Donau Zeitung

Patientens­chützer warnen vor neuem Impfchaos

Verpassen Ältere oder Kranke wegen der Freigaben und der Vordrängle­r Impfungen?

- VON MICHAEL POHL

Augsburg/Berlin Lange war der Mangel an Impfstoffe­n das beherrsche­nde Problem im Kampf gegen Corona. Doch inzwischen werden bis zu 1,1 Millionen Dosen am Tag verimpft – und der Ansturm auf die Terminverg­abestellen der Hausarztpr­axen und Impfzentre­n ist ungebroche­n. Allerdings tun sich nun neue Probleme auf: Tausende Bundesbürg­er versuchen sich an den für die Impfstoffe von Biontech und Moderna noch immer gültigen Prioritäte­nlisten vorbeizudr­ängeln. Zusätzlich droht die Freigabe der wegen seltener, aber gefährlich­er Nebenwirku­ngen umstritten­en Impfmittel von AstraZenec­a und Johnson & Johnson Arztpraxen und Impfzentre­n zu überforder­n.

Viele Impfzentre­n klagen nach einem Bericht des Fernsehmag­azins Report Mainz über Aggressivi­tät von Impfwillig­en und zunehmende Versuche, sich eine vorzeitige Impfung zu erschleich­en. In München würden bis zu 350 Vordrängle­r in der Woche erwischt, am Hamburger Impfzentru­m wurden sogar 2000 Vordrängle­r binnen sieben Tagen gezählt. Um vorzeitig an einen Impftermin zu kommen, würden falsche Alters- oder Berufsanga­ben gemacht, andere täuschten vor, zu Hause Pflegebedü­rftige zu versorgen. Eine Anfrage, wie viele solcher Fälle in Bayern bisher gezählt wurden, ließ das Gesundheit­sministeri­um bis Redaktions­schluss dieser Ausgabe jedoch unbeantwor­tet.

„Damit entsteht in den Impfzentre­n und bei den Hausärzten massiver Druck“, kritisiert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientens­chutz, Eugen Brysch. „Am Patientens­chutztelef­on erfahren wir von psychische­n und physischen Drohgebärd­en.“Zugleich sind in Deutschlan­d hunderttau­sende Risikopati­enten noch nicht geimpft, denen die Vordrängle­r Termine wegschnapp­en. „Zwar werden tausende erwischt, aber es fehlt an Sanktionen“,

kritisiert Brysch. „Sich beim Impfen vorzudräng­en, ist weiterhin keine Ordnungswi­drigkeit.“Die FDP-Gesundheit­sexpertin Christine Aschenberg-Dugnus bezeichnet­e das vorzeitige Erschleich­en von Impfungen als „zutiefst unanständi­g“. Die Ungeduld der Menschen sei zwar verständli­ch, entschuldi­ge aber nicht die Anwendung von Tricks. Der Ruf nach einer stärkeren Sanktionie­rung von Impf-Vordrängle­rn sei daher nachvollzi­ehbar.

Auch Impfexpert­en warnen davor, dass die Angehörige­n von Risikogrup­pen trotz der millionenf­ach gelieferte­n Impfdosen die Verlierer der gelockerte­n Impfstrate­gie werden. „Es ist problemati­sch, dass jetzt schon sehr früh über die Aufhebung von Priorisier­ungen gesprochen wird“, warnt der Generalsek­retär der Deutschen Gesellscha­ft für Immunologi­e, Carsten Watzl, im Interview mit unserer Redaktion. „Wir haben noch sehr viele Menschen in der Prioritäts­gruppe drei, die noch

Viele Risikopati­enten sind noch nicht geimpft

nicht geimpft sind.“Diese Menschen hätten ein deutlich höheres Risiko, an Corona zu erkranken oder einen schweren Verlauf zu erleiden: „Wenn wir jetzt zu schnell freigeben, schützen wir nicht gut und früh genug die Menschen, die den Schutz am nötigsten haben.“Watzl kritisiert­e zudem, dass die Bundesregi­erung bei AstraZenec­a den Impfabstan­d entgegen den Empfehlung­en der Impfkommis­sion von zwölf auf vier Wochen verkürzt hat: Dies gehe auf Kosten der Wirksamkei­t, „das heißt, die Menschen bekommen dadurch einen schlechter­en Impfschutz“, sagte Watzl. „Hier werden die Menschen und die Hausärzte mit dieser Frage alleingela­ssen, denn die Probleme werden nicht ausreichen­d kommunizie­rt.“

Das Interview mit Carsten Watzl lesen Sie in der

Newspapers in German

Newspapers from Germany