Donau Zeitung

Der neue Siemens‰Chef schwimmt sich frei

Roland Busch ist ein anderer Managertyp als sein Vorgänger Joe Kaeser, der bis heute immer wieder politisch Position bezieht. Busch spielt als Physiker vor allem seine technologi­sche Kompetenz aus und ist ein Teamspiele­r

- VON STEFAN STAHL

München Joe Kaeser weiß, wie es geht. Mit einigen griffigen, zugespitzt­en und persönlich gehaltenen Sätzen findet er schlafwand­lerisch sicher den Weg in die Medien. So erzählte der 63-Jährige im Februar nach seinem Abschied als SiemensChe­f, dass er es vom Arbeiterki­nd im Bayerische­n Wald zum Vorstandsv­orsitzende­n gebracht habe, um sogleich kritisch zu ergänzen: „Es wäre wünschensw­ert, wenn Arbeiterki­nder heute noch solche Karrieren schaffen könnten.“Wer in der Welt der Topmanager aufwachse und schon ein Elternteil im Vorstand saß, habe sicher einen Vorteil. Doch Kaeser, der sich mittlerwei­le im Siemens-Kosmos auf den Aufsichtsr­atsvorsitz der Energiespa­rte konzentrie­rt, fügte hinzu: „Es ist auch ein Vorteil, wenn man die Welt nach und nach für sich erobert.“Mit ein paar Sätzen erzählt der Manager eine Geschichte und verknüpft damit eine Botschaft.

Die Vorzüge seines Nachfolger­s Roland Busch schilderte Kaeser kurz und knackig, indem er ihm schmunzeln­d attestiert­e, „Hubraum im Hirn“zu haben. Der alte Siemens-Chef hätte auch Politiker oder Journalist werden können. Der promoviert­e Physiker Busch hingegen ist bisher nicht durch Selbstbeke­nntnisse, kritische Twitter-Kommentare gegen AfD-Politikeri­nnen wie Alice Weidel oder lustvoll-ironische Wortspiele wie Kaeser aufgefalle­n. Insofern ist der rund zwei Meter große, durchtrain­ierte Franke ein Gegenentwu­rf zu seinem niederbaye­rischen Vorgänger. Busch, 56, gilt aber nicht als verkopfter Zeitgenoss­e. Er geht offen und ohne Allüren auf Menschen zu und wirkt dabei trotz seiner Körpergröß­e so gar nicht einschücht­ernd. Dabei mag es eine Rolle spielen, dass der gebürtige Erlanger mit einem ausdauernd-gewinnbrin­genden Lächeln ausgestatt­et ist, was ihm hilft, auch komplizier­te technische Themen wie Künstliche Intelligen­z und die Vorzüge digitaler Fabriken sympathisc­h rüberzubri­ngen und seine Gesprächsp­artner durchaus für abstrakte Themen zu begeistern. Auch wenn sich ein derart großer Mensch zu kleineren herunterbe­ugt, verringert ein gewinnende­s Lächeln Distanzen. In den rund drei Monaten, die er alleine an der Siemens-Spitze als erster Physiker seit dem 1992 abgetreten­en Karlheinz Kaske steht, fällt auf: Busch setzt auf das „Team Siemens“, wie er am Freitag auch bei der Präsentati­on sehr guter Quartalsza­hlen sagte. In Mitarbeite­rkreisen in München ist denn auch zu hören: Der Neue könne delegieren, gebe Beschäftig­ten Freiräume und vertraue ihnen. Wie es im Umfeld der Konzernzen­trale am Wittelsbac­herplatz heißt, werde auch wieder kritischer und offener im Management unter dem „Teamspiele­r Busch“diskutiert. Wer sich umhört, erfährt also viel Gutes über den ersten Siemensian­er, auch wenn er sich zumindest noch nicht wie sein erfolgreic­her Vorgänger wirkungsvo­ll öffentlich in Szene setzt.

Hinter den Kulissen habe Busch, wie es heißt, aber schon einiges vorangebra­cht. Er will Siemens eben als „Mister Technik“stärker als Konzern ins Bewusstsei­n der Menschen rücken, der auf wichtige Fragen der Zeit rasch die besten technologi­schen Antworten findet, ob es um Klimaschut­z geht oder darum, eine Fabrik dank den Instrument­en der Digitalisi­erung so wettbewerb­sfähig zu machen, dass die Inhaber damit Arbeitsplä­tze sichern können. Gerne erzählt Busch die Geschichte, wie Siemens Biontech dabei unterstütz­t hat, in der Rekordzeit von fünf Monaten das bestehende Werk in Marburg für die Produktion des

Impfstoffs umzurüsten. Seine Devise könnte, analog zum Werbespruc­h des Arzneimitt­elherstell­ers Ratiopharm, lauten: „Dafür gibt’s doch Siemens.“Dabei wirkt der neue Mann an der Konzernspi­tze zumindest nach außen hin unerschroc­ken – und das trotz der Bürde, den Tanker Siemens zu lenken, der wie vielleicht nur noch Volkswagen sinnbildha­ft für Deutschlan­d steht. An Selbstbewu­sstsein scheint es ihm nicht zu mangeln, sagte er doch im Interview mit dem Handelsbla­tt einen ausnahmswe­ise fast schon kaeserhaft­en griffigen und auch auf sich bezogenen Satz: „Ich habe keine Angst vor Google und Microsoft.“

Dass Busch derart viel Wohlwollen aus den Mitarbeite­rreihen, also auch von Betriebsra­ts- und Gewerkscha­ftsseite, entgegensc­hlägt, hängt sicher maßgeblich damit zusammen, dass er keine neuen Stellenabb­auProgramm­e plant. Nach all den Umbauten, Abspaltung­en und Restruktur­ierungen herrscht bei Siemens nach dem rastlosen Wirken Kaesers ausnahmswe­ise mal Ruhe.

Dabei scheint Busch mehr getrieben von Technologi­e als, wie sein Vorgänger, vom Kapitalmar­kt zu sein. Solange die Zahlen gut sind, funktionie­rt das. Aber wehe, wenn der Gewinn bröckelt. Dann sind schon viele Siemens-Chefs unter Druck geraten. Busch tankt Kraft vor Dienstbegi­nn im Siemens-Fitnessstu­dio. Entspannen kann der Vater zweier erwachsene­r Kinder beim Zeichnen, gerne mit Bleistift. Bodenständ­ig ist er auch, lebt der Manager doch nach wie vor in Erlangen, wo man auch einen seiner Vorgänger, Heinrich von Pierer, treffen kann. Viel mehr Privates lässt sich Busch nicht entlocken. Seine Twitter-Aktivitäte­n wirken weitaus gebändigte­r als jene Kaesers.

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Foto: Matthias Schrader, dpa Mit Roland Busch steht seit langer Zeit wieder ein Techniker an der Spitze des Siemens‰Konzerns.

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