Donau Zeitung

„Der Scholz, der kann das“

Die SPD muss das Kunststück vollbringe­n, sich nicht von niederschm­etternden Umfragen lähmen zu lassen. In der Parteizent­rale hält man beim Kampf ums Kanzleramt die Grüne Baerbock für gefährlich­er als CDU-Mann Laschet

- VON CHRISTIAN GRIMM

Berlin Die Umfragen sind ein Desaster. Kanzlerkan­didat Olaf Scholz und seine SPD kommen auf 14 oder 15 Prozent. An guten Tagen schleppt sich die alte Dame der deutschen Parteien auf 16 Prozent. Das ist alles, aber kein Kanzlerniv­eau. Dennoch regiert im WillyBrand­t-Haus vor dem Parteitag am Wochenende die Zuversicht, nicht die Panik. Anders als in den zurücklieg­enden Wahlkämpfe­n lähmen noch kein Streit und schlechte Planung die Parteizent­rale der Genossen. Sie glauben, die Partie drehen zu können. Es geht nicht um einen rauschhaft­en Triumph bei der Bundestags­wahl, sondern um einen Arbeitssie­g. Der Plan: So weit wie möglich über die Marke von 20 Prozent kommen und dann sehen, was koalitions­technisch geht.

Die Aufholjagd startet am Sonntag, wenn Olaf Scholz auf dem Parteitag die Kernbotsch­aften für den Wahlkampf verkündet. Die Wähler soll ein Zukunftsen­twurf für das Land zurück zur SPD führen, dessen Selbstbild als eines der best-verwaltete­n Gemeinwese­n in der Corona-Pandemie schwer gelitten hat. Und natürlich soll der Kanzlerkan­didat ziehen: als Mann mit viel Erfahrung in der Exekutive als Hamburger Bürgermeis­ter, Minister und Vizekanzle­r.

Damit die Aufholjagd gelingen kann, kalkuliert die SPD mit der

Schwäche der beiden anderen Aspiranten auf die Nachfolge Angela Merkels (CDU). Sie muss es tun, weil sie sich nicht in einer Position der Stärke befindet.

In der Einschätzu­ng der Sozialdemo­kraten ist der Kandidat der Union, Armin Laschet, der deutlich schwächere der zwei Konkurrent­en. Die SPD will ihn mit den drei „bösen M“angreifen – die Maskenaffä­re, der brutale Machtkampf mit Markus Söder und die Kandidatur des umstritten­en Ex-Verfassung­sschutzche­fs Hans-Georg Maaßen in Thüringen. „Davon wird sich Laschet nicht erholen“, sagt Generalsek­retär und Wahlkampfm­anager Lars Klingbeil.

Als wesentlich härtere Nuss gilt im Willy-Brandt-Haus GrünenKanz­lerkandida­tin Annalena Baerbock. Scholz soll sie inhaltlich stellen und ihr „Fühl-dich-gut-Programm“durchs Aufzeigen angeblich innerer Widersprüc­he als wolkig entzaubern. Die SPD plant, an der Schnittste­lle zwischen grüner Landes- und grüner Bundespoli­tik anzusetzen. Während beispielsw­eise die Bundespart­ei neue Autobahnen ablehnt, trägt der hessische Landesverb­and eine neue mit. Während Baerbock Deutschlan­d wieder zum gefeierten Vorbild beim Klimaschut­z machen will, hat GrünenLand­esvater Winfried Kretschman­n in Baden-Württember­g den Stillstand verwaltet.

Ob das ausreicht, um Baerbock zu stoppen, wissen die Sozialdemo­kraten nicht. In der Wahlkampfm­annschaft schwingt die Hoffnung mit, dass sich die Wähler am Ende für den erfahrenen, seriösen Macher entscheide­n statt für die Frische einer 40-Jährigen ohne Regierungs­erfahrung. „Jawohl, der Scholz, der kann das“, so drückt der Generalsek­retär aus, was die Wähler im Gefühl haben sollen. Das Problem dabei ist, dass die Wähler das noch nicht im Kopf haben. In einer Erhebung des Meinungsfo­rschungsin­stituts Forsa schneidet Baerbock bei der Kanzlerprä­ferenz mehr als doppelt so stark ab wie der 62-jährige SPD-Spitzenkan­didat.

Stilistisc­h soll er dennoch auf aggressive Angriffe gegen Baerbock und Laschet verzichten. Scholz hat bisher nicht geholzt und das aus gutem Grund. Weil die beiden anderen ebenfalls keine konfrontat­ive Kommunikat­ion fahren, könnten bissige Attacken auf den Angreifer zurückfall­en. Wenn es das Infektions­geschehen zulässt, plant die SPD, ihren Kandidaten auf Tour quer durch das Land zu schicken. Lässt es Corona nicht zu, wird Scholz per Video mit den Wählern in Kontakt treten. Anders als bei vergangene­n Bundestags­wahlen wird sich die diesjährig­e Kampagne nicht mehr so stark auf die letzten Tage des Wahlkampfe­s fokussiere­n. Denn immer mehr Bürger geben per Briefwahl ihre Stimme ab. Die SPD und die anderen Parteien müssen also ihre Ressourcen auf mehrere Wochen vor dem Wahlsonnta­g am 26. September strecken.

Im Gegensatz zu den jüngsten Landtagswa­hlen kann es bei der Bundestags­wahl dieses Mal keinen Zug zum Amtsinhabe­r geben, weil Angela Merkel aufhört. Das ist der zentrale Unterschie­d zur Wahl vor vier Jahren, auf den die SPD-Spitze immer wieder verweist. Damals stürzte ihr gefeierter Kanzlerkan­didat Martin Schulz auf 20,5 Prozent ab, nachdem er in den Umfragen zwischenze­itlich bei über 30 Prozent lag. Heute muss sein Nachfolger Scholz zwar nicht mehr Merkel fürchten, hat aber viel Boden gutzumache­n, um überhaupt auf 20 Prozent zu kommen.

Die SPD will die CDU mit der Maskenaffä­re konfrontie­ren

Holzen passt nicht so recht zu dem Hanseaten

 ?? Foto: Kay Nietfeld, dpa ?? Kanzlerkan­didat Olaf Scholz geht selbstbewu­sst in den Wahlkampf. Doch die Sozialdemo­kraten sind nach wie vor gefangen in einem schier ewigen Umfragetie­f. Die Hoffnung der SPD ist, dass er mit seiner ruhigen, han‰ seatischen Art doch noch eine Aufholjagd hinlegen kann.
Foto: Kay Nietfeld, dpa Kanzlerkan­didat Olaf Scholz geht selbstbewu­sst in den Wahlkampf. Doch die Sozialdemo­kraten sind nach wie vor gefangen in einem schier ewigen Umfragetie­f. Die Hoffnung der SPD ist, dass er mit seiner ruhigen, han‰ seatischen Art doch noch eine Aufholjagd hinlegen kann.

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