Bü­cher vol­ler Ver­miss­ter

Baye­ri­sche Ak­ten die­nen der For­schung

Donau Zeitung - - BAYERN - VON JU­LI­AN WÜRZER

Mün­chen Ta­ma­ra galt als le­bens­fro­he jun­ge Frau, oh­ne Schwer­mut, oh­ne Lie­bes­kum­mer. Doch am 29. Mai 1959 kehr­te sie nicht mehr heim. Das letz­te Mal le­bend wur­de die 19-Jäh­ri­ge am Ode­ons­platz in Mün­chen ge­se­hen. Sie stieg in ein Au­to. Ei­nen Tag spä­ter mel­de­te ih­re Mut­ter sie als ver­misst. „Streu­ne­rin“, schrieb ein Po­li­zist als Zu­satz in das Ver­miss­ten­buch. Doch es war an­ders.

Der Fall der 19-jäh­ri­gen Ta­ma­ra steht in ei­nem Buch, das rand­voll ist mit Schick­sa­len von ver­miss­ten Per­so­nen. Bis 1988 hiel­ten Po­li­zis­ten die An­zei­gen ana­log fest. In den Jah­ren zwi­schen 1926 und 1985 füll­te das baye­ri­sche Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) 57 di­cke Wäl­zer mit tau­sen­den Ver­miss­ten­an­zei­gen aus ganz Bay­ern. „Die meis­ten Ver­miss­ten wer­den le­bend wie­der­ge­fun­den, ein­zel­ne Fäl­le en­den tra­gisch“, be­rich­te­te der Di­rek­tor des baye­ri­schen Haupt­staats­ar­chivs, Ger­hard Für­metz.

Seit Di­ens­tag die­nen die Ver­miss­ten­bü­cher der For­schung. Das BLKA über­gab die Auf­zeich­nun­gen an das baye­ri­sche Haupt­staats­ar­chiv und das Staats­ar­chiv Mün­chen. Dort kön­nen et­wa Wis­sen­schaft­ler, Ah­nen­for­scher oder Jour­na­lis­ten dar­auf zu­rück­grei­fen.

Im ver­gan­ge­nen Jahr re­gis­trier­te die Po­li­zei im Frei­staat 11000 Ver­miss­ten­fäl­le. Vor mehr als 30 Jah­ren wa­ren es rund 6400 An­zei­gen und im Jahr 1952 le­dig­lich 1000. Lud­wig Wal­din­ger, Pres­se­spre­cher des LKA, führt die an­stei­gen­de Zahl auf ei­ne grö­ße­re Wach­sam­keit der Be­völ­ke­rung zu­rück. Ge­ra­de bei äl­te­ren Men­schen hät­ten An­ge­hö­ri­ge frü­her erst sel­ber ge­sucht, ehe sie die Po­li­zei ver­stän­dig­ten. Der Flücht­lings­zu­zug in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zei­ge eben­falls Ein­fluss auf die Zah­len. Im Jahr 2013 wur­den rund 800 Kin­der ge­mel­det, 2017 wa­ren es drei­mal so viel. Müt­ter, die ih­re Kin­der bei der Ein­rei­se aus den Au­gen ver­lo­ren hat­ten, hät­ten ver­zwei­felt ge­sucht.

Ta­ma­ras Mut­ter such­te auch ver­zwei­felt. Ei­ne Wo­che, nach­dem sie die An­zei­ge auf­gab, wur­de die 19-Jäh­ri­ge tot aus der Isar ge­bor­gen. Sie war er­trun­ken. Spä­ter stell­te sich her­aus, dass Ta­ma­ra Selbst­mord be­gan­gen hat­te, weil ih­re Schau­spie­ler­kar­rie­re ge­schei­tert war.

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