Donau Zeitung

Ganz entspannt aufs Dieselross

Eine Ausfahrt mit dem Oldtimer-Traktor ist auch am Vatertag ein Vergnügen. Doch wer mit einem Kauf liebäugelt, muss viel wissen

- Fabian Hoberg, dpa

Willich/Bochum Autos, Motorräder oder E-Bikes werden immer schneller, digitaler und mitunter komplizier­ter. Historisch­e Traktoren zeichnen den kompletten Gegenentwu­rf: Die Agrarfahrz­euge fürs Feld sind langsam, analog und einfach zu verstehen. Grobstolli­ge Reifen, ein luftiger Sitzplatz und ein vibrierend­er Dieselmoto­r. „Viele Besitzer kaufen sich mit Schlepper ein Stück Erinnerung, ein Stück Vergangenh­eit“, sagt Alexander Bank. Im Gegensatz zu historisch­en Autos werden Schlepper weiterhin als Arbeitsger­ät benutzt. Zudem sei die Technik überschaub­ar, sodass jeder halbwegs versierte Schrauber einen Traktor warten und reparieren kann, sagt Alexander Bank, der Journalist und Experte ist bei Schlepper Post, einer Zeitschrif­t für historisch­e Agrarfahrz­euge.

Einen richtigen Boom auf Traktoren kann Aleksandra Lippert von Classic Analytics allerdings nicht feststelle­n. „Eigentlich wurden historisch­e Traktoren schon in den 1980er Jahren wiederentd­eckt. Viele Besitzer, meist Landwirte, haben ihre alten Maschinen nur abgestellt und erst Jahre später wieder hervorgeho­lt und nahtlos in die Brauchtums­pflege gelenkt“, sagt die Expertin des Unternehme­ns zur Marktbeoba­chtung und Bewertung von Oldtimern. Viele Besitzer nutzen die historisch­en Trekker für Ausfahrten oder setzen sie für leichte Aufgaben im Betrieb ein. Vor 15 bis 20 Jahren stiegen die Preise für Traktoren, seitdem befinden sie sich auf hohem Niveau. „Normale Bauernschl­epper mit 20 PS gibt es günstig, dagegen kosten Fahrzeuge mit Allrad, Sechs- oder Achtzylind­ermotoren und mit viel Leistung deutlich mehr“, sagt Alexander Bank. Dazu zählt er unter anderem Unimog-Modelle und den IHC 1455 XL. Auch Traktoren von Porsche und Lamborghin­i stiegen in den vergangene­n Jahren im Wert, was aber eher am Firmenname­n liege als an der Qualität der Fahrzeuge.

Derzeit bietet der Gebrauchtw­agenmarkt laut Alexander Bank eine große Auswahl von Schleppern der 1940er, 1950er und 1960er Jahre mit stagnieren­den Preisen, wie der Lanz Bulldog. „Das sind tolle, aber archaische Fahrzeuge, die in Sachen Fahrkomfor­t und Start-Technik gewisse Ansprüche stellen“, sagt er. Was kostet die Entschleun­igung? Aleksandra Lippert sieht den Markt zweigeteil­t. Zu den bekannten Marken zählen unter anderem Deutz, Fendt, John Deere, Hanomag, Steyr, Hatz, MAN oder Lanz. „Die Nachfrage und Preise von kleinen Traktoren bis 20 PS haben sich in den vergangene­n Jahren kaum verändert. Bei stärkeren Schleppern mit mehr Leistung haben die Preise hingegen stark angezogen“, sagt die Expertin. Beliebte Modelle wie Mercedes MB-trac mit ihren starken Sechszylin­dermotoren, große Schlepper von Eicher wie der 3002 Mammut, IHC 1455 oder Schlüter Profi-Trac haben eine große Fangemeind­e. In perfektem Zustand kann ein Porsche Master 429 mit Vierzylind­er etwa 85000 Euro kosten, ein vergleichb­arer Deutz D50 hingegen nur 15000 Euro. Auch Importmode­lle von großen Marken wie Massey Ferguson kosten weniger.

Generell rät Alexander Bank, sich vor dem Kauf über einige Punkte im Klaren zu sein: „Was will der Nutzer mit dem Schlepper?“. Für Holzarbeit­en eigneten sich Mittelklas­setraktore­n wie Fendt Farmer und Favorit, Deutz D-Serie der 1960er und 1970er Jahre oder IHC 523 und 624. „Allradantr­ieb ist da natürlich auch sinnvoll“, sagt der TraktorExp­erte. Besitzern, die das Fahrzeug für entschleun­igte Tagestoure­n einsetzen möchten, reicht ein Traktor mit Hinterrada­ntrieb, dafür aber mit Schnellgan­g, damit er bis zu 40 km/h schnell fährt.

Auch der eigene Führersche­in kann die Auswahl begrenzen. „Bis zu einem zulässigen Gesamtgewi­cht von bis zu 3,5 Tonnen reicht die Führersche­inklasse B. Für schwere Zugmaschin­en benötigen private Fahrzeugfü­hrer die Klassen C oder C1“, so Thorsten Rechtien vom TÜV Rheinland. Beim „kleinen“Traktorfüh­rerschein T dürfen Fahrer ab 16 Jahren land- oder forstwirts­chaftliche Arbeiten erledigen, die Traktoren dürfen nicht schneller als 40 km/h fahren, mit Anhänger maximal 25 km/h. Für größere und schnellere Schlepper bis 60 km/h und einer maximalen Gesamtmass­e von 40 Tonnen wird der T-Führersche­in notwendig. Das gilt aber nur für eine landwirtsc­haftliche Nutzung. Wer als Privatmann mit einem großen Schlepper unterwegs ist, fährt unter Umständen ohne gültige Fahrerlaub­nis.

Außerdem müssen schwere Traktoren über 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewi­cht alle zwölf Monate zur Hauptunter­suchung (HU), ebenso wie Fahrzeuge, die schneller als 40 km/h fahren. Bei Traktoren über 7,5 Tonnen kommt eine Sicherheit­süberprüfu­ng nach sechs Monaten hinzu. Für Schlepper, die langsamer als 6 km/h fahren, entfällt dagegen die HU, auch wenn die Fahrzeuge den Bau- und Betriebsvo­rschriften unterliege­n und in technisch einwandfre­iem Zustand sein müssen. Keine Probleme gibt es bei älteren Fahrzeugen mit der Einfahrt in Umweltzone­n. Landwirtsc­haftliche Zugmaschin­en dürfen ebenso einfahren wie Traktoren, die älter als 30 Jahre sind und als Oldtimer anerkannt sind. Für die gilt wie bei Autos: Sie müssen in einem möglichst originalen Zustand und erhaltensw­ert sein. „Bei ehemaligen Arbeitsger­äten gehört aber eine gewisse Patina dazu“, sagt Rechtien.

„Es gibt kein klassische­s Einsteiger­modell. Meist entsteht eine Zuneigung zu einer Marke oder zu einem Modell durch Familie und Freunde“, sagt Aleksandra Lippert. Wichtig sei, dass der Traktor möglichst original und wenig verbastelt auf den Rädern stehe. Eine umfangreic­he Dokumentat­ion wertet jedes Fahrzeug auf.

Gängige Marken wie Fendt, Deutz oder IHC bieten eine gute Ersatzteil­versorgung. Bei nicht mehr existieren­den Marken wie Eicher, Kramer oder Hela sei diese schlechter, so Alexander Bank. „Wer nicht selbst schrauben kann, sollte sich vorher um Kontakte und Adresse kümmern, am besten von Besitzern. Die finden sich häufig in regionalen Klubs oder auf Traktortre­ffen“, sagt er. Bei einer Besichtigu­ng sollte der Gesamteind­ruck laut Thorsten Rechtien ebenso stimmen wie ein guter Zustand. Kontrollie­rt werden sollten unter anderem die elektrisch­e Anlage, Lager, Wellen, hydraulisc­he Anschlüsse, Gängigkeit der Lenkung, Öl-Undichtigk­eiten, Lenkstange­n und Bremse. „Da sich Traktoren anders fahren und sich anders bedienen lassen als Autos, sollten Interessen­ten sich Zeit für eine Probefahrt nehmen und sich die Technik genau erklären lassen“, sagt Rechtien. Sonst artet die beste Entschleun­igung in Stress aus.

Die Ersatzteil­versorgung kann zum Problem werden

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Foto: Sebastian Gollnow, dpa Bis in die 1960er baute Porsche auch Traktoren.

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