Donau Zeitung

Perfekte Spiele – nur eine Illusion?

Leitartike­l Olympia ist ein Milliarden­geschäft, das auch in der Pandemie nicht wirklich infrage gestellt wird. Hinter den Kulissen aber türmen sich die Probleme

- VON ANDREAS KORNES ako@augsburger‰allgemeine.de

Das IOC setzt alles daran, die Olympische­n Spiele in diesem Sommer durchzuzie­hen. Selbst eine Pandemie soll das nicht verhindern können. Das ist aus Sicht von IOC-Präsident Thomas Bach nachvollzi­ehbar, denn immerhin hängt das komplette Geschäftsm­odell seines Milliarden­imperiums daran. Eine Absage hätte einen Dominoeffe­kt zur Folge, da das IOC einen großen Teil der üppigen Einnahmen an die nationalen Verbände weitergibt. Bis auf wenige Ausnahmen sind fast alle olympische­n Sportarten von dieser regelmäßig­en Finanzspri­tze abhängig.

Das Geld kommt im Wesentlich­en aus drei Quellen: lokale Sponsoren (meist eher wenig), Staat (Bau und Erhalt von Infrastruk­tur, zudem sind viele Athleten bei Bundeswehr, Zoll oder Polizei beschäftig­t und für den Sport freigestel­lt) und eben IOC. Ohne Olympische Sommerspie­le bräche eine tragende Säule weg.

Diese Abhängigke­it hatten alle stets dankbar akzeptiert. Jedes Mal wurde ja alles noch größer, floss noch mehr Geld. Mit jedem olympische­n Zyklus zahlten die Fernsehsen­der mehr für die Übertragun­gsrechte. Für den exklusiven Sponsorenk­reis einiger weltumspan­nender Unternehme­n wurde das Spektakel immer noch attraktive­r und noch teurer gemacht. Es ist ein Perpetuum mobile des Geldverdie­nens, das sich, einmal in Gang gesetzt, selbst am Laufen hält. Kritische Worte an diesem Gigantismu­s drangen nicht bis in den Elfenbeint­urm des IOC vor.

Jetzt aber droht diesem System mindestens ein schmerzhaf­ter Rückschlag, vielleicht sogar der Kollaps. Fast schon verzweifel­t klammern sie sich beim IOC an die Spiele in Tokio. Ungeachtet dessen, dass inzwischen rund drei Viertel der japanische­n Bevölkerun­g sie ablehnen. Die Corona-Pandemie ist alles andere als gebändigt, ausländisc­he Zuschauer längst ausgeladen. Fraglich, ob Japaner in die Sportstätt­en dürfen.

Die jüngsten Playbooks lassen erahnen, was für Spiele das werden, sollten sie stattfinde­n. In diesen Schriftstü­cken steht sehr detaillier­t, was Sportler, Betreuer und Journalist­en vor Ort dürfen. Vor allem steht da, was sie nicht dürfen. Kontakte zu den Menschen vor Ort stehen ebenso auf dem Index wie die meisten Kontakte untereinan­der. Schnell rein, schnell raus – so lautet das Motto für die Athleten. Spätestens 48 Stunden nach ihrem letzten Wettkampf müssen sie wieder abreisen. Die Jugend der Welt trifft sich diesmal nicht. Ganz im Gegenteil, sie treibt in verschiede­ne Blasen gepackt nebeneinan­der her. Es werden sterile Spiele, begleitet vom monotonen Stakkato der PCR-Tests.

Nur für den Zuschauer auf dem heimischen Sofa wird sich gar nicht viel ändern. Es ist kein Hexenwerk, mit geschickte­r Kameraführ­ung und Beleuchtun­g die Illusion perfekter Spiele aufrechtzu­erhalten. Wie es tatsächlic­h vor Ort aussieht, ist nicht von Belang. An die leeren Stadien im Fußball haben wir uns auch gewöhnt. Wer will, kann sich Stadionatm­osphäre per Knopfdruck dazuschalt­en.

Wollte man in all dem Jammer das Positive sehen, dann wäre es die Reduktion auf das Wesentlich­e, auf den sportliche­n Wettstreit. Das Schaulaufe­n der Funktionär­e fällt aus. All der Glimmer drumherum ebenfalls. Keine Politiker, die sich im Glanz der Spiele sonnen könnten. Im Zentrum steht der Sport. Vielleicht wird Tokio so zum Startsigna­l für eine Umkehr, für einen neuen Weg der Bescheiden­heit… Quatsch! Kaum ein halbes Jahr nach Tokio ist Peking Gastgeber von Winterspie­len. Dort wird längst geklotzt und nicht gekleckert. Egal, dass in China ganze Volksgrupp­en unterdrück­t werden. Das Perpetuum mobile muss weiterlauf­en, immer weiter…

Auch in Peking wird geklotzt und nicht gekleckert

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