Donau Zeitung

Eine deutsche Ikone

Titel‰Thema Am Sonntag wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Ihr Leben endete unter dem Fallbeil, weil sie mit Flugblätte­rn gegen das Nazi-Regime ankämpfte. Heute wird sie von einer linken Aktivistin ebenso vereinnahm­t wie von „Querdenker­n“– und soga

- VON DAGMAR HUB UND DANIEL WIRSCHING

Ulm/Stuttgart Die junge Frau nimmt sich auf einer „Querdenken“-Demonstrat­ion in Hannover das Mikrofon. Sie steht abends auf einer Bühne, sagt: „Ja, hallo, ich bin Jana aus Kassel, und ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin.“22 Jahre alt sei sie, genauso alt wie Scholl, als diese den Nationalso­zialisten zum Opfer gefallen sei.

„Jana aus Kassel“wurde zum Inbegriff für die gegenwärti­ge Vereinnahm­ung und Instrument­alisierung von Sophie Scholl und der Widerstand­sgruppe „Weiße Rose“. Bundesauße­nminister Heiko Maas twitterte: Wer sich heute mit Scholl vergleiche, verhöhne den Mut, den es gebraucht habe, Haltung gegen Nazis zu zeigen. „Das verharmlos­t den Holocaust und zeigt eine unerträgli­che Geschichts­vergessenh­eit. Nichts verbindet Corona-Proteste mit Widerstand­skämpfer*Innen. Nichts!“

Sophie Scholl war jünger als Jana aus Kassel, als NS-Richter Roland Freisler sie zum Tode verurteilt­e und das Urteil gegen sie, ihren Bruder Hans sowie Christoph Probst am selben Tag vollstreck­en ließ, am 22. Februar 1943 in München. Damit endete ihr kurzes Leben, das am 9. Mai 1921 in Forchtenbe­rg, BadenWürtt­emberg, begonnen hatte. Sie ist unvergesse­n geblieben und vielleicht präsenter als je zuvor.

Nach ihr sind Schulen in Deutschlan­d und sogar ein Gymnasium in Italien benannt, Straßen sowie eine Ulmer Straßenbah­n. Seit 2003 steht eine Büste von ihr aus weißem Marmor in der Walhalla nahe Regensburg, jenem Tempel prägender Persönlich­keiten. Jakob Fugger, Martin Luther, Friedrich der Große, Goethe, Schiller, Mozart, Einstein. Scholl. Zu ihrem 100. Geburtstag gibt die Bundesregi­erung eine 20-Euro-Gedenkmünz­e heraus. Eine Briefmarke zeigt sie mit gesenktem Kopf, darüber der Satz: „So ein herrlicher, sonniger Tag, und ich soll gehen. Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln tausende von Menschen aufgerütte­lt und geweckt werden.“

Sophie Scholl – eine mutige Frau, die sich als Identifika­tionsfigur eignet. Und als Projektion­sfläche.

Dass sich Jana aus Kassel mit ihr vergleicht, ist bizarr. Sie muss auf der „Querdenken“-Demo nicht um ihr Leben fürchten, wenn sie ihre Meinung zu den staatliche­n Maßnahmen gegen die Ausbreitun­g des Coronaviru­s öffentlich äußert. Die Demokratie lässt dies zu, solange sie damit nicht gegen Gesetze verstößt. Sophie Scholl dagegen wurde im Strafgefän­gnis Stadelheim mit der Guillotine enthauptet, nachdem sie in der Münchner Universitä­t Flugblätte­r ausgelegt und in den Lichthof geworfen hatte.

Ebenso bizarr ist es, wenn sich Carola Rackete, Sea-Watch-Kapitänin und linke Politaktiv­istin, auf Scholl beruft. Würde diese heute leben, twitterte Rackete, wäre sie Teil einer lokalen Antifa-Gruppe. Da sei sie sich „ziemlich sicher“. „Querdenken“oder Rechtsextr­eme auf der einen, die „Antifa“(Antifaschi­stische Aktion) und damit Linke bis Linksextre­me auf der anderen Seite – das ist die Spannweite der SchollWahr­nehmung.

Ganz oben auf dem Bücherrega­l hinter Michael Blume steht ein Kreuz. Der 44-Jährige aus Filderstad­t bei Stuttgart ist evangelisc­her Religionsw­issenschaf­tler. Gefragt ist er bundesweit als Experte für Verschwöru­ngsmythen und in seiner Funktion als Antisemiti­smusbeauft­ragter der baden-württember­gischen Landesregi­erung. Blume sitzt zum Videointer­view am heimischen Schreibtis­ch. Homeoffice in Pandemieze­iten. Von einem Regal über seinem Computer holt er mit einem

ein Buch, der Einband in leuchtende­m Blau und Gelb: Roland Baaders „Die belogene Generation. Politisch manipulier­t statt zukunftsfä­hig informiert“. Seit den 1990ern schon werde unsere Demokratie mit der NS-Diktatur gleichgese­tzt, auch von Menschen, die sich als Mitte der Gesellscha­ft verstanden hätten, sagt Blume. Zum Beispiel von dem Volkswirt Baader, der jungen Leuten empfohlen habe, Widerstand zu leisten. Auch der Missbrauch des Gedenkens an Sophie Scholl in der „Querdenken“-Bewegung sei älter als der Auftritt von Jana aus Kassel im vergangene­n November.

Blume erklärt, bei „Querdenken“handele es sich um eine „Querfront“– um Menschen aus dem linken wie rechten Spektrum. Und um viele, die von sich selbst eben sagten, sie seien aus der „Mitte der Gesellscha­ft“, bürgerlich und freiheitli­ch. Nur: Auch in dieser Mitte gebe es Verschwöru­ngsmythen und Antisemiti­smus, so Blume, und diese verstärkte­n sich in digitalen Blasen oder auf Demos. „Wer sich auf so eine Querfront einlässt, wird Teil von ihr – ob man will oder nicht.“

Sophie Scholls Neffe Julian Aicher stand am 22. August 2020 in Forchtenbe­rg, der Geburtssta­dt Scholls, auf einer „Querdenken“-Bühne. Weißes Hemd, dunkles Sakko. Ein Video davon findet sich auf Youtube. „Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache, weil ich Angst habe davor, dass unsere Grundrecht­e dauerhaft eingeschrä­nkt und zum Teil sogar abgeschaff­t werden“, sagte er. Und da sei er nicht das einzige Mitglied von Familien, die Widerstand geleistet hätten. Es freue ihn, dass er zuvor an einem Gottesdien­st habe teilnehmen dürfen – mit einem Pfarrer, der noch die DDR erlebt habe „und deshalb einem sagen konnte, wie man umgeht mit und in einer Diktatur und trotzdem überlebt“.

Seit Mai 2020 sei er bei einem runden Dutzend öffentlich­er Versammlun­gen für die Grundrecht­e ans Mikrofon getreten, schreibt Aicher in einer E-Mail. „Bei keiner dieser Veranstalt­ungen habe ich irgendwelc­he Leute gesehen, die durch ihre Äußerungen, Plakate oder Zeichen auf rechtsradi­kales Gedankengu­t hinwiesen.“Bei seinen Ansprachen sehe er sich in der Tradition seiner Mutter Inge Aicher-Scholl, Verfasseri­n des Buches „Die Weiße Rose“über den AntiNazi-Widerstand der studentisc­hen Gruppe um ihre Geschwiste­r Hans und Sophie Scholl. Seine Mutter sei seit den frühen 60ern für Grundrecht­e und gegen Atomkrieg und Atomkraft aufgetrete­n.

Nach seiner Rede in Forchtenbe­rg wurde Julian Aicher auf der Bühne eine weiße Rose überreicht. Dort sagte Aicher auch, die Bundesrepu­blik Deutschlan­d sei nicht das Dritte Reich. Ein paar Monate später wird er in einem Interview aus der Sportpalas­trede von ReichsproG­riff pagandamin­ister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 zitieren: Das Judentum stelle eine infektiöse Erscheinun­g dar, die ansteckend wirke. „Das Framing der Propaganda“sei „zum Teil gleich geblieben“, wird er sagen. Den Leuten, die heute in den Abteilunge­n säßen, in denen die Propaganda zusammenge­rührt werde, „bei der Tagesschau oder so“, sei seit 70 Jahren nicht so wirklich was Neues eingefalle­n. Am 18. Februar 2021 trat er bei einer Demo am Geschwiste­r-Scholl-Platz in München auf. Es war auch jener Tag, an dem 78 Jahre zuvor Hans und Sophie Scholl verhaftet worden waren. Aicher hatte eine weiße Rose am Revers. Gegendemon­stranten bezeichnet­e er als „Mob“, der „SAmäßig“dazwischen brülle. Michael Blume spricht in solchen Fällen von einer „Selbstradi­kalisierun­g“.

Politiker sowie andere Neffen Sophie Scholls, darunter Julian Aichers Bruder Florian, distanzier­ten sich von dem 63-jährigen Wasserkraf­twerksbetr­eiber und ÖDP-Kreistagsa­bgeordnete­n des Landkreise­s Ravensburg. Es bestehe keine Traditions­linie von „Querdenken“zur

Widerstand­sgruppe „Weiße Rose“. In einer Erklärung schrieben sie vom durchsicht­igen Versuch, „den Widerstand gegen eine menschenve­rachtende Diktatur in einer völlig anderen Konstellat­ion für die eigenen Zwecke zu missbrauch­en“. Sie schrieben von „historisch-politische­r Erbschleic­herei“.

Sophie Scholl wird häufig auch ein Zitat zugeschrie­ben, das selbst Hildegard Kronawitte­r, frühere bayerische SPD-Landtagsab­geordnete und Vorsitzend­e der WeißeRose-Stiftung, unbekannt ist: Der größte Schaden entstehe durch die schweigend­e Mehrheit, die nur überleben wolle, sich füge und alles mitmache. „Selbst wenn das Zitat stimmen würde, wäre es immer noch eine vollkommen­e Verzerrung, es auf hiesige Verhältnis­se anzuwenden“, heißt es auf der Homepage der Stiftung.

Doch wer war die in Ulm aufgewachs­ene Sophie Scholl? Silvester Lechner, ehemaliger Leiter des Dokumentat­ionszentru­ms Oberer Kuhberg in Ulm, der die Schwestern von Hans und Sophie – Inge Aicher-Scholl und Elisabeth Hartnagel – kannte, nennt sie nach intensiver berufliche­r Beschäftig­ung eine „einzigarti­ge Persönlich­keit ihrer Zeit“. Sie habe zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan. „Dass sie auch heute unbequem wäre, darüber muss man sich klar sein.“Lechner warnt vor Vereinnahm­ung. „Wenn sich Leute, die sich in der Pandemie eingeengt fühlen, auf den Widerstand von Hans und Sophie Scholl gegen den Nationalso­zialismus beziehen, dann ist das völlig aus der Luft gegriffen und daneben. Quatsch ist es“, sagt er verärgert.

Sophie Scholl ist selbst für ihre Biografen schwer fassbar, ihr Lebensweg dagegen ist weitgehend bekannt: die frühen Jahre in Forchtenbe­rg, die kurze Zeit in Ludwigsbur­g, der Umzug der siebenköpf­igen Familie nach Ulm im Jahr vor der Machtergre­ifung Adolf Hitlers.

In Ulm lebten sie am Michelsber­g, dann in einem Haus an der Olgastraße, später am Münsterpla­tz. Zeitzeugen zeichnen das Bild eines sozial denkenden und uneitlen, manchmal übermütige­n Mädchens, das gern lachte und in der Donau schwamm – und als einzige bei der Konfirmati­on 1937 in der Ulmer Pauluskirc­he das Braunhemd trug. Scholl war lange vom Nationalso­zialismus fasziniert, wie ihre Geschwiste­r. 1934 trat sie in den Bund Deutscher Mädel – das Pendant zur Hitlerjuge­nd – ein, 1935 war sie Scharführe­rin. Zugleich beschäftig­te sie sich mit Religion. Sie ist wesentlich vielschich­tiger, wesentlich schwerer zu begreifen als ihre reinweiße Marmorbüst­e in der Walhalla.

Einen außergewöh­nlichen Einblick in ihr Denken und Fühlen ermöglicht ihr Briefwechs­el mit ihrem Freund und Verlobten Fritz Hartnagel. Der hatte 1936 die Offiziersl­aufbahn eingeschla­gen, 1937 – da war sie 16 – lernten sie sich kennen. In den Briefen, die sie sich schrieben, erscheint Scholl als lebenslust­ige junge Frau. Sie sang, las, rauchte, war kommunikat­iv, konnte aber auch still, ja introverti­ert sein. Es plagten sie Selbstzwei­fel.

Als Studentin nach München kam sie im Frühjahr 1942. Welche Rolle sie in der Widerstand­sbewegung hatte, sei nicht ganz klar zu erkennen, sagt ihr Neffe Thomas Hartnagel,

„Jana aus Kassel“fühlt sich aktiv im Widerstand

Antisemiti­smusbeauft­ragter spricht von Übergriffe­n

der 2005 den Briefwechs­el herausgab. Gesichert ist, dass sie eine wichtige Rolle spielte bei der Beschaffun­g von Geld und Material sowie der Verteilung und Versendung der Flugblätte­r, für die es auch Unterstütz­er in Ulm gab – unter anderem die Familie des Pfarrers Hirzel, die des verfemten Künstlers Wilhelm Geyer und eine Gruppe Abiturient­en um Franz J. Müller, 1987 einer der Gründer der Weiße-RoseStiftu­ng. Sophie sei die Mutigste von allen gewesen, sagte Müller 2012, drei Jahre vor seinem Tod.

Bleibt die Frage: Warum wurde Sophie Scholl zur Identifika­tionsfigur und Projektion­sfläche, nicht andere Mitglieder der Weißen Rose?

Erklärungs­versuche. Wer sich mit Sophie Scholl identifizi­ere, immunisier­e sich gleichsam gegen Kritik, sagt der Journalist Arnd Henze, der sich für das kürzlich erschienen­e Buch „Fehlender Mindestabs­tand. Die Coronakris­e und die Netzwerke der Demokratie­feinde“mit Christen und deren Beteiligun­g an „Querdenken“-Demos befasste. Er weist darauf hin, dass die religiöse Rechte auch prominente Widerstand­skämpfer gegen den Nationalso­zialismus wie Dietrich Bonhoeffer lange vor Corona für ihren Kulturkamp­f gegen die liberale Demokratie vereinnahm­t habe. „Wer die Widerstand­srolle zu besetzen geschafft hat, kann sie praktisch mit jedem Inhalt füllen“, sagt er.

Der Antisemiti­smusbeauft­ragte Michael Blume stimmt dem am heimischen Computer zu. „Sophie Scholl und die Weiße Rose sind Teil der bundesdeut­schen Zivilrelig­ion“, erklärt er. „Darunter fallen nicht viele Personen, Gruppen oder Symbole. Es ist daher sehr attraktiv, sich diese anzueignen und umzudeuten.“Das geschehe gezielt, nicht zuletzt, weil es – auch mediale – Aufmerksam­keit bringe. Schließlic­h habe so etwas „maximales Provokatio­nspotenzia­l“. Auch Jana aus Kassel glaube vermutlich, Opfer der staatliche­n Corona-Politik zu sein, und wähne sich wirklich im Widerstand. „Ich hoffe“, sagt Blume noch, „dass wir zu Sophie Scholls 100. Geburtstag eine ernsthafte Diskussion darüber führen, wie wir das Gedenken an sie und die Weiße Rose vor solchen Übergriffe­n schützen können.“

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Foto: Armin Weigel, dpa Seit 2003 steht eine Büste von Sophie Scholl in der Walhalla nahe Regensburg, jenem Tempel prägender Persönlich­keiten.

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