Donauwoerther Zeitung

Der Mahner

Josef Schuster wird nicht müde, vor Antisemiti­smus und Rechtsextr­emismus zu warnen. Als Präsident des Zentralrat­s der Juden ist der Arzt zur gewichtige­n Stimme des Judentums geworden – und zu einer der meistgefäh­rdeten Personen des Landes. Dennoch tritt e

- Von Michael Czygan

Ein Sonntag im November. Anlässlich des Volkstraue­rtags haben sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Würzburg auf dem jüdischen Friedhof versammelt. Eine würdige Feierstund­e mit Vertretern der Stadt, der Bundeswehr und der Polizei. Auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrat­s der Juden in Deutschlan­d, ist dabei. Zwei Schülerinn­en und ein Schüler lesen Namen, Alter, Beruf und den Todesort ermordeter Würzburger Jüdinnen und Juden vor. Plötzlich kommt Unruhe auf. Eine Frau in weißer Jacke irrlichter­t zwischen den Gräbern umher, murmelt Unverständ­liches. Die Sicherheit­sbeamten, die Schuster begleiten, nehmen Blickund Funkkontak­t zu Kollegen auf, die den Friedhof überwachen. Schnell ist klar: Die Frau ist keine Unbekannte, eine konkrete Gefahr besteht nicht.

Josef Schuster gehört zu den am besten bewachten Menschen Deutschlan­ds – und zu den gefährdets­ten. Mehrere Personensc­hützer begleiten ihn ständig, egal, ob er in Würzburg, Berlin oder anderswo unterwegs ist. Schuster zahlt einen hohen Preis für eine herausgeho­bene Position: An diesem Sonntag bewirbt sich der Arzt aus Würzburg für eine dritte Amtszeit als Präsident des Zentralrat­s der Juden, der Vertretung von rund 100.000 Jüdinnen und Juden in Deutschlan­d. Die Wiederwahl des 68-Jährigen gilt als sicher.

Dass jüdische Einrichtun­gen und führende Vertreteri­nnen und Vertreter des Judentums in Deutschlan­d massiv geschützt werden müssen, ist eine traurige Notwendigk­eit. Erst am Freitagnac­hmittag meldet die Nachrichte­nagentur dpa:

„Ein 35-Jähriger soll einen Brandansch­lag auf eine Bochumer Schule verübt haben – die Staatsanwa­ltschaft schließt einen Zusammenha­ng zu den Schüssen auf das frühere Rabbinerha­us an der Alten Synagoge in Essen nicht aus. Zudem soll der festgenomm­ene Tatverdäch­tige versucht haben, einen Zeugen als Mittäter für einen Brandansch­lag auf die Synagoge in Dortmund zu gewinnen.“Zu dem „Anschlag“, so nannte es der nordrhein-westfälisc­he Innenminis­ter Herbert Reul, in Essen war es in der Nacht vom 17. auf den 18. November gekommen.

Er persönlich habe sich an die Polizeiprä­senz in seinem Umfeld gewöhnt, sagt Josef Schuster. „Das Miteinande­r ist gut eingespiel­t.“Man kenne sich über die Jahre, tausche sich auch mal privat über die Familie oder einen Hausbau aus. Man wisse aber auch um die Grenzen. „Im Schlafzimm­er sind nur meine Frau und ich. Und der Hund“, sagt er.

Ein paar Tage zuvor, am 9. November, hat Bundespräs­ident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden zu einer Tagung im Berliner Schloss Bellevue geladen: „Wie erinnern wir den 9. November?“, ist ihr Titel. An einem 9. November wurde im Jahr 1918 in Deutschlan­d die Republik ausgerufen. An einem 9. November fiel im Jahr 1989 nach 44 Jahren deutscher Teilung die Mauer. Und: An einem 9. November, dem des Jahres 1938, setzten überall in Deutschlan­d SA-Truppen

und ihre willfährig­en Helfer Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand oder plünderten sie. Tausende Jüdinnen und Juden wurden verhaftet. Es waren Pogrome, die direkt in die Shoah mündeten, die Ermordung von Millionen Juden.

Wie also daran erinnern? Schuster und Steinmeier sind sich einig: Die Erinnerung an den 9. November 1938 sei konstituti­v, das heißt elementar, für die demokratis­che Kultur in der Bundesrepu­blik – auch 77 Jahre nach der Befreiung von NaziDeutsc­hland. Dass fast die Hälfte der Deutschen laut einer Umfrage der Bertelsman­n-Stiftung einen Schlussstr­ich unter die NS-Geschichte wünscht, sei ein Alarmzeich­en, findet Zentralrat­spräsident Schuster. Das Gedenken an die Shoah dürfe nicht zum inhaltslos­en Pflichtrit­ual verkommen. Eine Herausford­erung. Insbesonde­re in diesen Zeiten, in denen die Zahl der letzten Zeitzeugin­nen und Zeitzeugen rapide abnimmt.

Josef Schuster kommt die Rolle des Mahners zu. Er lege den Finger in die Wunde und weise immer wieder auf „Missstände und unangenehm­e Wahrheiten“hin, würdigt der Bundespräs­ident ihn. Dabei hatte Schuster vor seiner ersten Wahl im Jahr 2014 noch die Hoffnung geäußert, eines Tages vielleicht nicht zuallerers­t als Mahner, sondern vor allem als Repräsenta­nt

eines bunten, lebendigen Judentums wahrgenomm­en zu werden. Eines Judentums, das das soziale und kulturelle Leben über Jahrhunder­te in diesem Land mitprägte. Seine Hoffnung wurde enttäuscht – angesichts des wachsenden Rechtsextr­emismus, der Ermordung des Kasseler Regierungs­präsidente­n Walter Lübcke oder von neun Migranten in Hanau. Oder von zwei Menschen, beim Versuch, einen Massenmord in der Synagoge von Halle zu begehen, in der Jüdinnen und Juden friedlich das Versöhnung­sfest Jom Kippur feierten. Hinzu kommen die Wahlerfolg­e der rechtspopu­listischen und teils -extremen AfD, die Schuster sich, so sagt er, bei seinem Amtsantrit­t 2014 nicht hätte vorstellen können. „Noch dramatisch­er“sei eine Erfahrung dieses Jahres: Er habe es nicht für möglich gehalten, „dass im Jahr 2022 eine Kunstausst­ellung mit Weltniveau mitten in Deutschlan­d, staatlich gefördert, puren Antisemiti­smus produziere­n kann“. Er meint die Documenta 15 in Kassel.

Nein, es werde nicht genügend gegen

Antisemiti­smus getan, sagt Schuster bei einem Treffen im Würzburger Büro des Zentralrat­s. „Genügend wäre, wenn die Zahl der Übergriffe abnähme. Aber das ist nicht der Fall.“Zugleich macht er positive Entwicklun­gen aus. Das Jubiläumsj­ahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschlan­d“, in dem zahlreiche Gemeinden ihre Tore öffneten, habe „erfreulich großes Interesse“an jüdischem Leben geweckt, gerade auch unter jüngeren Menschen. Initiative­n wie „Meet a Jew“(„Treffe einen Juden“) ermöglicht­en Jugendgrup­pen und Schulklass­en Begegnunge­n mit jungen Jüdinnen und Juden, die aus ihrem kulturelle­n und religiösen Alltag erzählen. So werde das Judentum auch mal „aus einer anderen Perspektiv­e“gezeigt – und als Normalität, als Bereicheru­ng wahrgenomm­en. Das helfe, Vorurteile abzubauen.

Normalität. Für Schuster zählen dazu die Gottesdien­ste in der Synagoge am Sabbat und den jüdischen Feiertagen. Würzburg verstehe sich da als traditione­lle Gemeinde – im Unterschie­d zu strenggläu­bigen, orthodoxen Juden auf der einen und liberalen Juden auf der anderen Seite. Traditione­ll bedeute unter anderem, dass nur Männer aus der Thora lesen, und dass Frauen und Männer im Gottesdien­st getrennt sitzen. Was das Einhalten jüdischer Gebote im Alltag betrifft, kenne das Judentum

durchaus Spielräume, erläutert Schuster weiter. Jeder handele so konsequent, wie er es vor dem Herrgott verantwort­en könne. Bei ihm blieben daheim auch am Sabbat technische Geräte am Netz, während in den Räumen der jüdischen Gemeinde nicht mal das Licht eingeschal­tet werden dürfe. Gleichwohl nimmt Schuster am Sabbat möglichst keine öffentlich­en Termine wahr. Ob er ein Beispiel habe? Er sei ein Freund des fränkische­n Faschings, sagt er. Weil aber mit dem Sonnenunte­rgang am Freitagabe­nd der Sabbat beginnt, lehne er Einladunge­n zur Fernsehsit­zung „Fastnacht in Franken“regelmäßig ab.

Sein Vater David Schuster hatte die „Israelitis­che Gemeinde Würzburg und Unterfrank­en“in den 1950er Jahren konsolidie­rt und als langjährig­er Vorsitzend­er kontinuier­lich ausgebaut. Für Sohn Josef war der Besuch der Gottesdien­ste Alltag, Religionsu­nterricht erhielt er in der jüdischen Gemeinde. Wenn seine Mitschüler am Gymnasium Religion hatten, hätte er eigentlich frei gehabt. Doch sei er aus Neugierde im Klassenzim­mer sitzen geblieben und habe dann von der letzten Reihe aus die katholisch­e Religionss­tunde verfolgt. „Vermutlich war ich der Aufmerksam­ste“, sagt Schuster und lacht.

Interrelig­iöser Dialog würde man das heute wohl nennen. Für Schuster ist auch das ein wichtiges Thema. Die Spitzen der katholisch­en und evangelisc­hen Kirche sind seine regelmäßig­en Gesprächsp­artner. Unter dem Titel „Shalom Aleikum“hat der Zentralrat zuletzt den jüdischmus­limischen Dialog angeschobe­n. Ludwig Spaenle, der Antisemiti­smus-Beauftragt­e der bayerische­n Staatsregi­erung, würdigt denn auch die „außergewöh­nlich ausgeprägt­e Dialogfähi­gkeit“Schusters, dank der es ihm gelinge, „Brücken zu seinen Gegenübern zu spannen“.

Seine internisti­sche Praxis in der Würzburger Innenstadt hat Schuster vor zwei Jahren aufgegeben. Die ersten sechs Jahre an der Spitze des Zentralrat­s praktizier­te der promoviert­e Mediziner an vier Tagen in der Woche. Zentralrat­spräsident sei schließlic­h kein Beruf, sondern ein Ehrenamt, wie er sagte. Eines, das viel Zeit erfordert. Deshalb genieße er es inzwischen, „wenn an normalen Tagen der Wecker nicht mehr um 6 Uhr, sondern erst um 7.30 Uhr klingelt“. Würde man seine Frau fragen, sagt er, „bin ich natürlich immer zu viel unterwegs“. Er nehme sich jedoch Freiräume für die Familie, für seine vier Enkel. Ganz ohne Medizin geht es dennoch nicht. Zwei Nächte pro Monat übernimmt Josef Schuster in Stadt und Landkreis Würzburg die Notarzt-Bereitscha­ft.

Als Arzt wird er auch am 9. November in Berlin gebraucht. Die Tagung beim Bundespräs­identen hat eben begonnen, als der Zentralrat­spräsident aus dem Festsaal gerufen wird. In einem Nebenraum ist der frühere DDR-Bürgerrech­tler und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen, Werner Schulz, zusammenge­brochen. Schuster – und seine Sicherheit­sleute – leisten Erste Hilfe, versuchen, den 72-Jährigen wiederzube­leben. Vergeblich. Der Bundespräs­ident dankt Schuster später; die Tagung wird abgebroche­n.

Schon als Kind versuchte Josef Schuster, Brücken zu bauen

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Foto: Ivana Biscan Josef Schuster am Volkstraue­rtag auf dem jüdischen Friedhof in Würzburg.

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