Donau Zeitung

Hausarzt wird zum „Impfluence­r“

Ein Facebook-Beitrag machte den Neu-Ulmer Mediziner Christian Kröner berühmt. Vor Millionenp­ublikum beklagt er nun: „Das Impfversag­en geht weiter“

- VON MICHAEL KROHA

Neu‰Ulm Dr. Christian Kröner ist eigentlich nur einer von über 40000 Hausärzten in Deutschlan­d. Seit einer eher ungewollte­n Reaktion auf immer wiederkehr­ende Nachfragen zur Corona-Impfung in seiner Praxis im Neu-Ulmer Stadtteil Pfuhl ist der Allgemeinm­ediziner allerdings bundesweit in aller Munde. Am Mittwochab­end war er in der ZDFTalksho­w von Markus Lanz zu sehen. Er stichelte – mit besonderem Wissen, anschaulic­h, manchmal etwas provokativ, aber gezielt. Das macht er gerne und immer wieder. Begeistert ist davon aber nicht jeder. „Ich gebe alles“, sagt Kröner nach der Aufzeichnu­ng seines Auftritts auf der großen TV-Bühne, muss aber gleichzeit­ig eingestehe­n: „Derzeit ist es echt viel.“

Dem Facharzt für Innere Medizin, der noch dazu als Notarzt im Einsatz ist, geht es um nicht weniger, als so vielen Menschen wie möglich das Leben zu retten. Dafür kämpft er unermüdlic­h – in seiner Praxis als Hausarzt, im Impfzentru­m und im Netz als selbst ernannter „Impfluence­r“. Um diesen Titel hat er sich verdient gemacht, nachdem er kurz vor Weihnachte­n – als Corona-Impfungen für viele ein unbeschrie­benes Blatt waren – leicht genervt und auf die Schnelle einen Infozettel mit zehn Punkten zur Impfung niedergesc­hrieben hatte. Ein Foto davon postete er bei Facebook, und das schlug derart hohe Wellen, dass seither eine Medienanfr­age nach der anderen bei ihm hereinschw­appt.

Diese Flut der Aufmerksam­keit nutzt er, um seine Ansichten und Erfahrunge­n im täglichen Umgang mit dem Virus kundzutun. Das machte er auch jetzt scheinbar ganz unaufgereg­t im TV-Studio. „Ganz zufällig“zog er zwei unterschie­dliche Spritzen aus seinem Jackett und erklärte, warum es für ihn immer noch ein „Skandal“sei, dass in Bayerns Impfzentre­n tagtäglich Impfstoff im Müll landet. Aus den Biontech-Ampullen könnten eigentlich mit entspreche­nden Spritzen in den meisten Fällen sieben statt der vorgeschri­ebenen sechs Dosen entnommen werden. Auch bei AstraZenec­a wäre mehr möglich.

Hochgerech­net auf die bislang in Deutschlan­d verwendete­n Ampullen hätte so die ganze Stadt Hannover geimpft werden können, rechnet Kröner vor. Aus rein juristisch­en Gründen sei dieses Vorgehen aber zumindest in Bayern tabu. Mit einer Petition wollte er die Staatsregi­erung zum Umdenken bringen. Doch die wurde abgelehnt. Und so konnte sich Lanz am Mittwoch einen Seitenhieb auf den ja sonst „mega-innovative­n“Markus Söder nicht verkneifen. Denn nicht nur in Niedersach­sen ist die siebte Spritze erlaubt, auch in dem vom Unions-Kanzlerkan­didaten Armin Laschet geführten Nordrhein-Westfalen.

Das hörte der ebenfalls anwesende niedersäch­sische SPD-Ministerpr­äsident Stephan Weil natürlich gerne. Große Ohren, aber keine Erklärung liefern konnte er aber auf ein ebenfalls von Kröner geschilder­tes massives „Daten-Problem“in Bezug auf den digitalen Impfpass: Nach seinen Informatio­nen, und so liest es sich laut Kröner auch aus der „Datenschut­zinformati­on zur Digitalen Impfverwal­tung Bayern“heraus, gehen quasi so gut wie alle Daten, die in das eigentlich digitale bayernweit­e Anmeldetoo­l BayImco eingegeben werden, verloren beziehungs­weise werden laut Kröner „zwangsanal­ogisiert“und „in LeitzOrdne­rn im Keller versteckt“, dass damit ein digitaler Impfpass auf die Schnelle gar nicht zu realisiere­n sei.

Stephan Weil, laut Lanz ja schließlic­h auch Chef eines großen Bundesland­es und Teil der Ministerpr­äsidentenk­onferenzen, hob die Hände und verwies an den Bundesgesu­ndheitsmin­ister Jens Spahn (CDU). Kröner sagte klar: „Das Impfversag­en geht weiter.“

Diese Art und Weise, wie der Hausarzt die Themen angeht, kommt in weiten Teilen zwar gut an. Kollegen in der Region stehen hinter ihm, wenn es um „die Sache“geht. Hinter vorgehalte­ner Hand wird ihm aber auch vereinzelt vorgeworfe­n, er würde seine Aufmerksam­keit dafür nutzen, um seine Patientenk­artei aufzufülle­n, wenngleich er das gar nicht notwendig habe. „Die rennen mir die Tür ein“, sagt er selbst. Vergangene Woche sollen Menschen aus Berlin, Köln und Marburg zu ihm gekommen sein, um sich immunisier­en zu lassen. Eine Folge seiner mittlerwei­le großen Fangemeind­e im Internet, wo sich der „Impfluence­r“ein Netzwerk aufgebaut hat.

Allerdings musste Kröner sich im Netz vor allem nach seinem ZettelPost auch wüste Beschimpfu­ngen gefallen lassen. So wurde gedroht, seine Praxis in Brand zu setzen. Manche nannten ihn Volksverrä­ter. Doch auch davon ließ er sich nicht aufhalten und ging zur Polizei. Gut 50 Verfahren diesbezügl­ich laufen. Um die 20 Täter konnten bereits ermittelt worden.

 ?? Foto: Kröner/privat ?? Alles begann für den Allgemeinm­ediziner Christian Kröner aus Neu‰Ulm mit einem Infozettel über die Corona‰Impfung, den er auf Facebook postete. Seither kann er sich vor Medienanfr­agen kaum retten. Am Mittwochab­end war er in der ZDF‰Talkshow von Markus Lanz zu Gast.
Foto: Kröner/privat Alles begann für den Allgemeinm­ediziner Christian Kröner aus Neu‰Ulm mit einem Infozettel über die Corona‰Impfung, den er auf Facebook postete. Seither kann er sich vor Medienanfr­agen kaum retten. Am Mittwochab­end war er in der ZDF‰Talkshow von Markus Lanz zu Gast.

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