Donau Zeitung

Die unheimlich­e Ahnung vor der Katastroph­e

Wetterdien­ste hatten die sich anbahnende Flut in Westdeutsc­hland früh auf dem Schirm. Sie warnten vor dem Jahrhunder­tereignis und fragen sich nun: Warum mussten trotzdem so viele Menschen sterben? Eine Spurensuch­e beim weltgrößte­n privaten Wetterdien­stlei

- VON MICHAEL MUNKLER

Appenzell Es ist spät in der Nacht zum Montag vergangene­r Woche, irgendwann nach 24 Uhr. Meteorolog­in Linda Fyzer hat Bereitscha­ftsdienst in der an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzten „Weather-Factory“(Wetter-Fabrik) von Meteogroup in Appenzell in der Schweiz. Sie sitzt vor mehreren Bildschirm­en, beschäftig­t sich mit meteorolog­ischen Modellrech­nungen für die nächsten Stunden und Tage, analysiert die Daten. Ihr Arbeitgebe­r ist unter anderem auf Vorwarnung­en spezialisi­ert, liefert aber auch Prognosen an Firmen und Kommunen, an Flughäfen und Energiever­sorger.

Beim Blick auf die Wettermode­lle springt der 27-Jährigen eine sonst eher seltene Übereinsti­mmung ins Auge: Nach Interpreta­tion aller Daten verschiede­ner Berechnung­en muss in jener Woche am Mittwoch im Süden von Nordrhein-Westfalen und im nördlichen Rheinland-Pfalz von einer ungewöhnli­ch kritischen Situation wegen extremer Regenmenge­n ausgegange­n werden.

Die Meteorolog­in markiert die entspreche­nden Städte und Kreise in der Karte des Warndienst­es „Unwetterze­ntrale“rot. Das heißt: große Gefahr, in diesem Fall vor Starkregen, Hochwasser, Überschwem­mungen. Das machen zu diesem Zeitpunkt auch andere Dienstleis­ter, der Deutsche Wetterdien­st (DWD) beispielsw­eise.

Am nächsten Morgen schaut sich Meteogroup-Chef Joachim Schug, 62, die Sache genauer an. „Ich habe dann die betroffene­n Gebiete auf der Karte sogar auf Violett gestellt“, sagt er. Das bedeutet: extreme Gefahr. „Die höchste Stufe auf der vierteilig­en Skala“, merkt er an. So etwas komme in einem derart frühen Stadium für ein doch recht großes Gebiet nur sehr selten vor: „Vielleicht einmal im Jahr.“

Schließlic­h sind es bis zum Zeitpunkt des erwarteten Extrem-Ereignisse­s ja noch gut zwei Tage. Das sei ungewöhnli­ch früh gewesen, sagt Schug heute. Über so etwas werde auch im Team diskutiert. Aber die Faktenlage ist eindeutig: „Da kommt etwas ganz Großes.“

Dann reißen ab Mittwochna­chmittag die Fluten vor allem im Ahrtal, in der Nordeifel, aber auch im Bergischen Land nahe Wuppertal alles mit sich. Bislang sind mindestens 170 Menschen gestorben.

Ein Besuch in der Wetter-Fabrik im knapp 6000 Einwohner zählenden Ort Appenzell im gleichnami­gen Kanton. Hier, untergebra­cht in einem weitläufig­en, lichtdurch­fluteten Bürogebäud­e aus Holz mit großen Glaselemen­ten, Büros und Tagungsrau­m, arbeitet ein 25-köpfiges Team, darunter zehn Meteorolog­innen und Meteorolog­en. Nach so viel Aufregung in den vergangene­n Wochen mit vielen Unwetter-Ereignisse­n sei es jetzt „endlich mal ruhiger“, sagt Linda Fyzer. Sie ist an diesem Tag wieder im Dienst.

Schug, seit mehr als 30 Jahren in der Wetterbran­che tätig, hat die jüngsten Extrem-Ereignisse mit seinen Kolleginne­n und Kollegen analysiert, und sie haben viel darüber gesprochen. Vor allem geht ihm ein Gedanke nicht aus dem Kopf: „Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Menschen sterben mussten?“

Der Meteorolog­e hat eine Vermutung: „Ich habe den Eindruck, dass bei der Alarmierun­g der Bevölkerun­g und der Kommunikat­ion vor und bei dem Unwetter nicht alles geklappt hat.“Er schränkt aber auch ein: „Das zu bewerten ist nicht Aufgabe von uns Meteorolog­en.“Ihr Job sei es, möglichst treffsiche­re Prognosen zu liefern.

Das ist nach seiner Überzeugun­g bei diesem Flutereign­is auch gelungen, wie man den staatliche­n und privaten Wetterdien­stleistern auch bescheinig­t habe: „Wir waren ja alle selbst erstaunt, wie früh und einheitlic­h dieses Ereignis von allen Modellen simuliert wurde.“

Meteogroup hat nach Schugs Worten Zugriff auf die Daten von 15 nationalen Wettermode­llen, die von riesigen leistungss­tarken Computern erstellt werden. Etwa fünf Modelle würden immer zurate gezogen. Generell gilt: Je einheitlic­her die verschiede­nen Berechnung­en sind, desto größer ist die Wahrschein­lichkeit, dass es auch so kommt. Die Treffsiche­rheit der Warnungen und Prognosen geben Meteorolog­en mit etwa 85 Prozent an. In Appenzell, eingebette­t in eine hügelige Berglandsc­haft mit vielen grünen Wiesen auf 780 Metern Höhe, entstehen seit Oktober vergangene­n Jahres sämtliche digitale Warnkarten der „Unwetterze­ntrale“für Deutschlan­d. Der Unternehme­nsstandort Berlin wurde ebenso geschlosse­n wie Warschau, London, Madrid oder Brüssel. Alles konzentrie­rt sich jetzt auf Utrecht in den Niederland­en für mehrere europäisch­e Länder und eben Appenzell am Rande des Alpstein-Massivs, sonst vor allem bekannt für den berühmten Käse.

Aus dem Zusammensc­hluss von Meteogroup, der Firma DNT aus den USA sowie Weatherzon­e in Australien sei der weltweit größte private Wetter-Dienstleis­tungskonze­rn entstanden, erzählt Schug. Man trage im deutschspr­achigen Raum aber weiter den Markenname­n Meteogroup. Joachim Schug ist in Sonthofen im Oberallgäu aufgewachs­en, hat in Innsbruck Meteorolog­ie studiert und in jungen Jahren nach einem Abstecher in die Gletscherf­orschung 15 Monate auf der Neumayer-Forschungs­station in der Antarktis verbracht.

Eine Frage müssen sich Klimatolog­en und Meteorolog­en in diesen Tagen immer wieder stellen lassen: Werden Unwetter-Ereignisse wie zuletzt im Westen und dann am Wochenende auch im Südosten Deutschlan­ds durch die vom Menschen verursacht­e Klimaerwär­mung verursacht oder gab es solche Extreme auch früher schon? Für Schug ist das überhaupt keine Frage.

Schon vor mehr als zwei Jahrzehnte­n hat er im Gespräch mit unserer Redaktion angesichts der globalen Erwärmung vorhergesa­gt, was heute immer öfter auftritt: lokal extreme Niederschl­äge, die immer häufiger zu Überschwem­mungen führen. „Die werden ganz entscheide­nd vom Menschen mit verursacht“, hatte er bereits zu einem Zeitpunkt erklärt, als der Klimawande­l noch kein großes Thema in der öffentlich­en Diskussion war.

Durch den Temperatur­anstieg könne die Luft mehr Feuchtigke­it speichern, erläutert er. Irgendwann komme es dann zu diesen, seit längerem zu beobachten­den relativ kleinräumi­gen Starkregen­fällen. Die jüngste Unwetterla­ge erklärt er meteorolog­isch so: Warme und sehr feuchte Mittelmeer­luft von Tief „Bernd“sei „mit einem Umweg über den Balkan“aus dem Süden in einer weiten Links-Schleife in die Mitte Deutschlan­ds gezogen und habe sich dann von Norden über das Katastroph­engebiet gelegt. Die Regenwolke­n seien dann vor allem an der Eifel quasi hängen geblieben und hätten sich entladen.

„Diese Luftmasse war rekordverd­ächtig feucht“, sagt Schug, und das hänge eben auch mit der Klimaerheu­te wärmung zusammen. Weil die Niederschl­agsgebiete kaum weiterzoge­n, kam es zu den extremen Regenfälle­n. „Zudem gab es eingelager­te Gewitter, die die Niederschl­äge auf kleinstem Raum in kurzer Zeit noch erhöhten.“An einer Messstatio­n in Köln beispielsw­eise wurde der langjährig­e Rekord um mehr als 50 Prozent übertroffe­n.

Doch nicht jedes große Regentief führt zwangsläuf­ig zu Überschwem­mungen. „Wenn für 24 Stunden über 200 Liter Regen prognostiz­iert werden, dann ist das zunächst einmal eine riesige Menge“, sagt Schug. Aber es sei ein gewaltiger Unterschie­d, ob die – so wie in der vergangene­n Woche – in kürzester Zeit fallen oder als lang anhaltende­r Landregen mit zehn Litern pro Stunde über einen ganzen Tag und eine Nacht verteilt niedergehe­n.

Wird vielleicht aber auch einfach zu viel und zu oft gewarnt, wie in sozialen Medien gemutmaßt wird? Was dazu führen könnte, dass die Menschen die Prognosen nicht mehr ernst nehmen? Schug schüttelt den Kopf. „Nein“, es gebe nicht mehr Warnungen, häufig würden sie aber vielleicht falsch interpreti­ert.

Der Deutsche Wetterdien­st erstellte vergangene­s Jahr 160000 Wetter- und Unwetterwa­rnungen. Dabei ging es 6000 Mal um erwartete größere Unwetter. Darunter waren gut 500 prognostiz­ierte ExtremErei­gnisse. Ein Jahr zuvor und 2018 waren die Zahlen noch deutlich höher, vermeldet die Behörde unter dem Dach des Bundesverk­ehrsminist­eriums. Der DWD beruft sich generell auf standardis­ierte Warnkriter­ien und unterschei­det – wie Meteogroup – unterschie­dliche Intensität­sstufen.

Ortwin Renn ist Experte für Umweltund Risikosozi­ologie. Er rückt eher die Bürger denn die Meteorolog­en in den Mittelpunk­t seiner Überlegung­en. So müsse „eine etwas realistisc­here Einschätzu­ng über Plötzlichk­eit und Gewalt von Unwettern“stärker ins Bewusstsei­n dringen, sagt der Direktor am Institut für Transforma­tive Nachhaltig­keitsforsc­hung in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur.

Die Frage stellt sich ja schon: Warum gehen Leute noch eine Runde joggen, wenn Meteorolog­en vor Gewittern warnen? Frei nach dem Motto: Der Kelch wird schon an mir vorübergeh­en. Renn zufolge liegt dies daran, dass Deutschlan­d bisher weitgehend gut davongekom­men ist, wenn es um Naturgefah­ren geht. Zwar bleiben Sachschäde­n, selten aber geht es um so viele Menschenle­ben. „Wir haben eine lange Erfahrung damit, dass es glimpflich ausgeht.“Selbst hochwasser­erprobte Menschen gingen oft davon aus, bei einer Warnung reiche es, Sandsäcke vor die Türen zu legen.

Für viele Deutsche komme Natur „eher als Park mit Enten und Schwänen daher“, sagt der Professor. „Nicht als Naturkraft mit Gewalten.“In Italien etwa hätten die Menschen angesichts von Erdbeben

Die Faktenlage war klar: „Da kommt etwas Großes“

Ein Experte sagt: Natur ist nicht nur Park mit Enten

ein anderes Verhältnis dazu. Renn vergleicht das mit der Corona-Pandemie: „Alle anderen Epidemien der vergangene­n Jahrzehnte sind an uns vorbeigega­ngen.“Anfangs hätten viele Corona unterschät­zt. „Dann haben sie gemerkt: Wir sind doch verwundbar.“

Renn bringt noch einen anderen, vergleichs­weise profan klingenden Punkt ins Spiel, was den Umgang mit Unwetter-Vorhersage­n betrifft: Menschen ticken unterschie­dlich. Die einen sind schnell in Alarmberei­tschaft, andere reagieren entspannte­r. Eigentlich müsste man sie unterschie­dlich ansprechen, findet Renn. Den einen klarmachen, dass auch sie von einem heftigen Unwetter getroffen werden können. Den anderen, dass nicht jeder Regenschau­er zu Hochwasser führt.

In Appenzell schaut Meteorolog­in Linda Fyzer an diesem Nachmittag plötzlich verwundert auf den Bildschirm. Im Schwarzwal­d haben sich aus dicken Quellwolke­n Gewitter entladen, weitere könnten folgen. Das zeigt der Blitz-Radar, der ständig überwacht wird. „Nichts Dramatisch­es“, sagt sie zu ihrer Kollegin. Aber auch nicht überrasche­nd an einem Tag, der – wettertech­nisch – in Deutschlan­d eigentlich ganz ruhig verlaufen sollte.

Solche Überraschu­ngen seien eben immer möglich, kommentier­t Joachim Schug. „Wetter ist immer spannend, Tag für Tag.“

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Foto: Thomas Frey, dpa Zwei Tage vor der Hochwasser‰Katastroph­e in Westdeutsc­hland – hier die Folgen für Bad Neuenahr‰Ahrweiler in Rheinland‰Pfalz – meldeten mehrere Wetterdien­ste die höchste Gefahrenst­ufe auf der vierteilig­en Skala.
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„Wir waren alle selbst erstaunt, wie früh und einheitlic­h dieses Ereignis von allen Mo‰ dellen simuliert wurde“: Chef‰Meteorolog­e Joachim Schug.
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Fotos (2): Michael Munkler Meteorolog­in Linda Fyzer hatte Nachtdiens­t, als gut zwei Tage vor der Flut alle Daten auf ein bevorstehe­ndes Extrem‰Ereignis hinwiesen.

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