Das Pro­blem mit der See­le

Wenn ein Rap-Su­per­star wie Kanye West zu Gott fin­det – gibt das dann gu­te Mu­sik? Und was pas­siert, wenn ei­nem Soul-Star wie Ki­wa­nu­ka das Be­seel­te aus­ge­trie­ben wird?

Donau Zeitung - - FEUILLETON - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

In­brüns­ti­ge, er­ha­be­ne und wuch­ti­ge Chö­re sind ja im­mer gut. Das klingt schnell ganz se­lig und sou­lig. Es gibt al­so viel schö­ne Chö­re auf den neu­en Al­ben von Kanye West und Micha­el Ki­wa­nu­ka, der ei­ne Rap-Su­per­star, der an­de­re die tolls­te Er­schei­nung des neu­en Soul seit dem tra­gi­schen Ab­le­ben von Amy Wi­ne­hou­se.

Aus­ge­rech­net Kanye, der einst­mals bö­se Bu­be und Part­ner von Po­po-Kö­ni­gin Kim Kar­da­shi­an, zeigt sich in „Je­sus is King“als Be­kehr­ter. Und Micha­el führt auf „Ki­wa­nu­ka“mit pro­mi­nen­ter Un­ter­stüt­zung fort, was er auf dem sen­sa­tio­nel­len Al­bum „Lo­ve & Ha­te“2016 ge­pre­digt hat­te: die Be­see­lung des All­tags.

Es könn­ten al­so zwei ech­te Sen­sa­tio­nen im ak­tu­el­len PopGe­schäft sein, was der re­li­gi­ös rap­pen­de Ame­ri­ka­ner und der se­lig ma­chend sin­gen­de Bri­te ser­vie­ren – wä­re da nicht das Pro­blem mit der See­le. Und wür­de ih­nen da nicht ei­ne New­co­me­rin die Schau steh­len. Aber im­mer der Rei­he nach.

Im Fall von Kanye West könn­te die Po­se mal wie­der nicht grö­ßer sein. Ja, der in­zwi­schen 42-Jäh­ri­ge hat dem Hip-Hop schon reich­lich Mei­len­stei­ne be­schert – et­wa die Ein­füh­rung des heu­te all­seits ge­bräuch­li­chen Stimm­ver­zer­rens mit Au­to­tu­ne. Jetzt aber hat er statt des be­reits an­ge­kün­dig­ten, auf­grund von Star-Kol­la­bo­ra­tio­nen bei­spiels­wei­se mit Tim­ba­land und Ni­cki Mi­naj heiß er­war­te­ten, aber im­mer wie­der ver­scho­be­nen neun­ten Stu­dio­al­bums „Yandhi“kurz­fris­tig „Je­sus is King“ver­öf­fent­licht – und wird dar­auf Pre­di­ger. Ab­ge­se­hen da­von, dass er er­zählt, der Herr ha­be ihn per­sön­lich aus den mo­ra­li­schen Un­tie­fen er­ret­tet: Es ist ja erst mal kei­ne schlech­te Idee, ein Hip-Hop-Al­bum auf ein Gos­pel-Fun­da­ment zu stel­len und da­mit tief in die Tra­di­ti­on. Al­so sin­gen die Chö­re „Hal­le­lu­ja“, und Kanye rappt da­zwi­schen ei­ne knap­pe hal­be St­un­de un­ent­wegt über God („God is“) und Je­sus („Je­sus is Lord“). Im Vi­deo hält er so­gar ei­nen Got­tes­dienst in der Wüs­te ab, selbst wie der Mes­si­as wir­kend.

Aber er be­weist bei wie im­mer ziem­lich per­fek­ten Sounds nur, dass ein Kli­schee meist doch stimmt: Rap wie Rock wir­ken mit jün­ge­rer Wut und hei­ßem Her­zen bes­ser als mit äl­te­rer Weis­heit. Und die Vir­tuo­si­tät von zu­letzt Kend­rick La­mars „To Pimp a But­ter­fly“er­reicht er trotz Sa­xo­fon-So­li („Use This Gos­pel“) nicht. Wenn al­les we­nigs­tens so wä­re wie das hüb­sche „Fol­low God“, net­ter Old-School-Hip-Hop! So aber hat­te Kanye West als bö­ser Bu­be weit­aus mehr See­le.

Bei Ki­wa­nu­ka da­ge­gen wirkt al­lein die Stim­me so be­seelt, dass er ei­gent­lich kaum et­was braucht, um ans Tiefs­te und Höchs­te zu rüh­ren. Und das ist auf „Ki­wa­nu­ka“nun sein Pro­blem mit der See­le. Denn der 32-Jäh­ri­ge hat sich StarPro­du­zent Dan­ger Mou­se an Bord ge­holt, der ger­ne auf vie­len Spu­ren und auch mit Six­ties- oder Wes­tern-Sounds ar­bei­tet. Und wenn Ki­wa­nu­ka zu Be­ginn in „You Ain’t the Pro­blem“nur ein biss­chen singt, mag man ent­geg­nen: Ja, das Pro­blem bist nicht du, es ist der all­zu oft auf­dring­li­che, lär­mi­ge Sound. Kein Platz für die See­le zum At­men. Die­ser kommt dann zwar spä­ter bei Bal­la­den wie „So­lid Ground“noch ein biss­chen, und auch klas­si­sches Soul-Mid­tem­po ge­lingt mal re­du­ziert („Li­ving in De­ni­al“) – aber für die Grö­ße die­ser Stim­me ist das deut­lich zu we­nig, zu we­nig See­le… Bei dem ei­nen al­so stimmt der In­halt nicht, bei dem an­de­ren die Form. Ei­ne 20-Jäh­ri­ge macht den bei­den nun mit ih­rem ers­ten Al­bum vor, wie bei­des zu­sam­men­kommt. Die Ame­ri­ka­ne­rin King Prin­cess klingt ein biss­chen wie La­na Del Rey – und ent­fal­tet auf „Cheap Queen“ei­nen ein­dring­lich quee­ren Pop, der ei­ne Sen­sa­ti­on ist. Und trau­rig er­zählt sie auch nur vom sehn­süch­ti­gen Blick auf das dun­kel blei­ben­de Smart­pho­neDis­play („Watching My Pho­ne“) – sehr schön!

Foto: Brent Clar­ke, dpa

Kanye West

Foto: Oli­via Ro­se, Uni­ver­sal

Micha­el Ki­wa­nu­ka

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