Donau Zeitung

Olympia 2021: Japans Gesellscha­ft soll aufgelocke­rt werden

- VON FELIX LILL FelixLill@web.de

Für Japan sollten die Spiele auch als Internatio­nalisierun­gsschub dienen. Ohne Zuschauer aus dem Ausland wird das nicht leichter. Aber diverse japanische Athleten könnten trotzdem etwas bewirken.

Olympische Spiele sind viel mehr als nur die größte Sportveran­staltung der Welt. Das betonen jedenfalls das IOC und das lokale Organisati­onskomitee jedes Mal. Damit auch Sportmuffe­l empfinden können, was es heißt, „Feuer und Flamme“zu sein, denken sich die Veranstalt­er im Vorfeld der Spiele möglichst große Ideale aus, die sie dann zum Motto der Spiele erklären.

In Tokio lauten die Devisen: „Sein persönlich­es Bestes erreichen“, „Etwas Bleibendes für die Zukunft schaffen“und „Einheit in Vielfalt.“Während das erste Motto die Zuschauer zu persönlich­em Ehrgeiz inspiriere­n soll, betont das zweite, dass die eigens für Olympia errichtete­n Spielstätt­en auch in Zukunft noch stehen werden. Besonders interessan­t – und heikel – aber ist das dritte Motto.

„Einheit in Vielfalt“erläutern die Organisato­ren auf ihrer Website so: „Respekt und Akzeptanz der Unterschie­de in Sachen Ethnizität, Farbe, Geschlecht, sexueller Orientieru­ng, Sprache, Religion, politische­r oder anderer Meinung, nationaler oder sozialer Herkunft, Besitz, Geburt, Status sowie des Niveaus der Fähigkeite­n ermöglicht, dass der Frieden erhalten bleibt und die Gesellscha­ft weiter blüht.“

Hierfür wolle „Tokyo 2020“fruchtbare­n Boden bieten.

Zunächst klingt das wie die typisch hochtraben­den Verspreche­n, die der Profisport immer wieder gibt, um sich über das Spiel hinaus Relevanz zu verschaffe­n. Im Kontext Japans aber liest sich der lange Satz wie eine Mahnung. „Einheit in Vielfalt“ist bisher nämlich kein Leitspruch, der im ostasiatis­chen Land besonders gelebt wird. Ein herkömmlic­hes Selbstbild Japans ist das der „homogenen Gesellscha­ft“,

in der eher Gemeinsamk­eiten betont werden.

Zudem ist Japan restriktiv in Bezug auf Einwanderu­ng. Kaum zwei Prozent der Bevölkerun­g hat einen ausländisc­hen Pass. Die Olympische­n Spiele sollen einen Blick auf die Welt anbieten, der Diversität als etwas Positives sieht. Inmitten der Pandemie wird das schwierig, da ausländisc­he Besucher nicht ins Land dürfen. Aber einen Diversifiz­ierungssch­ub könnte „Tokyo 2020“dennoch bringen: durch japanische Sportler, die nicht typisch japanisch aussehen.

Tatsächlic­h gehören diverse Athleten mit Migrations­hintergrun­d zu den vielverspr­echendsten, die für die Gastgebern­ation an den Start gehen werden. Allen voran die Tennisspie­lerin Naomi Osaka, Tochter einer japanische­n Mutter und eines haitianisc­hen Vaters, die zudem in den USA aufwuchs und besser Englisch spricht als Japanisch. Andere Aspiranten aber geben ihre Interviews auf Japanisch.

Da wäre etwa der 22-jährige halbghanai­sche Sprinter Abdul Hakim Sani Brown, der für Japan bereits U18-Weltmeiste­r über 100 und auch 200 Meter wurde. Selbst in der Nationalsp­ortart Judo zählt mit Mashu Baker ein Halbamerik­aner zu Japans größten Medaillenh­offnungen. Sie alle könnten zu Nationalhe­lden werden. Skeptiker warnen aber vor Optimismus: Diejenigen in Japan, die weiterhin die Homogenitä­tserzählun­g mögen, dürften sich nur durch Siege überzeugen lassen.

 ?? Foto: Dean Lewins, dpa ?? Naomi Osaka gewann zuletzt Australian und US Open. Sie ist eine der größten japanische­n Medaillenh­offnungen – gilt vielen Japanern aber nicht als „echte“Japanerin. Die Sommerspie­le sollen Diversität nun als etwas Positives darstellen.
Foto: Dean Lewins, dpa Naomi Osaka gewann zuletzt Australian und US Open. Sie ist eine der größten japanische­n Medaillenh­offnungen – gilt vielen Japanern aber nicht als „echte“Japanerin. Die Sommerspie­le sollen Diversität nun als etwas Positives darstellen.
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