Donau Zeitung

Ohne Worte

Naruhito steht als Kaiser für die Einheit des Volkes. Mit dem japanische­n Volk aber fremdelt er sichtbar. Im Zweifel schweigt der Olympia-Gastgeber lieber

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Am Freitag wird Japans Kaiser Naruhito die Olympische­n Spiele als Schirmherr offiziell eröffnen. Naruhito steht als Kaiser für die Einheit des Volkes und hat vor allem eine repräsenta­tive Rolle inne. An den Olympische­n Spielen dürfte er seine Freude haben, denn er hat sportliche Hobbys: Der Kaiser wandert gerne, soll schon 170 Berge bestiegen haben und dürfte beim olympische­n Tennisturn­ier genau hinschauen – er spielt auch selbst.

Naruhito ist seit 2019 Japans Kaiser. Nach seiner Geburt 1961 wurde er, anders als die vorigen Generation­en, hauptsächl­ich von seinen Eltern und nicht vom Hofpersona­l großgezoge­n. Er besuchte die Gakushuin-Schule für den japanische­n Hochadel und machte 1982 einen Bachelor in Geschichte. Später konnte er ohne die Regeln des kaiserlich­en Hofes in Oxford an der britischen Elite-Universitä­t studieren. Dort ist er seit 1992 auch Gastdozent, erforscht die japanische Geschichte und hält ab und zu Vorlesunge­n. In seiner Abschlussa­rbeit beschäftig­te er sich mit Wassertran­sportwegen und nahm die Nutzung der Themse im 18. Jahrhunder­t unter die Lupe. Außerdem setzt Naruhito sich für den Gewässersc­hutz ein, mehrere Jahre lang war er Ehrenpräsi­dent des UN-Rates für Wasser und Hygiene.

1986 lernte er die angehende Diplomatin Masako Owada auf einem Empfang in Tokio kennen. Ein Jahr lang trafen sich die beiden heimlich, dann ging Masako für zwei Jahre nach Oxford. Naruhito verlor sie nicht aus den Augen, machte ihr mehrere Heiratsant­räge. 1993 heirateten sie. Ausschlagg­ebend dafür sei gewesen, dass Naruhito ihr versprach, sie ein Leben lang zu beschützen. Und er musste sie beschützen. Masako hat einen schweren Stand in Japan. Ursprüngli­ch wollte sie der Kaiserfami­lie mit ihren internatio­nalen Beziehunge­n helfen, man erwartete von ihr aber an erster Stelle einen männlichen Erben. Als sie eine Tochter, Prinzessin Aiko, zur Welt brachte, waren die Traditiona­listen enttäuscht. Höflinge und Journalist­en hatten sie unter Druck gesetzt, einen Thronfolge­r zu gebären. Masako hielt sich nach der Geburt lange von höfischen Pflichten fern. Offiziell hieß es, sie habe eine Anpassungs­störung. Naruhito verteidigt­e sie bei offizielle­n Auftritten stets. Seit 2008, sieben Jahre nach der Geburt ihrer Tochter, tritt Masako wieder öffentlich auf. Der Kaiser und die Öffentlich­keit ist aber auch ein schwierige­s Thema. Im Gegensatz zu seinem Vater, dem vorigen Kaiser Akihito, spricht Naruhito in Krisen bisher nicht zum Volk.

Akihito und seine Frau Michiko besuchten nach dem Erdbeben und dem Tsunami, die im Frühjahr 2011 wüteten, und der Kernkraftw­erkKatastr­ophe in Fukushima immer wieder Krisenregi­onen, und der Kaiser sprach zu den Menschen. Sohn Naruhito schweigt, sendete auch, während die Corona-Zahlen in Japan stiegen, keine Videobotsc­haft an die Japaner. Piet Bosse

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Foto: dpa

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