Deutsch­land muss weg von der Sei­ten­li­nie

Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin will ei­nen Na­tio­na­len Si­cher­heits­rat grün­den. War­um die­ser Vor­schlag von Kramp-Kar­ren­bau­er gut ist

Donau Zeitung - - Meinung & Dialog - VON MAR­GIT HUFNAGEL [email protected]­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Man kann An­ne­gret Kramp­Kar­ren­bau­er viel vor­wer­fen – aber nicht, dass sie den ein­fa­chen Weg geht. Wäh­rend sich der Sturm, der seit ih­rem Vor­stoß zu ei­ner Si­cher­heits­zo­ne in Nord­sy­ri­en über sie hin­weg­fegt, lang­sam legt, geht sie in die nächs­te Of­fen­si­ve. In ei­ner si­cher­heits­po­li­ti­schen Grund­satz­re­de stell­te die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin klar, dass sich Deutsch­land auf ei­ne neue Rol­le ein­stel­len muss: Nicht mehr der Stän­ke­rer aus der letz­ten Bank, der den in­ter­na­tio­na­len Part­nern sagt, was sie al­les an­ders, al­so: bes­ser ma­chen soll­ten. Son­dern ein Land, das sich be­wusst ist, dass aus sei­ner schie­ren Grö­ße und Macht auch Ver­ant­wor­tung er­wächst. Und im Zwei­fel zu ro­bus­ten Mit­teln grei­fen muss, um Si­cher­heit, Frei­heit und Men­schen­rech­te zu ver­tei­di­gen. Es ist Zeit, die­ses The­ma öf­fent­lich und ganz grund­le­gend zu dis­ku­tie­ren.

Sie wis­se, dass ih­re Vor­schlä­ge zu ge­sell­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen füh­ren wer­den, sag­te An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ges­tern – das ist wohl noch harm­los aus­ge­drückt. Und Deutsch­land hat ja auch gu­te Grün­de, den Griff zur Waf­fe zu scheu­en. Der Pa­zi­fis­mus speist sich aus dem Wis­sen, dass Mi­li­tär­ein­sät­ze viel zu häu­fig nur zu­sätz­li­ches Leid schaf­fen und Frie­den kei­nes­wegs die lo­gi­sche Fort­set­zung von Kriegs­ein­sät­zen ist. Nicht um­sonst hat sich Deutsch­land welt­weit den Ruf des di­plo­ma­ti­schen Ex­per­ten er­wor­ben, der ge­ra­de durch sei­ne macht­po­li­ti­sche Zu­rück­hal­tung gro­ße Ach­tung ge­noss. Hin­zu kommt: Die Bun­des­wehr ist ei­ne Par­la­ments­ar­mee, die sich nicht ein­fach so mit ei­nem Marsch­be­fehl aus dem Mi­nis­te­ri­um in Be­we­gung set­zen lässt.

Und doch gibt es eben durch­aus Ar­gu­men­te, war­um die au­ßen­po­li­ti­sche Zu­rück­hal­tung auf Dau­er schwie­rig ist. Das wich­tigs­te: Die Welt hat sich schlicht ge­än­dert. Die Na­to ist in­ner­lich zer­ris­sen und be­ob­ach­te­te erst kürz­lich sprach­los, wie sich mit den USA und der Tür­kei zwei Mit­glieds­län­der an der sy­ri­schen Front feind­lich ge­gen­über­stan­den. Spä­tes­tens mit Do­nald Trump ver­ab­schie­det sich Ame­ri­ka von sei­ner Rol­le als Welt­po­li­zist und mischt sich nur noch dort ein, wo ei­ge­ne In­ter­es­sen di­rekt be­trof­fen sind. Russ­land will mit sei­nen Groß­macht­ge­lüs­ten die Welt den ei­ge­nen Vor­lie­ben ent­spre­chend ord­nen. Der Iran zün­delt im Na­hen Os­ten und könn­te da­mit schnell ei­nen Flä­chen­brand aus­lö­sen. Wer da nicht glaub­haft ver­si­chern kann, dass ro­te Li­ni­en ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen, wird nicht ernst ge­nom­men. In Zei­ten wie die­sen braucht es ei­ne wer­te­ba­sier­te Ori­en­tie­rungs­macht für den Wes­ten – das muss Eu­ro­pa sein. Doch oh­ne ein star­kes Deutsch­land wird auch die EU un­sicht­bar und schwach blei­ben.

Dass Ber­lin Au­ßen­po­li­tik kann, hat es im­mer wie­der be­wie­sen. Mit sei­ner Ost- und Ent­span­nungs­po­li­tik hat Wil­ly Brandt Gro­ßes, ja: Groß­ar­ti­ges ge­leis­tet. Die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung trägt die Hand­schrift deut­scher Po­li­ti­ker wie Kohl oder Gen­scher. Und ja: Auch Schrö­ders Nein zum Irak-Krieg war ei­ne kla­re Hal­tung. Heu­te aber be­fin­det sich der si­cher­heits­po­li­ti­sche Dis­kurs in ei­nem selt­sa­men Schwe­be­zu­stand. Die Ber­li­ner Po­li­tik wirkt ge­ra­de­zu hilf­los.

Dass die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin dies­mal kein Him­mel­fahrts­kom­man­do vor­schlägt, son­dern mit ei­nem Na­tio­na­len Si­cher­heits­rat ein In­stru­ment schaf­fen will, das erst ein­mal Struk­tu­ren auf­baut, ist zu be­grü­ßen. Viel zu wich­tig ist das The­ma, um es durch schlag­zei­len­träch­ti­ge Schnell­schüs­se und ver­zwei­fel­te Ver­su­che der Selbst­pro­fi­lie­rung zu be­schä­di­gen. Wer den Kurs der Bun­des­re­pu­blik ver­schie­ben will, trägt ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung – da darf nicht der Ein­druck ent­ste­hen, dass vor al­lem ei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re be­feu­ert wer­den soll.

Deutsch­land hat be­wie­sen, dass es Au­ßen­po­li­tik kann

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