„Glück kann man nicht her­stel­len“

Der be­lieb­te Au­tor Axel Ha­cke er­klärt, was für ihn ein ge­lun­ge­nes Le­ben ist und war­um er Men­schen be­nei­det, die nicht so viel nach­den­ken

Donau Zeitung - - Bayern - In­ter­view: Jo­sef Karg

Herr Ha­cke, Wal­ter We­mut heißt die Ti­tel­fi­gur Ih­res Buchs „Wo­zu wir da sind“. Wie ka­men Sie auf den Na­men? Axel Ha­cke: Ach wis­sen Sie, so et­was fällt ei­nem ein – und dann ist es da. Ich sit­ze nicht ewig lan­ge und über­le­ge, son­dern We­mut war plötz­lich vor­han­den. Das ist nicht kal­ku­liert. Mit ei­nem Mal steht er da und dann weiß man, dass er so hei­ßen muss.

Wal­ter We­mut ist ja ein Au­tor von Nach­ru­fen. Er soll plötz­lich ei­ne Lau­da­tio über ein ge­lun­ge­nes Le­ben schrei­ben und scheint über­for­dert. War­um fällt es uns leich­ter, über das Miss­lin­gen als über das Ge­lin­gen zu schrei­ben? Ha­cke: Stimmt, das Ne­ga­ti­ve geht uns in Deutsch­land bes­ser von der Hand. Über das Ka­put­te und falsch Ge­lau­fe­ne fällt es leich­ter zu schrei­ben als über das, was rich­tig ge­gan­gen ist. Und so kommt es dann ja auch in dem Buch. We­mut fällt ganz viel ein über Freund­schaf­ten, die in die Brü­che ge­gan­gen sind, gan­ze Le­bens­läu­fe, die ge­schei­tert sind. We­mut ver­sucht dar­aus aber et­was zu ler­nen. Er denkt dar­über nach, wie man es bes­ser ma­chen kann.

Hängt es da­mit zu­sam­men, dass man über das Miss­lun­ge­ne das Ge­lun­ge­ne bes­ser er­ken­nen kann?

Ha­cke: Zu­nächst muss man de­fi­nie­ren, was ge­lun­gen über­haupt heißt. Das kann für den ei­nen be­deu­ten, dass er viel Geld hat und im Be­ruf er­folg­reich ist. Aber We­mut fragt sich, ob es das We­sent­li­che ist oder was es da sonst noch an­de­res ge­ben könn­te. Um zu ei­nem Er­geb­nis zu kom­men, muss man die Din­ge von al­len Sei­ten be­trach­ten. In Wahr­heit kann ge­lun­gen be­deu­ten, in ei­ner gu­ten Wei­se mit Schick­sals­schlä­gen um­zu­ge­hen, die ei­nem be­geg­nen.

Sie selbst neh­men sich ja auch ger­ne Er­klär­bü­cher zu den gro­ßen Fra­gen des Le­bens vor. Was reizt Sie dar­an? Ha­cke: Och, das hat mich schon im­mer ge­reizt. Ich ha­be nur mit 35 oder 40 Jah­ren noch nicht das Ge­fühl ge­habt, dass ich da­zu viel zu sa­gen ha­be. Das ist mit 63 an­ders. Da hat man mehr er­lebt, mehr an Schei­tern und Ge­lin­gen ge­se­hen und im bes­ten Fall auch et­was be­grif­fen. Al­so, man ist dem Le­ben ge­gen­über et­was de­mü­ti­ger.

Ihr Buch ist ein ein­zi­ger Mo­no­log. War­um ha­ben Sie die­se Form ge­wählt? Ha­cke: Das war der ers­te Ge­dan­ke. Ich woll­te, dass man sich ei­ne Si­tua­ti­on vor­stellt, bei der ein Mann auf ei­nem Stuhl sitzt und re­det. Zu­nächst ein­mal war es mir wich­tig, wie er das macht. So ist die­ser Cha­rak­ter ei­nes as­so­zia­tiv, sprung­haft den­ken­den Men­schen ent­stan­den, der viel quer­beet liest und auf vie­les zu­rück­grei­fen kann. Es ist aber ei­ner, der manch­mal Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen hat und nicht im­mer bei der Sa­che blei­ben kann.

Je­der sehnt sich nach ei­nem ge­lun­ge­nen Le­ben. Aber das zu füh­ren, ist gar nicht so leicht, oder?

Ha­cke: Nein. Je­der hat ei­ne an­de­re Aus­gangs­po­si­ti­on. Für man­che ist das Le­ben ganz leicht. Vi­el­leicht auch des­we­gen, weil sie nicht so viel dar­über nach­den­ken. Das fin­de ich sehr be­nei­dens­wert. Ein­fach le­ben, oh­ne in die Tie­fe ge­hen zu müs­sen. Ich kann das nicht, aber das ist ja nicht schlimm. Es geht halt im Le­ben dar­um, aus der ei­ge­nen Aus­gangs­po­si­ti­on das Bes­te zu ma­chen.

Was ist denn für Herrn Ha­cke Glück? Ha­cke: Na ja, über den Be­griff gibt es gan­ze Sei­ten im Buch. Wir le­ben in ei­ner Ge­sell­schaft, in der die Men­schen dau­ernd glück­lich sein wol­len. Ich glau­be aber, Glück ist nicht un­be­dingt et­was, das man ein­fach so her­stel­len kann. Es ist eher so, wie Sig­mund Freud ge­schrie­ben hat: Glück ist et­was, das ei­nen plötz­lich über­fällt.

Sie ha­ben es ge­schafft und ver­brach­ten ja ei­nem an­de­ren Buch zu­fol­ge auch schon Ta­ge mit Gott. Was meint der denn zu ei­nem ge­lun­ge­nen Le­ben? Ha­cke: Der Gott in mei­nem Buch hat ja Schwie­rig­kei­ten, sein ei­ge­nes Le­ben als ge­lun­gen zu be­trach­ten, weil er das Ge­fühl hat, dass vie­les in sei­ner Schöp­fung schief­ge­gan­gen ist. Aber mit dem Schei­tern muss man halt um­ge­hen. Wich­tig ist es, über­haupt ein­mal et­was ge­macht zu ha­ben.

Das könn­te auch ein Pa­ra­me­ter für ein ge­lun­ge­nes Le­ben sein: et­was ge­macht zu ha­ben.

Ha­cke: Ja, die­se ak­ti­ve Ver­bin­dung ins Le­ben ge­fun­den zu ha­ben, das ist wich­tig. Nicht: Ich muss, ich muss, ich muss, son­dern: Ich will … Das gilt es her­aus­zu­fin­den, ein Ge­fühl da­für zu be­kom­men, was man ei­gent­lich möch­te. Da muss nicht al­les glatt­ge­hen. Es ist wich­tig, sich Er­fah­run­gen aus­zu­set­zen.

Wel­che Rol­le spielt in Ih­rem Le­ben das Schrei­ben? Was fas­zi­niert Sie mehr: das Ge­lin­gen oder das Schei­tern?

Ha­cke: Für mich ist Schrei­ben erst ein­mal das Ein­zi­ge, was ich kann. Ich kann nicht ma­len, bin öko­no­misch nicht be­gabt. Ich kann halt schrei­ben. Das ist mei­ne Be­ga­bung und die ver­su­che ich zu ent­wi­ckeln. Es gibt Ta­ge, da ge­he ich be­schwingt ins Bü­ro und kom­me als ge­bro­che­ner Mann heim. Und es gibt das Um­ge­kehr­te. Da kommt man dann bes­tens ge­stimmt zu­rück, weil al­les ge­klappt hat. Ich miss­traue üb­ri­gens Men­schen, die mir sa­gen, sie sei­en beim Schrei­ben im­mer glück­lich.

Ge­hört zu ei­nem ge­lun­ge­nen Le­ben ei­gent­lich ein Haus im Chiem­gau? Ha­cke: Nein, na­tür­lich nicht. Aber es ist trotz­dem schön, wenn man es hat. Al­ler­dings ha­be ich kei­nes, bloß ei­ne klei­ne Woh­nung dort.

Wenn jus­ta­ment jetzt Schluss wä­re und Sie müss­ten Bi­lanz zie­hen, was stün­de da drun­ter: Ge­lun­ge­nes Le­ben? Er hat sich be­müht? Oder: Hof­fent­lich ist es das letz­te Le­ben!

Ha­cke: Im Mo­ment fin­de ich mein Le­ben ganz toll. Ich ha­be ei­ne wun­der­ba­re Frau und groß­ar­ti­ge Kin­der und En­kel und ein paar wirk­lich gu­te Freun­de, auf die ich mich ver­las­sen kann. Das sind Din­ge, die mich schon sehr freu­en. Da ha­be ich das Ge­fühl, ir­gend­et­was hast du hin­ge­kriegt.

Axel Ha­cke, 63, ist Au­tor und lebt in Mün­chen. Er wur­de un­ter an­de­rem be­kannt mit sei­nen Ko­lum­nen über den Kühl­schrank „Bosch“und dem Buch „Der klei­ne Er­zie­hungs­be­ra­ter“.

Fo­to: Mat­thi­as Be­cker

Der Au­tor Axel Ha­cke be­schäf­tigt sich in sei­nem neu­en Buch „Wo­zu wir da sind“mit den gro­ßen Fra­gen des Le­bens.

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