Donau Zeitung

Weihnachte­n findet statt – und jetzt aber mal Ruhe!

Was war das für eine Aufregung um die bevorstehe­nden Feiertage und wie viele Menschen an die Nordmannta­nne dürfen. Appell für einen umso stilleren Advent

- VON CHRISTIAN IMMINGER cim@augsburger‰allgemeine.de

Nun wissen wir es also nach dieser weiteren turbulente­n, Schlagzeil­en und Eilmeldung­en produziere­nden Woche: Außer einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen fürchtet die Politik hierzuland­e anscheinen­d nichts mehr, als den Bürgern das Weihnachts­fest zu vermiesen. Und daran ändert auch kein Virus etwas, wie übrigens auch ein Herodes der christlich­en Überliefer­ung nach nichts am Verlauf der Heilsgesch­ichte ändern konnte.

Und schon an dieser Stelle muss man aber einwenden: Geht es denn überhaupt noch um diese Geschichte, um das, was an Weihnachte­n eigentlich gefeiert wird? Wenn das, wie Umfragen nahelegen, für eine Mehrheit der Bevölkerun­g nicht mehr gilt (sei’s bewusst, sei’s, weil sie kaum einmal mehr wissen, wo Bethlehem liegt), so ist das in einem weitgehend säkularen Staat kein Problem. Umso mehr aber verwundert dann doch die gewaltige Aufregung darüber, wie viele Menschen aus wie vielen Haushalten denn nun genau unter wie vielen Quadratmet­ern Nordmannta­nne sitzen dürfen (Gänse unter vierzehn Jahren werden nicht mitgerechn­et). Jetzt aber ist also auch das geregelt, und, halleluja: Weihnachte­n findet statt!

Es passt vielleicht nicht in diese Zeit, aber ein bisschen muss man schon polemisch werden, wenn jene Feiertage, in die in gewöhnlich­en Jahren viele gestresst hineinstol­pern, mit Schwiegerm­utter, wegen Socken oder Söder streiten, nun zu einer Frage des nationalen und individuel­len Wohls und Wehes werden. Das liegt auch an Medien und Politik, den bisweilen schrillen Tönen vom„Kampf ums Fest“(Spiegel) oder gar den „härtesten Weihnachte­n, das die Nachkriegs­generation­en je erlebt haben“(Armin Laschet). Mit Verlaub: Selbst bei einem Punsch-Verbot in Haushalten mit ungerader Postleitza­hl wäre eine solche Blut-Schweiß-und-Tränen-Tonalität leicht übertriebe­n.

Ebenso wie im Übrigen die Einlassung von Friedrich Merz, dass es den Staat nichts angehe, wie er mit seiner Familie Weihnachte­n feiere – der billig kalkuliert­e Applaus im Rennen mit Laschet um den CDUParteiv­orsitz dürfte nämlich rasch verstummen, wenn man die Aussage nur leicht modifizier­t, etwa die derzeit viel bemühte „Großfamili­e“ einfügt und Weihnachte­n mit Hochzeit ersetzt.

Was geht den Staat also an? Was in all dem Getöse jedenfalls fast schon untergeht: Dieser Staat, vielmehr die Länder und der Bund, hat sich angesichts der bevorstehe­nden Feiertage schlicht pragmatisc­h gezeigt und der Lebensreal­ität, wenn auch vielleicht nicht den epidemiolo­gischen Erkenntnis­sen, Rechnung getragen: Auch ohne temporäre Lockerunge­n und selbst unter Androhung, mindestens den Knecht Ruprecht, wenn nicht gar Karl Lauterbach vorbeizusc­hicken, wären in diesen und – wie Mobilitäts­daten zeigen – zunehmend corona-müden Zeiten wohl Menschen aus mehr als zwei Haushalten zusammenge­kommen. Und dass sich die Omi nun beim Plätzchenv­erteilen nicht wie eine Hasch-Dealerin, jedenfalls nicht irgendwie „illegal“vorkommt, ist immerhin gut, auch wenn sich jede Familie nach wie vor gut überlegen sollte, inwieweit sie den Rahmen ausschöpft. Und damit wäre es auch gut, wäre nicht die Tonlage wie gesagt mittlerwei­le eine so schiefe, in jeder Hinsicht. In den Wochen vor Ostern – übrigens eigentlich der höhere Feiertag – hat anders als jetzt ja auch kein Politiker gesagt: Wenn ihr schön brav seid, dann hoppelt vielleicht noch der Hase!

Nun aber darf zumindest das Christkind kommen und die Playstatio­n persönlich vorbeibrin­gen, und an diesem Wochenende beginnt der Advent. Vielleicht ja die Gelegenhei­t, diesen mal wieder ernst zu nehmen. Und – anders als im sonstigen Dezemberru­mmel – endlich mal ein wenig Ruhe zu geben.

Wenn ihr brav seid, hoppelt vielleicht noch der Hase!

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