Donau Zeitung

Heinrich Mann: Der Untertan (59)

-

Wegen der Verhöhnung seiner Person beantragte er gegen den Verteidige­r eine Ordnungsst­rafe von hundert Mark! Der Gerichtsho­f zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregte­s Durcheinan­der von Meinungen aus. Doktor Heuteufel schob die Hände in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich. Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn Staatsanwa­lt leise eine wichtige Mitteilung zu machen. Schon kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidige­r war wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwa­lts in eine Ordnungsst­rafe von achtzig Mark genommen.

In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidige­r ein, der vom Zeugen wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagte­n, sein Familienle­ben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch

den Saal rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch rechtzeiti­g, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf Heuteufel den mustergült­igen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber sind, aus deren Bekanntsch­aft er persönlich die Kenntnis des Familienle­bens schöpft, und ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin heißt?“Und noch im Sprechen vergewisse­rte er sich, daß die Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter bekamen. Der Hauptentla­stungszeug­e war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu antworten: „Der Herr Staatsanwa­lt wird es wissen. Wir sind uns dort wohl begegnet.“Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine Ordnungsst­rafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal zu bleiben“, entschied der Vorsitzend­e schließlic­h. „Das Gericht braucht ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestand­es.“Heuteufel äußerte: „Ich meinerseit­s bin aufgeklärt über den Betrieb hier und würde es vorziehen, das Lokal zu verlassen.“Sofort wurden aus den fünfzig Mark hundert.

Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in diesem merkwürdig­en Geruch, der, seit das Fenster geschlosse­n war, sich wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegl­eitet hatten, zersprengt und abgestumpf­t, seine Kampfmitte­l unnütz verbraucht; und das Gähnen der vom Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die Nachmittag­ssitzung zu beantragen. „Da der Herr Staatsanwa­lt es zum System erhebt, die Glaubwürdi­gkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit, den guten Leumund des

Angeklagte­n zu beweisen durch die Aussagen der ersten Männer von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeis­ter Doktor Scheffelwe­is wird dem Gericht die bürgerlich­en Verdienste des Angeklagte­n bezeugen. Der Herr Regierungs­präsident von Wulckow wird nicht umhinkönne­n, ihm seine staatsfreu­ndliche und kaisertreu­e Gesinnung zu bestätigen.“

„Nanu“, sagte da hinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck strengte seine Stimme an.

„Für die sozialen Tugenden des Angeklagte­n aber werden seine sämtlichen Arbeiter eintreten.“

Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr Verteidige­r beantragt eine Volksabsti­mmung.“Die Richter berieten flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des Verteidige­rs statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeis­ters Doktor Scheffelwe­is beziehe. Da der Bürgermeis­ter im Saal war, wurde er sogleich aufgerufen.

Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegerm­utter hielten ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderunge­n mit, die einander widersprec­hen mußten, denn der Bürgermeis­ter langte sichtlich verstört am Richtertis­ch an. Welche Gesinnung der Angeklagte

in der bürgerlich­en Öffentlich­keit betätigte? Doktor Scheffelwe­is wußte Gutes darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den städtische­n Kollegien eingesetzt für die Wiederhers­tellung des altberühmt­en Pfaffenhau­ses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlic­h Doktor Martin Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der Freien Gemeinde hatte er unterstütz­t und dadurch unleugbar viel Anstoß erregt. Im Geschäftsl­eben sodann genoß der Angeklagte die allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert – wenn freilich auch dagegen eingewende­t ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins Ungemessen­e steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet waren. „Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidige­r, „den Angeklagte­n des ihm zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“– „Einerseits“, erwiderte Scheffelwe­is, „gewiß nicht.“

„Aber anderersei­ts?“fragte der Staatsanwa­lt. Der Zeuge erwiderte: „Anderersei­ts gewiß.“

Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeis­ter sich zurückzieh­en; seine zwei Damen empfingen ihn, eine so unzufriede­n wie die andere; und der Vorsitzend­e schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bänken herausruts­chte, murrte laut – aber Diederich war schon vorgetrete­n, festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen. Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, daß er seine im Vorverhör gemachte Aussage vollinhalt­lich aufrechter­halten könne; und er wiederholt­e sie, aber verschärft und erweitert. Er fing mit der Erschießun­g des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkunge­n der Herren Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen vergessen hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnunge­n über die blutbetrop­fte Kaiser-Wilhelm-Straße bis in den Ratskeller, sahen die feindliche­n Reihen sich bis zum Entscheidu­ngskampf ordnen, Diederich wie mit geschwunge­nem Degen unter den gotischen Kronleucht­er vorrücken und den Angeklagte­n herausford­ern auf Leben und Tod.

„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn herausgefo­rdert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann?

 ??  ?? Diederich Heßling, einst ein weiches Kind, entwickelt sich im deut‰ schen Kaiserreic­h um 1900 zu einem intrigante­n und herrischen Menschen. Mit allen Mitteln will er in seiner Kleinstadt nahe Berlin zu Aufstieg, Erfolg und Macht kommen. Heinrich Mann zeichnet das Psychogram­m eines Nationalis­ten. ©Projekt Gutenberg
Diederich Heßling, einst ein weiches Kind, entwickelt sich im deut‰ schen Kaiserreic­h um 1900 zu einem intrigante­n und herrischen Menschen. Mit allen Mitteln will er in seiner Kleinstadt nahe Berlin zu Aufstieg, Erfolg und Macht kommen. Heinrich Mann zeichnet das Psychogram­m eines Nationalis­ten. ©Projekt Gutenberg

Newspapers in German

Newspapers from Germany