„Pres­se­clowns“oder: Die Kri­se der Vier­ten Ge­walt

„Zu­erst die gu­te Nach­richt“– Urauf­füh­rung der Bür­ger­büh­ne des Dresd­ner Staats­schau­spiels

Dresdner Neueste Nachrichten - - Kultur - VON JUS­TUS H. ULBRICHT Auf­füh­run­gen: 18. und 26.No­vem­ber, 1., 8. und 14. De­zem­ber, Klei­nes Haus www.staats­schau­spiel-dres­den.de

Die gu­te Nach­richt zu Be­ginn: Was am Sams­tag über die Bret­ter des Klei­nen Hau­ses ging, war Bür­ger­büh­nen-thea­ter mit ho­hem Un­ter­hal­tungs­wert. Neun Mit­bür­ger und Me­di­en­pro­fis tra­ten in ih­re Rol­len hin­ein, um uns zu zei­gen, was sie im ech­ten Le­ben um­treibt. Die phan­ta­sie­voll-amü­san­ten Ko­s­tü­me (Büh­ne und Ko­s­tüm: Mai Go­gish­villi) pass­ten zum Da­tum. Am Fa­schings­an­fang wur­den wir Zeu­gen ei­ner Num­mern­re­vue, de­ren Si­tua­ti­ons­ko­mik ge­paart war mit bit­te­rem Ernst und ho­hem päd­ago­gi­schen Fu­ror: Schaut her, wir sind‘s, die „Twit­ter­tus­sen“, „Edel­fe­dern“, „Quo­ten-hu­ren“, die vie­le Hö­rer/le­ser/zu­schau­er mo­men­tan so tief ver­ach­ten. Wenn ihr uns „Lü­gen­pres­se“nennt, wol­len wir euch doch mal die Wahr­heit sa­gen. Lasst euch nicht täu­schen durch un­se­re Kla­mot­ten aus der Welt der Mar­vel-co­mics, Man­gas und Mu­tan­ten, wir sind drin­nen ganz echt. Hört un­se­ren Le­bens-lauf­bahn-lei­den­sGe­schich­ten erst mal zu, dann seid ihr das Pu­bli­kum, das wir uns wün­schen: neu­gie­rig, wiss­be­gie­rig, kri­tisch….und dank­bar.

So ent­stand in der Re­gie von Jes­si­ca Glau­se at­mo­sphä­risch ein (bis­wei­len zu glat­tes) Ein­ver­ständ­nis-thea­ter; die Schau­büh­ne mu­tier­te zur mo­ra­li­schen An­stalt, in der A-mo­ral als Un­tu­gend se­ziert wur­de. Er­kenn­bar pro­fes­sio­nell ge­führt, lie­ßen die Lai­en-spie­ler (Marcus An­häu­ser, Micha­el Bartsch, Jür­gen Hahm, Char­lot­te Mor­a­che, Dana Ritz­mann, Anne Schnei­der, Le­na Schulz, Yo­lan­de van der Dei­jl, Chris­toph von Lö­wens­tern) ih­rer Phan­ta­sie frei­en Raum und selbst­hyp­no­ti­sier­ten sich zu „Su­per­Jour­na­lis­ten“, die sie im All­tag nicht sind. „Was ist denn in den Au­gen der Leu­te ein gu­ter Jour­na­list“, lau­te­te die Kern­fra­ge, die zur Nach­fra­ge führ­te: „Ich fra­ge mich eher, was ist ein gu­ter Re­zi­pi­ent“?

Das wut­bür­ger­li­che „Lü­gen­pres­sen“-pu­bli­kum frei­lich war we­der im Saal noch dra­ma­tur­gisch prä­sent. Es blieb nur die Fo­lie die­ser „Kri­sen­schau“– und man fragt sich so­fort, wie die Per­for­mance an an­de­ren so­zia­len Or­ten Dres­dens an­kä­me. So wie­der­hol­te sich im Spiel ei­ne Pro­blem­kon­stel­la­ti­on, de­ren Dra­ma­tik den All­tag des Jour­na­lis­mus be­stimmt: „die Nor­ma­los“hö­ren oft nicht mehr zu, wis­sen aber „voll Be­scheid“, wie es um „die Pres­se“und „die Welt“steht.

Jour­na­lis­ten kämp­fen um ei­ne Wahr­heit, die nicht al­lein die ih­re ist. Da­her geht uns al­le an, was als Rou­ti­ne, Lei­dens­druck und Frust die Jour­na­lis­tenSee­le füllt. Denn es sind die Blät­ter, die uns die Welt (be)deu­ten; die Film­aus­schnit­te, die wir fürs Gan­ze hal­ten wol­len, der O-ton als Ge­räusch der Wirk­lich­keit. Die „Med­chen-ma­cher“, wie man in Sach­sen sagt, zei­gen uns Frag­men­te, de­ren Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen hin­ter der Macht der Bil­der und Wor­te frei­lich ver­schwin­det. Längst ist der „User“au­ßer­dem sein ei­ge­ner „Wahr­heits“-pro­du­zent ge­wor­den, face­book, twit­ter and so on sei Dank (Dank?). Jen­seits un­se­res engs­ten Be­zirks (in Her­zen, Kopf und Hand) ist und bleibt die Welt ei­ne Nach­richt, in­sze­niert wie Thea­ter und Kunst, mal schreck­lich, mal schön, mal tref­fend, mal „da­ne­ben“. Zwi­schen uns und der Welt aber ste­hen „die da“, de­ren Kennt­nis­se manch­mal auch nur aus drit­ter Hand stam­men. Denn Me­di­en ver­viel­fäl­ti­gen Me­di­en, kon­stru­ie­ren Be­deu­tung und blei­ben auf Ver­mu­tun­gen an­ge­wie­sen. Wer das be­dau­ert, soll­te wis­sen, wie be­schränkt er sel­ber ist. Wer die Ein­sei­tig­keit von Nach­rich­ten be­klagt, darf den ei­ge­nen Hun­ger nach Ein­deu­tig­keit nicht ver­ges­sen. Wir al­le gie­ren nach kla­ren Wor­ten und Bil­dern, weil die Wirk­lich­keit so un­deut­lich da­her kommt.

Es heißt, wir leb­ten in „post­fak­ti­schen“Zei­ten, in der nur noch Mei­nun­gen und Emo­tio­nen zähl­ten. Tref­fen­der wä­re die Ein­sicht, dass wir in po­ly­fak­ti­schen Zei­ten exis­tie­ren, in de­nen wir hart, aber fair um an­ge­mes­se­ne Ein­sich­ten in die Welt­läuf­te rin­gen müs­sen. Die Flut der News über­schüt­tet da­bei schon die, de­ren Auf­ga­be es ist, mög­lichst kos­ten­güns­tig, schnell und „rich­tig“das zu pro­du­zie­ren, was wir dann als wah­res Jour­nal des Heu­ti­gen

Fo­to: Da­vid Balt­zer

Sze­ne mit Marcus An­häu­ser, Anne Schnei­der, Chris­toph von Lö­wens­tern, Le­na Schulz, Yo­lan­de van der Dei­jl und Char­lot­te Mor­a­che.

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