann ist ein jü­di­scher Kauf­mann, der durch den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror sei­ne Fir­ma, sein Zu­hau­se und sei­ne Fa­mi­lie ver­liert und ori­en­tie­rungs­los mit dem Zug durch Deutsch­land reist. In dem erst­mals 1939 in En­g­land ver­öf­fent­lich­ten Ro­man „The Man Who Took Trains“be­schreibt Ul­rich Alex­an­der Bo­schwitz mit der Fi­gur des Ot­to Sil­ber­mann ein­dring­lich, was es heißt, al­les zu ver­lie­ren, auf der Flucht und in stän­di­ger Er­war­tung von Ver­rat, Ver­haf­tung, Ge­walt oder Tod zu sein. Der Ver­le­ger Pe­ter Graf hat den Ro­man wie­der­ent­deckt und 2018 un­ter dem Ti­tel „Der Rei­sen­de“in Deutsch­land her­aus­ge­bracht. Wie er­schre­ckend ak­tu­ell er ist, zeigt das Lan­des­thea­ter Schwa­ben in Mem­min­gen in ei­ner pa­cken­den Büh­nen­fas­sung.

Es ist ein Stück zur sprich­wört­lich rech­ten Zeit, in der hier­zu­lan­de Rechts­ra­di­ka­le und Rechts­ex­tre­me den ge­sell­schaft­li­chen Frie­den, die

De­mo­kra­tie und den Rechts­staat be­dro­hen. So hat In­ten­dan­tin Kathrin Mäd­ler, zu­gleich Re­gis­seu­rin des „Rei­sen­den“, ein po­li­tisch­kämp­fe­ri­sches Spiel­zeit­mot­to aus­ge­ge­ben: „Es kommt dar­auf an“. Im Kl­ar­text: In Zei­ten wie die­sen ist es wich­tig, po­li­tisch Hal­tung zu zei­gen, dem rech­ten Ter­ror die Stirn zu bie­ten, zu­sam­men­zu­ste­hen und dem brau­nen Sumpf Ein­halt zu ge­bie­ten.

Braun und trist ist die Welt, in der Ot­to Sil­ber­mann lebt: Braun sind Schu­he, Strümp­fe, Ho­sen, Ja­cken,

Klei­der, Rö­cke, Kra­wat­ten. Die Men­schen tra­gen ih­ren Schei­tel links, ha­ben sich ihr stroh­blon­des Haar streng nach rechts ge­kämmt. Nicht auf­fal­len, nicht jü­disch aus­se­hen, lau­tet 1938 die De­vi­se nach den No­vem­ber­po­gro­men. „Das deut­sche Volk wird mit Ju­den­blut zu­sam­men­ge­klebt“, sagt Find­ler, ein Ari­er, der die Not­la­ge Sil­ber­manns aus­nützt und sich des­sen Haus un­ter den Na­gel reißt.

Dra­ma­tur­gin An­ne Ve­re­na Frey­bott hat den Ro­man klug be­ar­bei­tet.

Sie kom­bi­niert Dia­lo­ge mit Er­zähl­pas­sa­gen, naht­los geht es oft vom Ich zum Er. Klaus Phil­ipp über­zeugt als bie­de­rer Kauf­mann, der zu ei­ner aben­teu­er­li­chen Rei­se ge­zwun­gen wird und stau­nend die Auf­lö­sung sei­ner Exis­tenz be­ob­ach­tet. Sein ari­scher Freund und Ge­schäfts­part­ner ent­puppt sich als Lump, sein in Pa­ris le­ben­der Sohn als Ent­täu­schung. Selbst der Sch­wa­ger, zu dem sei­ne Frau floh, weist ihn ab: „Du kom­pro­mit­tierst uns! El­frie­de kann blei­ben. Schließ­lich ist sie mei­ne Schwes­ter, aber du…“Sol­che Wor­te tref­fen wie Gift­pfei­le. Mü­he­los und vir­tu­os schlüp­fen die an­de­ren fünf Darstel­ler in di­ver­se Rol­len, fun­gie­ren als Er­zäh­ler und Chor.

Wie Sil­ber­mann sei­ne Iden­ti­tät, Men­schen­wür­de und sei­nen Ver­stand ver­liert, geht un­ter die Haut. Ge­ra­de­zu Sen­sa­tio­nel­les bie­tet da­bei die Ko­s­tüm- und Büh­nen­bild­ne­rin Ma­rei­ke De­laquis-Porsch­ka: Der Büh­nen­bo­den ist zu­nächst aus­ge­legt mit Bal­lon­stoff. Im Lau­fe der zwei­stün­di­gen Ins­ze­nie­rung (oh­ne Pau­se) bläht er sich auf. Ir­gend­wann wa­ten die Men­schen durch auf­ge­bla­se­ne Schläu­che und ver­ste­cken sich auch da­hin­ter. Ganz am En­de der Trans­for­ma­ti­on füllt ei­ne rie­si­ge sit­zen­de Bes­tie – ir­gend­wo zwi­schen deut­schem Schä­fer­hund und Wolf – die Büh­ne aus und fletscht die Zäh­ne. Gleich­gül­tig­keit und Mut­lo­sig­keit, Ego­is­mus und Gier ha­ben sie groß und fett wer­den – und Ot­to Sil­ber­mann ver­schwin­den las­sen. O Wei­te­re Ter­mi­ne In Mem­min­gen wie­der am 23. No­vem­ber, 7., 8. und 16. Ja­nu­ar; Gast­spiel in Lands­berg am 9. No­vem­ber.

Fo­to: Mo­ni­ka Fors­ter/LTS

Ste­tig bläht sich das Mons­ter: Ot­to Sil­ber­mann (Klaus Phil­ipp, links) fin­det kei­nen Aus­weg.

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