„Auch die Men­schen­wür­de kann ster­ben“

Wie in der Kri­se 2015 als Be­ra­ter Mer­kels ver­sucht Ge­rald Kn­aus wie­der, die Po­li­tik von ei­nem Kon­zept für Mi­gra­ti­on zu über­zeu­gen. In Deutsch­land – aber auch in den USA. Denn das En­de der Flücht­lings­kon­ven­ti­on droht

Donau Zeitung - - Feuilleton - In­ter­view: Wolf­gang Schütz

Herr Kn­aus, in Ih­rem neu­en Buch ent­wi­ckeln Sie ein Kon­zept zum künf­ti­gen Um­gang mit Flucht und Mi­gra­ti­on. Sie schrei­ben: „An den Gren­zen zei­gen wir, wer wir sind und wer wir sein wol­len“– was mei­nen Sie da­mit? Ge­rald Kn­aus: Es greift zu kurz, wenn wir nur über Maß­nah­men und In­stru­men­te dis­ku­tie­ren. Viel grund­sätz­li­cher steht heu­te an un­se­ren Gren­zen die Idee der un­an­tast­ba­ren, in­di­vi­du­el­len Men­schen­wür­de all je­ner in­fra­ge, die Eu­ro­pa als Flücht­lin­ge oder ir­re­gu­lä­re Mi­gran­ten er­rei­chen. Auf die­sem Kon­zept baut die 1951 be­schlos­se­ne Flücht­lings­kon­ven­ti­on auf, die rund 140 Staa­ten un­ter­zeich­net ha­ben. Sie be­sagt, dass nie­mand, der be­grün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung hat, oh­ne Prü­fung der Schutz­be­dürf­tig­keit in ei­ne mög­li­che Ge­fahr zu­rück­ge­sto­ßen wird. Da­zu ver­langt der Re­spekt der Wür­de, dass Men­schen kein Mit­tel zum Zweck sein dür­fen. Wenn heu­te an den eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen An­kom­men­de so be­han­delt wer­den, dass ih­re Be­hand­lung an­de­re da­von ab­schre­cken sol­len, sich auf den Weg in die EU zu ma­chen, dann ist die­se Wür­de in Ge­fahr.

Zu se­hen et­wa kürz­lich auf Les­bos? Kn­aus: Was sich durch den Brand of­fen­bar­te, war lei­der we­ni­ger das Ver­sa­gen ei­ner eu­ro­päi­schen Po­li­tik der Ab­schre­ckung als der von man­chen Re­gie­run­gen er­wünsch­te zy­ni­sche Er­folg: es ent­stan­den Bil­der, die Men­schen da­von ab­hal­ten sol­len zu kom­men. Tat­säch­lich gab es über kei­ne hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe in den letz­ten Mo­na­ten so vie­le Ar­ti­kel und Be­rich­te in eu­ro­päi­schen Me­di­en wie über die La­ge auf Les­bos. Doch die­se Auf­merk­sam­keit führ­te zu kei­ner Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on. Es fehl­te auch nie an Geld. Die EU hat Grie­chen­land seit 2014 fast drei Mil­li­ar­den Eu­ro zu­ge­sagt. Es fehl­te der po­li­ti­sche Wil­le, ei­ner­seits die Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern und zum zwei­ten, in all den Jah­ren seit 2016 schnel­ler zu ent­schei­den, wer von den In­seln auf das Fest­land und wer in die Tür­kei zu­rück­ge­schickt wer­den soll. Seit März 2020 ist Letz­te­res gar nicht mehr mög­lich, und den­noch wur­den Zehn­tau­sen­de, dar­un­ter al­lein 6000 Kin­der un­ter zwölf Jah­ren, wei­ter auf den In­seln fest­ge­hal­ten. Das wirft die grund­sätz­li­che Fra­ge auf: Will die EU ih­re ei­ge­nen Ge­set­ze und Wer­te an ih­rer Gren­ze noch ver­tei­di­gen? Und kann sie das, oh­ne die Kon­trol­le zu ver­lie­ren? Da­von, wel­che Ant­wort Re­gie­run­gen auf die­se Fra­gen ge­ben wer­den, hängt ab, ob die Flücht­lings­kon­ven­ti­on zu ih­rem 70. Ge­burts­tag im nächs­ten Jahr nur noch von his­to­ri­schem In­ter­es­se ist, oder noch ernst ge­nom­men wird.

Aber auch hier­zu­lan­de fin­den Un­ter­gangs­mah­ner seit 2015 ja frucht­ba­ren Bo­den. Der neue Sar­ra­zin ist selbst­ver­ständ­lich wie­der ein Best­sel­ler… Kn­aus: Po­li­ti­ker müs­sen Ängs­ten vor ei­ner ver­meint­li­chen Mas­sen­ein­wan­de­rung und Kon­troll­ver­lust glaub­wür­dig ent­ge­gen­tre­ten. Das geht, denn die­se Angst­bil­der sind rei­ne Fik­ti­on. 2015 war ei­ne ab­so­lu­te Aus­nah­me­si­tua­ti­on, das Er­geb­nis ei­ner Flücht­lings­ka­ta­stro­phe, der sy­ri­schen, noch da­zu un­mit­tel­bar vor der Haus­tür Eu­ro­pas. Bli­cken wir je­doch auf die ir­re­gu­lä­re Mi­gra­ti­on aus Afri­ka nach Eu­ro­pa, dann spre­chen die Zah­len in den letz­ten Jahr­zehn­ten ei­ne an­de­re Spra­che. Un­garns Pre­mier Viktor Or­ban et­wa hat vor zwei Jah­ren ge­warnt, bis zum Jahr 2020 wür­den sich in Afri­ka 60 Mil­lio­nen Men­schen auf den Weg ma­chen, die Mehr­heit da­von nach Eu­ro­pa, al­so min­des­tens 30 Mil­lio­nen.

Tat­säch­lich liegt er da­mit um 99,5 Pro­zent falsch. Ins­ge­samt ist die Zahl der Men­schen, die re­gu­lär und ir­re­gu­lär aus Afri­ka nach Eu­ro­pa kom­men nicht hö­her als vor 25 Jah­ren. Wir bräuch­ten mehr re­gu­lä­re Mo­bi­li­tät, an­statt uns vor ei­ner ima­gi­nä­ren Mas­sen­mi­gra­ti­on auf­grund des Kli­ma­wan­dels oder des Be­völ­ke­rungs­wachs­tums in Afri­ka zu fürch­ten, die nicht kom­men wird. Auch der Be­griff des Mi­gra­ti­ons­drucks be­ruht auf ei­nem Irr­tum.

Ein Irr­tum?

Kn­aus: Im letz­ten Jahr sind 99 Pro­zent der Flücht­lin­ge in Afri­ka in Afri­ka ge­blie­ben. Mi­gra­ti­on ist auch kei­ne un­auf­halt­sa­me Macht. Tat­säch­lich lässt sich Mi­gra­ti­on fast im­mer stop­pen, und wird welt­weit ge­stoppt, lei­der meist mit Ge­walt. Es ist ein Teu­fels­kreis, denn die Ge­fahr, dass Po­li­ti­ker, die trotz ak­tu­ell nied

Zah­len mit apo­ka­lyp­ti­schen Sze­na­ri­en von Über­flu­tung und Ero­be­rung Angst ver­brei­ten, um dann die Zu­stim­mung ei­ner Mehr­heit zu Ge­walt und Ab­schre­ckung zu fin­den, ist groß. Selbst wenn dann die Zah­len sin­ken, ist die Fra­ge an eu­ro­päi­sche De­mo­kra­ten: Wol­len wir das? Oder gibt es ei­ne al­ter­na­ti­ve Po­li­tik, um Lei­den zu ver­mei­den, die trotz­dem mehr­heits­fä­hig ist?

Was müs­sen da die Leh­ren aus der Aus­nah­me­si­tua­ti­on 2015 sein?

Kn­aus: Wir brau­chen ei­ne Agen­da für die nächs­ten zehn Jah­re: Wir müss­ten welt­weit die Men­schen bes­ser iden­ti­fi­zie­ren, die in Not sind und in gro­ßer Zahl in Län­dern an­kom­men, die sie nicht ver­sor­gen kön­nen. Und die­se Län­der von Ugan­da über Jor­da­ni­en bis nach Ban­gla­desch ähn­lich di­rekt un­ter­stüt­zen, wie es die EU – wenn auch zu spät – in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der Tür­kei ge­macht hat. So be­sei­ti­gen wir die Flucht­ur­sa­chen, die auch in un­se­rer Hand lie­gen, die der Wei­ter­flucht. In­dem wir Be­din­gun­gen men­schen­wür­dig ge­stal­ten, in de­nen Schutz­be­dürf­ti­ge le­ben, die be­reits ein Erst­auf­nah­me­land er­reicht ha­ben. Die zwei­te Leh­re: Wenn Län­der Men­schen auf­neh­men, dann soll­te es durch Neu­an­sied­lun­gen or­ga­ni­siert wer­den, durch Ko­ali­tio­nen frei­wil­lig hel­fen­der Län­der.

Was droht bei ei­nem Schei­tern? Kn­aus: Tat­säch­lich sind die Län­der, die auf­grund der Flücht­lings­kon­ven­ti­on Schutz ge­wäh­ren, heu­te fast al­les Eu­ro­päi­sche, plus Ka­na­da – die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ha­ben sich un­ter Trump prak­tisch kom­plett aus der Hil­fe zu­rück­ge­zo­gen. Das klei­ne

Schwe­den mit sei­nen zehn Mil­lio­nen Ein­woh­nern et­wa hat in den letz­ten Jah­ren vier­mal mehr Men­schen auf­ge­nom­men als et­wa Chi­na, In­di­en, Ja­pan, Süd­ko­rea und In­do­ne­si­en zu­sam­men. Das heißt: Wir le­ben in ei­ner Welt, in der die Idee der Flücht­lings­kon­ven­ti­on welt­weit in Ge­fahr ge­rät, wenn Eu­ro­pa sich ab­wen­det.

Was tun?

Kn­aus: Um das zu ver­hin­dern, muss die Eu­ro­päi­sche Uni­on die­se Wer­te auf ih­rem ei­ge­nen Ter­ri­to­ri­um ernst neh­men. Tut sie das nicht, hat die Flücht­lings­kon­ven­ti­on kei­ne Zu­kunft. Dann wä­re das Flücht­lings­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen, UNHCR, bald in der Si­tua­ti­on, in der der Völ­ker­bund einst war: sei­ne Wer­te in der rea­len Po­li­tik nicht mehr ver­tei­di­gen zu kön­nen. Auch die Skla­ve­rei wur­de schon vor hun­dert Jah­ren vom Völ­ker­bund ver­ur­teilt – um dann im Drit­ten Reich und in Sta­lins Gu­lag an Dut­zen­den Mil­lio­nen von Men­schen wie­der­be­lebt zu wer­den. Al­le Wer­te sind ver­gäng­lich, wenn sie nicht ver­tei­digt wer­den. Auch die Men­schen­wür­de kann ster­ben.

Den Ängs­ten muss man, sag­ten Sie, zum ei­nen mit Fak­ten ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den. Was wä­re das an­de­re? Kn­aus: Ei­ne Stra­te­gie, mit der die Län­der, die die­se Wer­te tra­gen, zu­sam­men­fin­den und an­de­ren zei­gen, dass es ge­lin­gen kann, die Wür­de der Schutz­be­dürf­ti­gen zu wah­ren und die Kon­trol­le der Gren­zen zu ge­währ­leis­ten. Deutsch­land braucht da­zu Part­ner. Die ge­sam­te EU mit ih­ren 27 Mit­glieds­staa­ten wird das nicht sein. Aber ge­mein­sam mit den Mit­tel­ri­ger meer­an­rai­nern, zu­dem auch mit Län­dern wie Frank­reich, soll­te man sich dar­über ver­stän­di­gen, wie es ge­lingt, die Zahl der ir­re­gu­lär An­kom­men­den zu re­du­zie­ren. Wie schaf­fen wir es al­so, et­wa in Mal­ta je­man­den, der im zen­tra­len Mit­tel­meer in See­not ge­ra­ten ist, auf­zu­neh­men, aber dann auch in­ner­halb von Wo­chen zu ent­schei­den: Braucht die­se Per­son Schutz oder nicht? Und die, die kei­nen Schutz brau­chen, auch ab­zu­schie­ben, um ge­fähr­li­che Mi­gra­ti­on über das Mit­tel­meer für Nich­tSchutz­be­dürf­ti­ge mög­lichst zu re­du­zie­ren? Dar­um wer­be ich der­zeit in Ge­sprä­chen mit Ver­tre­tern fast al­ler deut­schen Par­tei­en.

Aber das Pro­blem ist ja ein glo­ba­les. Kn­aus: Dar­um muss es auch auf glo­ba­ler Ebe­ne dar­um ge­hen, sol­che Ko­ali­tio­nen zu fin­den. Et­wa mit Ka­na­da, das zu­letzt mit 30000 Flücht­lin­gen aus al­ler Welt glo­bal die meis­ten in ei­nem ge­ord­ne­ten Ver­fah­ren ins Land holt, da­von al­lein zwei Drit­tel durch pri­va­te Pa­ten­schaf­ten ka­na­di­scher Bür­ger in­te­griert. Ka­na­da wä­re ein gu­ter Ver­bün­de­ter für Deutsch­land, dem Land mit der größ­ten Asyl­be­hör­de der Welt, das den meis­ten Men­schen Schutz bie­tet. Wenn es ge­län­ge, dass die­se bei­den Län­der ein rea­lis­ti­sches ge­mein­sa­mes Kon­zept ent­wi­ckeln, glau­be ich, dass das bei­spiel­ge­bend sein könn­te.

Was wür­de das ka­na­di­sche Mo­dell für Deutsch­land be­deu­ten?

Kn­aus: Um­ge­rech­net auf die Ein­woh­ner­zahl hie­ße das, dass im Jahr 0,05 Pro­zent der Be­völ­ke­rung durch Pa­ten­schaf­ten ins Land kä­men. Und dass nicht mehr als 130000 Men­schen ins­ge­samt ei­nen Asyl­an­trag stel­len wür­den, wo­von die Hälf­te dies schon vor der An­kunft tä­ten und so­fort ei­ne kla­re Per­spek­ti­ve hät­ten. Das wür­de Ord­nung, In­te­gra­ti­on und die Kon­trol­le der Gren­zen enorm er­leich­tern. Das könn­te Schwer­punkt der deut­schen Au­ßen­po­li­tik im nächs­ten Jahr sein: der Flücht­lings­kon­ven­ti­on zu ih­rem 70. Ge­burts­tag wie­der Le­ben ein­zu­hau­chen – mit Ka­na­da. Und vi­el­leicht den USA un­ter ei­nem Prä­si­dent Bi­den. Der hat in sei­ner Kan­di­da­tur an­ge­kün­digt, dass er hier die Po­li­tik Trumps um­dre­hen will – und sein Stab hat sich in­ter­es­siert an ei­ner Ko­ope­ra­ti­on mit Deutsch­land auch in die­sem Be­reich ge­zeigt.

„Die Mas­sen­ein­wan­de­rung ist ei­ne rei­ne Fik­ti­on“

Ge­rald Kn­aus, Jahr­gang 1970, ist So­zio­lo­ge und Grün­dungs­di­rek‰ tor der Denk­fa­brik Eu­ro­pean Sta­bi­li­ty In­itia­ti­ve. Der Ös­ter‰ rei­cher be­rät Re­gie­run­gen in Fra‰ gen von Mi­gra­ti­on und Men­schen‰ rech­ten, dar­un­ter auch die deut‰ sche und An­ge­la Mer­kel in der Kri­se von 2015. Sein nun er­schie­ne­nes Buch heißt „Wel­che Gren­zen brau‰ chen wir?“(Pi­per, 336 S., 18 ¤)

Fo­to: Pe­tros Gi­an­nakou­ris, dpa

Das Dra­ma im Flücht­lings­la­ger auf Les­bos vor ei­nem Mo­nat: Hier ha­be sich nicht das Ver­sa­gen der EU of­fen­bart, sagt Ge­rald Kn­aus, son­dern viel mehr das un­mensch­li­che Ziel man­cher Re­gie­run­gen in Eu­ro­pa.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.