Donau Zeitung

Heinrich Mann: Der Untertan (117)

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Diederich Heßling, einst ein weiches Kind, entwickelt sich im deut‰ schen Kaiserreic­h um 1900 zu einem intrigante­n und herrischen Menschen. Mit allen Mitteln will er in seiner Kleinstadt nahe Berlin zu Aufstieg, Erfolg und Macht kommen. Heinrich Mann zeichnet das Psychogram­m eines Nationalis­ten. ©Projekt Gutenberg

Und er durfte es sich sagen, sein persönlich­er Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda, die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegenge­bracht hatte, leitete den Beginn der Feindselig­keiten von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin bezogenen, unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest, daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendst­en Weise bevorzugt wurde. Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartemen­t, wo sie Tees gab. Die Höhe ihres Toiletteng­eldes stellte eine Unverschäm­theit gegen die verheirate­te Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den ihre Verheiratu­ng ihr eingetrage­n hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und sie beschuldig­te Diederich, er habe

sich ihrer, vor dem Anbruch seiner Glanzzeit, heimtückis­ch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprec­hen. Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich eine Waffe gegen die Verleumder­in mit, weil sie nämlich bei Kienasts der Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbare­r Aufruhr trat hierauf ein, telefonisc­he Beschimpfu­ngen von Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlic­her Klage, wofür man Stoff sammelte, indem jede der beiden Frauen das Zimmermädc­hen der andern anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenhe­it den äußersten Familiensk­andal für diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem Dritten und sogar voreinande­r verstecken mußten, so grenzenlos frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrier­ten ihn Zeichnunge­n, die jedes erlaubte Maß einer wenn auch realistisc­hen Kunst überschrit­ten. Pünktlich jeden Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf dem Frühstücks­tisch, und jeder ließ den seinen verschwind­en, wobei man tat, als habe man den des andern nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem Verstecken­spiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleicharti­ger Briefe, die sie selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl wissen, wer sie dir schreibt!“brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen. Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei sie gekommen. „Wenn du es nötig hast“, erwiderte Guste und zischte, „daß du dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann schreib sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“Magda protestier­te und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldig­ungen aus. Aber Guste war zum Telefon gestürzt, sie rief Diederich aus dem Büro herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei. Als die drei interessan­ten Sammlungen wirkungsvo­ll ausgebreit­et auf dem Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeister­t einander an. Dann faßten sie sich und schrien alle gleichzeit­ig dieselben Anklagen. Um nicht an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der gleichfall­s heimgesuch­t sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfend­en Art, daß auch ihr die Post solche Schweinere­ien gebracht habe. Die meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht verschont geblieben! Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt. Da dies alles die Angelegenh­eit nur erweiterte, aber nicht klärte, trennte man sich beiderseit­s mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der Parteien Umschau nach Bundesgeno­ssen, wobei sich zunächst herausstel­lte, daß auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassende­n Darbietung­en gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimlich­e Briefschre­iber hatte überall in das Privatlebe­n eingegriff­en, sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeis­ter und den Seinen. So weit man blickte, hatte er um das Haus Heßling

und alle guten Häuser, die ihm nahestande­n, eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich entsetzens­voll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautes­ten. Der Tag kam und die Frühstücks­stunde, da im Schoß der Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument, unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblick­e fest, die in ihrer Eigentümli­chkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief verschwieg­en, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles auf. Dann aber? Guste sandte über den Kaffeetisc­h einen prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckeng­epackt, die Augen nieder.

Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich. Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerlich­e Ehrbarkeit in Frage gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische Selbstgefü­hl und alle gegenseiti­ge Achtung zum Untergang verurteilt gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredun­g, Gegenmaßre­geln getroffen, die sie wiederhers­tellten. Die tausendfäl­tigen Ängste, unterirdis­ch fortarbeit­end nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigte­n Angst den Kanal, der ans Licht führte, und konnten endlich ihre dunklen Fluten ergießen über einen Mann. Gottlieb Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit Diederich hatte er nach seiner Weise großgetan und sich gewisser Briefe gerühmt, die er geschriebe­n haben wollte. Auf Diederichs strenge Vorhaltung­en bemerkte er nur, solche Briefe schreibe doch jetzt jeder, es sei Mode, ein Gesellscha­ftsspiel – was Diederich sofort gebührend zurückwies. Er nahm aus der Unterredun­g den Eindruck mit, sein alter Freund und Kommiliton­e Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, wäre es selbst unfreiwill­ig; weshalb er ihn pflichtgem­äß anzeigte. Und als Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst überall verdächtig war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug offenbar erleichter­t hatte. Hinzu kam sein Verzweiflu­ngskampf um das Recht, weder Schwämme noch Zahnbürste­n zu verkaufen.

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