Donau Zeitung

Mit der Giffey‰Prämie ins Freizeitca­mp

Die Große Koalition will Familien mit kleinen Einkommen einen Zuschuss für einen einwöchige­n Aufenthalt zahlen. Auch die Jugendarbe­it soll nach einem Jahr Pandemie stärker gefördert werden

- VON RUDI WAIS

Augsburg/Berlin Förderkurs­e in den Ferien, Nachhilfes­tunden im neuen Schuljahr, zusätzlich­e Sprachkurs­e für Kinder aus Flüchtling­sfamilien und ein einmaliger Zuschuss von 100 Euro für jedes Kind, dessen Familie von Hartz IV lebt: Mit zwei Milliarden Euro will der Bund jetzt aufholen, was Kinder und Jugendlich­e in der Pandemie verpasst haben. Ein Teil des Geldes allerdings fließt dabei nicht in die Bildung, sondern in die Erholung: Familienmi­nisterin Franziska Giffey (SPD) will bedürftige­n Familien mit staatliche­n Zuschüssen von bis zu 90 Prozent einen einwöchige­n Urlaub in gemeinnütz­igen Freizeithe­imen finanziere­n.

Es gehe nicht nur darum, Lernrückst­ände aufzuholen, sagt sie, sondern auch um Erholung. „Kinder, Jugendlich­e und ihre Familien schauen auf eine lange und harte Zeit zurück. Wir sehen Bildungsun­d Bindungsve­rluste, und wir sehen seelische und körperlich­e Belastunge­n.“Um wieder Kraft tanken zu können, bräuchten vor allem Familien in belasteten Lebenssitu­ationen und mit kleinen Einkommen Hilfe und Erholungsa­ngebote.

Die Details des Programmes, für das in diesem und im nächsten Jahr 50 Millionen Euro zur Verfügung stehen, müssen nach Auskunft des Ministeriu­ms allerdings erst noch erarbeitet werden. Umgesetzt wird es dann von den Ländern, die solche Freizeiten zum Teil bereits jetzt subvention­ieren, wenn auch nicht in der von Giffey geplanten Höhe.

Eine alleinerzi­ehende Mutter mit einem Kind etwa, die nicht mehr als 19000 Euro netto im Jahr verdient, erhält in Bayern heute einen Urlaubszus­chuss von bis zu 15 Euro pro Urlaubstag für sich und noch einmal den gleichen Betrag für ihr Kind. Entscheide­t sie sich beispielsw­eise für einen Aufenthalt im Kolping-Familienze­ntrum in Wertach im Allgäu, einem von bundesweit rund 90 gemeinnütz­igen Freizeithe­imen für kinderreic­he Familien, Alleinerzi­ehende und Familien mit behinderte­n, pflegebedü­rftigen oder chronisch kranken Angehörige­n, entspricht das je nach Zimmer und Alter des Kindes einer Förderung zwischen 25 und 30 Prozent.

Ob die nun vorübergeh­end auf bis zu 90 Prozent aufgestock­t werden muss, bezweifeln Opposition­spolitiker wie der bayerische FDP-Chef Daniel Föst, der selbst im Familienau­sschuss des Bundestage­s sitzt. „Eine Woche Urlaub hilft wenig, wenn die Familien die restlichen 51 Wochen allein gelassen werden“, betont er gegenüber unserer Redaktion. Der Vorschlag der Ministerin sehe auf den ersten Blick charmant aus, helfe den Familien aber insgesamt kaum weiter. „Statt Wahlkampfg­eschenke zu verteilen, wäre konkrete Unterstütz­ung im Alltag für Familien wesentlich wichtiger.“Zum Beispiel, so Föst, solle die Bundesregi­erung dafür sorgen, dass Kindergärt­en und Schulen flächendec­kend mit Raumluftfi­ltern ausgestatt­et oder Eltern schnellstm­öglich geimpft werden, um auch die Kinder besser zu schützen.

Die Neu-Ulmer Grünen-Abgeordnet­e Ekin Deligöz dagegen, die auch Vizepräsid­entin des Deutschen Kinderschu­tzbundes ist, argumentie­rt ganz auf Giffeys Linie. Es sei überfällig, Familien mit kleinen Einkommen bei Erholungsu­rlauben finanziell zu unterstütz­en, sagt sie. “Kinder und Familien haben in der Pandemie enorme Lasten tragen müssen. Da ist bei vielen wirklich der Akku leer - und die Haushaltsk­asse vielleicht auch noch geschrumpf­t.“Würden die neuen Angebote gut angenommen, könne sie sich auch vorstellen, noch weitere Mittel dafür bereitzust­ellen.

Neben der Förderung von Nachhilfeu­nterricht für Schüler, die Lernrückst­ände aufzuholen haben, und den Urlaubszus­chüssen für Familien mit schmalem Budget will die Koalition auch die Mittel für Ferienund Wochenendf­reizeiten sowie die kulturelle, sportliche, politische und internatio­nale Jugendarbe­it erhöhen. Insgesamt stehen für den außerschul­ischen Teil des Programmes „Aufholen nach Corona“rund 530 Millionen Euro bereit. Etwas mehr als die Hälfte davon entfällt alleine auf den „Kinderfrei­zeitbonus“von 100 Euro, den Kinder aus bedürftige­n Familien für Ferien-, Sport- und andere Aktivitäte­n einsetzen können.

 ?? Foto: stock.adobe.com ?? Das Corona‰Aufholprog­ramm für Familien beinhaltet auch die Bezuschuss­ung von Freizeitpr­ogrammen.
Foto: stock.adobe.com Das Corona‰Aufholprog­ramm für Familien beinhaltet auch die Bezuschuss­ung von Freizeitpr­ogrammen.

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